Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Berlin, Mittwoch, 1. Januar bis Samstag, 4. Januar 1817 (Nr. 15)

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An Mademoiselle

Carolina Brandt.

Wohlgebohren

MitGlied des Ständischen Theaters

zu

Prag.

Wohnhaft am Juden-

TandelMarkt im Hause

des Herrn PostOffizianten

Schwarz.

Prost Neujahr!! Millionen Bußen. und gute Nacht gute gute Nacht. mein einzig vielgeliebter Muks.

Ich wollte daß der Teufel alle übergefälligen Freunde über 400000 Bloksberge weg mit ihren Naseweisen, ungewaschnen, vorlauten einfältigen Plappermäulern führte.     Ich bin so böße ich könnte alles frikaßiren vor Wuth.     Nu, nu! erschrikk nur nicht zu sehr, ich bin schon wieder gut, und beim Lichte besehen hat ja mein Muks dadurch einige Tage früher Freude gehabt*, die man nie früh genug haben kann. Aber so ist es, ich meine immer alle Freude für meine Lina dürfte nur von mir aus gehen.

Nun will ich aber ordentlich erzählen, sonst glaubst du ich bin toll geworden.     Nachdem ich Gestern meinen Brief No. 14 abgeschikt hatte, lauerte ich vergebens auf einen Brief von Muks. Gieng um 6 Uhr auf die Akademie, von da zu Krausens, und von da um 10 Uhr zu Jordans*, wo Lichtensteins und beinah alle meine Bekannten waren. an beiden Orten muste ich spielen, wie das wohl hier geht wie du weißt. Es war recht lustig, ich saß zwischen der Wollank und Lork, und plauderte recht viel von dir, was mich wie immer sehr heiter und aufgeräumt machte. Punkt 12 Uhr tranken wir deine Gesundheit, dann wurde Prost Neujahr gejubelt, und und – und – dein Muks muste viel Bußen, aber du hättest nichts dagegen gehabt, und alle wünschten dich unzähliche mal herbey. Müde matt und abgetragen kam ich um 2 Uhr nach Hause, und konnte nicht in Bett gehen ohne dir wenigstens 2 Worte zu schreiben, wie oben zu lesen.     Heute habe viel Visiten geschnitten, Mittag bey Hothos gegeßen, und dann in die Armide von Gluk gegangen die bis nach 10 Uhr dauerte*. Wie ich nach Hause komme finde ich deinen lieben Brief No: 13t und las die erste Seite halb lachend vor Freude, halb weinend vor Ärger, daß mein schön ausstudirtes Kunststük in Nro: 13* nun ohne allen Effekt abblizt.     Du wirst mir zwar vielleicht um mich zu trösten sagen es habe dich doch überrascht, aber es ist doch schade drum.     Uebrigens ist es wunderbar daß wir die Nachricht zu gleicher Zeit an dem nehmlichen Tage d: 25t Xbr erhielten*.     Na nu bin ich wieder getröstet, und nun laß dich herzlichst abbußen, für die Freude und Lust die aus jeder Zeile deines lieben lieben Briefes blizt. Ja wohl ist der liebe Gott gut, und ich kann ihm nicht genug danken daß du so bald einsehen und fühlen lernst daß nur wahre Güte, nichts halbes glüklich macht. Das leztere muß zum schreklichsten gränzenlosesten Elend führen. Er macht dir leicht die ersten Schritte, denn freylich wenn das Sprüchlein gilt
thue was ich will

o dann bin ich still – ist es leichter brav sein, aber warte nur, ich | will das Leben schon sauer machen, und Dich so coujoniren, Nun! – gelt es wird dir schon Angst? Ja ja halt nur die Ohren steiff.

Du bist aber so brav daß ich gar nicht Worte genug finden kann dir ein ordentliches würdiges BelobungsDekret zu übermachen. Ein bischen Hallunt und Spißbub gutt zwar hervor, Z: B: in dem gar exakten Bericht und Tagebuch; aber ich kann auch schreiben,
Wenn dir dieser Brief zu lang sein sollte p p
– – –     Schlafengehen – – pp

Das ist noch ein Glük daß du mir noch hieher geschrieben hast, denn ich wäre in 1000 Ängsten gewesen, hätte es mir gar nicht erklären können, und dann in Dresden ohnfehlbar den armen Schmidl in der ersten Wuth todt geschlagen. Nun mein Brief No: 12 wird wohl machen daß du noch hieher schreibst, aber der 13t spedirt schon die Ordre* nach Dresden. was mir aber eigentlich nicht Recht ist, denn es hätte mich da die Posten jezt so hübsch schnell gehen /: denke doch dieser dein lezter Brief ist vom 27t und heute schon hier :/ hier noch eine Antwort treffen können. Nun, ich muß also desto mehr eilen nach meinem alten Dresden, wovon freylich meine Freunde und Arbeiten nichts wißen wollen.

Jezt lieber Muks muß ich in Bett, es ist höllisch kalt bey mir, und ich bin auch hundemüde. Also gute Nacht, mein vielgeliebtes Leben, schlafe recht gut, und träume von deinem dich ewig über alles liebenden Carl.     Millionen Bußen

Guten Morgen liebes Leben, wie hast Du geschlafen? gut? ich hoffe es wohl, denn du schreibst mir ja von rothen und ditten Betten, dem gut schmetten des Eßen und besonders Trinkens /: Ey Ey :/, da must du also auch gut schlafen.     Habe Gestern gar nicht mit dir plaudern können, und heute wird‘s auch nicht viel werden, habe gar zu viel zu laufen und zu thun.     Der Theater Chor brachte mir am Schluß des Jahres eine Serenade und gratulirte sämtlich. von Gänsbacher habe ich Briefe von Wien, er grüßt dich bestens, und wird heute oder Morgen nach Innspruk zurük reisen*.     Gestern früh machte ich Visiten und bekam welche. Mittag war ich mit Lichtensteins bey Lauska, wo wir recht vergnügt so ganz unter uns waren, und deine Gesundheit gewiß recht von Herzen getrunken wurde.     Dann hatte ich eine fatale Parthie, muste zu Mad: Möser, um ihr mehrere Paßagen in einem Concert zu ändern. ich war sehr ärgerlich darüber, aber diese Frau sezt einem die Pistole auf die Brust, der Herr Gemahl gieng gähnend auf und ab, und das dauerte von 7 – 10 Uhr dann kam erst Thee, nun dankte ich aber, und gieng fort in Bett.     Hier lege ich dir auch das Zahnpulver Rezept bei, das mir die Mad: Liman Gestern schikte.     Kystings grüßen alle aufs beste. Er hat ein Haus gekauft das ich ihm verschafte, sie werden die MantelGeschichte* besorgen. Den Gold und Silber Stramin* für die Kleinwächter nehme ich mit nach Dresden, weil es dort eher Gelegenheit giