Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
München, Sonntag, 9. Juli bis Dienstag, 11. Juli 1815 (Nr. 7)

An

Mademoiselle

Carolina Brandt

Sängerin und Schauspielerin

des Ständischen Theaters

zu

Prag.

gegen Recipiße.

No 7.

Wenn nicht dein lezter Brief mir so gut von deiner Gesundheit gesprochen hätte, ich würde heute ängstlich sein, da der gestrige Posttag mir keine Nachricht von meiner theuren geliebten Lina brachte. doch mein Mukkerl mag auch recht viel zu thun haben, und wie leicht verspätet auch oft der Postbote die lieben Zeilen die ihm so gleichgültig und unbedeutend neben 1000 andern scheinen. die Sonne drängt sich heute gewaltsam durch die trüben Wolken; ich will es auch so machen. Mein Geist ist etwas umflort, und ich suche am liebsten Ruhe und Hülfe bey meiner Lina. Ich fühle wohl daß das eigentlich nicht sein sollte, daß ich nur mit heiterm Blik und Stimmung vor diejenige hintreten sollte, deren Leben ich so gerne mit Heiterkeit geschmükt sehen möchte; – aber es ist nun einmal nicht anders, es zieht mich unwiederstehlich dazu dir meine finstern Träume zu erzählen, und dich freylich auch dadurch wieder zu betrüben. Es ist ein trauriges Loos, daß man vom Schiksal dazu verdammt ist, das was man liebt, zu quälen. –

Nachdem ich den 7t meinen Brief an dich abgeschikt hatte, versuchte ich noch zu arbeiten, und es gelang mir mit einigem Mechanischen. um 12 Uhr gab ich Lection bey Wiebek: und zog mich dann um, um mit Baron Poisl nach Bogenhausen zum Dinér bey Minister Mongelas zu fahren. ich wurde sehr gut aufgenommen, muste nach Tische viel spielen, viel spielen hören, und kam endlich um ½ 9 Uhr ganz erschöpft wieder nach Hause.

Gestern d: 8t arbeitete ich Morgens und exerzirte mit Bärmann das neue Rondo. um 2 Uhr giengen wir zu Wiebekings zu Tische. wo ich natürlich abermals herhalten mußte bis 8 Uhr, und wie ich nach Hause kam fand ich wieder einige Freunde Bärm: denen ich troz meiner Erschöpfung wieder etwas zu hören geben muste. ich kann dir nicht sagen meine liebe Seele, wie angegriffen ich war, und welchen Eindruk es auf mich machte, mich so ermattet von einer sonst mir so spielend überwundenen Anstrengung zu sehen. ich habe ja aber einmal mein Leben darein gesezt, und meine Bestimmung darinnen gesehen, für andre zu leben, und ihnen meine Kunst zur freudigen Beute zu geben. also heißt es, erfüllen, und tragen, ohne Murren. Heute ist Sonntag, also wohl Oper in Prag, und wahrscheinlich hat mein Mukkerl zu thun, und ist nun mit seinem Anzug beschäftiget. ich sehe dich im Geiste hin und her wandeln, anordnen, nähen, vor dem Spiegel etwas anprobiren mit dem sich links und rechts sich werfenden Köpfchen. und bald wirst du fragen, Mutter, eßen wir denn noch nicht bald? ich habe Hunger. das angenommene Wesen aber genirt mich in Gedanken, ich weiß es nirgends hinzusezzen und zu stellen, und kann mir auch nicht berechnen, in wie fern du dich mit ihm abgiebst, sprichst pp. – o weh da werde ich gestört, die Harlas kömt und will singen.

Leb wohl, geliebtes Leben; denkst du wohl jezt auch an mich? – – –

Den Gestrigen ganzen Tag, brachte ich außer der Lection bey Wiebek: zu Hause zu. will ich konnte mich nicht entschließen auszugehen. will weil ich immer noch insgeheim die Hoffnung nährte doch noch einen Brief von dir zu erhalten. vergebens – – ich fürchte sehr daß man unsern häufigen Briefwechsel fürchtend, selben zu unterbrechen sucht. kömt bis zum übermorgenden Posttag kein Brief von dir, so schließe ich diesen, Kainz oder sonst jemand ein, der ihn dir selbst übergeben muß. ich bin in einer Unruhe die mich nichts zusammen hängendes thun und denken läßt, und mir eben so wenig erlaubt nichtssagende Visiten pp zu machen. Auch über meinen Geschäften liegt eine unangenehme Stille. Die Königin hat noch immer nicht bestimmt ob, und wann Sie mich hören will; ehe dieß nicht geschehen kann ich keine weiteren Anstalten zum Concert in der Stadt treffen, und die Zeit wird mich endlich sehr drängen. bis d: 26t hoffe ich ein Concert auf jeden Fall zu geben, und dann darf ich eilen genug wenn ich noch meine übrigen vorhabenden Reisen bis d: 7t Sept: vollenden will. ich bin eigentlich sehr unzufrieden mit mir, als Concertgebender versäume ich alles dazu nothwendige unter dem Vorwande arbeiten zu wollen, und die Zeit die ich der Arbeit widme, verfließt unter unthätigen Träumereyen. Nicht die allernothwendigsten Briefe habe ich noch beantwortet, an Niemand geschrieben als an Liebich und Jungh; nicht an Gubitz, Friedrich pppppppp ich kann nicht, ich kann nicht. heute Nachmittag will ich zu Schelling gehen, vielleicht daß daß dieser tief philosophische Geist mich wenigstens mit edlen Geistesspekulationen umspinnt. Die Nähe eines großen Mannes hat immer etwas ergreiffendes.

Ich hätte dir so viel zu sagen, so viel zu klagen, aber mein Kopf ist so wüst, mein ganzes so unstät. ich würde dir nur wehe thun durch die Äußerungen meines Trübsinns.

Gott erhalte dich nur Gesund, das ist der einzige Wunsch deines treuen Carls.

Endlich fand ich Gestern Abend deine freundlichen Zeilen vom 3t huj: abermals haben wir zu gleicher Zeit an einander geschrieben und ich bin froh daß meine mißtrauischen Ahndungen von zurükhalten der Briefe pp ungegründet waren. doch gehen die Briefe unglaublich langsam, freylich ist deiner vom 3t und folglich erst d: 5t abgegangen da den 5t Mittwoch und also Posttag in Prag war.

An was sollte ich sonst in der Welt Freude finden, als daran dir mein Schiksal mitzutheilen. es ist zu innig mit dir verwebt als daß ich den Gedanken faßen könnte es nicht zu thun. Beruhige dich geliebtes Herz über meine Stimmung. Du weißt ja von jeher daß ich ernst und finster bin, und wenn ich jezt so bin, so ist mir das doch wohl nicht zu verargen.

Ja, ja, der Kunst hast Du mich freylich wiedergegeben, so ganz, daß auch sonst für nichts mehr ein Funke Hoffnung oder Freude in mir glimmt, ganz abgeschloßen bin ich in mir für sie, denn etwas muß ich doch noch auf dieser Welt bedeuten, wenn ich nicht ganz mich selbst als ein des Lebens unwürdiges Wesen betrachten soll. Der Fleiß wird wohl ersezzen was der frohe heitre Muth geleistet hätte, und welche Farbe meine Werke tragen, das ist ja einerley; zwing ich doch Niemand sie zu hören oder zu spielen. darum geliebte Lina, quäle dich nicht mit trüben Zweifeln, ich werde mir Mühe geben die Pflichten zu erfüllen, die der Himmel mir auferlegte, als er mir ein bedeutenderes Talent schenkte und so oft dann mein Name mit einigem Rufe geschmükt zu dir schallt, so denke dabey, daß ist der Mann, der mich unendlich liebt, nur in mir lebte, und dem außer mir die Welt nichts mehr ist. Ja meine theure Lina, immer wird die Errinnerung an dich, an deine innig ergreiffende Liebenswürdigkeit mich umschweben. wenn ich so mit Bärmann nach Hause komme, und die gute Har: ihm entgegen geht, wie oft und wie immer vergleiche ich da in Gedanken, und wie unendlich schmerzhaft drängt sich dann mit dem Vergleichen, und der Errinnerung an mein verlohrenes Glük, eine unaufhaltbare Thräne in mein Auge, und ich flüchte in mein stilles Kämmerchen. – – – – – Es ist heute seit langer Zeit der erste schöne Abend. möge er dir doch heiter scheinen, und dich froh machen. meine guten Wirthe sind ins Theater. den ganzen Vormittag habe ich mit einigen sehr nothwendigen Visiten getödtet. H: Kapellmster Winter hat mir einige Kabalen gemacht, und dadurch einige Gänge verursacht. ich muß auch das leichteste mit Schwierigkeit erringen, in Allem spricht sich meine Bestimmung zu kämpfen und zu ringen aus. in Gottes Namen. Schwimm guter Schwimmer bis Dir der Odem ausgeht. Dein Brief ist so lieb, und gut; und doch möchte ich über einiges mit dir zanken; du kennst ja den alten GrübelGeist aber – ich zanke nicht mehr. ich bin recht sanft geworden. –

daß du mir nichts mehr von Liebich schreibst, ist mir ein Zeichen seiner Herstellung. Möge er der Welt lange erhalten werden dieser treffliche Künstler, der viel zu wenig noch gekannt und geschäzt ist.

Nun gute Nacht, geliebter Mukkel, ich will es versuchen noch etwas zu arbeiten. ich kann gar nicht recht vertraut mehr mit meinen eignen Sachen werden, sie sind mir so fremd, so – als ob sie mir nicht angehörten, sind sie vollendet, so lege ich sie ohne alle Theilnahme zu den übrigen, und freue mich nur wieder etwas angefangenes vom Halse zu haben. Gute, gute Nacht. freundliche Bilder mögen dich umgaukeln. noch ist es mir vergönnt dir zu sagen wie unaussprechlich theuer du mir noch bist, und wie unveränderlich treu ewig seyn wird Dein Carl. gute Nacht.

Sigle doch Deine Briefe beßer zu, der lezte war ganz offen
beynah.

Herrn Schwarz nebst Familie grüßt freundschaftlichst vWeber*

Apparat

Zusammenfassung

Privates; habe mit Bärmann sein neues Rondo gespielt; klagt über Schwierigkeiten bei der Planung seiner Konzerte; erwähnt Kabalen mit Winter.

Incipit

Wenn nicht dein lezter Brief mir so gut

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN - Mus. ep. C. M. v. Weber 57

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
  • PSt.: a) R. 4. MÜNCHEN / 12 JUL. 1815; b) Chargé
Weitere Textquellen
  • Hans Christoph Worbs, Carl Maria von Weber. Briefe, Frankfurt 1982, S. 66–70
  • Bartlitz (Muks), S. 151–157 (Nr. 24)
  • [MMW I, S. 484 (nur Auszug)]

Textkonstitution

  • "sich": durchgestrichen.
  • "will": durchgestrichen.
  • "will": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… nebst Familie grüßt freundschaftlichst vWeber": Auf der Adressenseite nach Faltung des Briefes von Weber hinzugefügt.

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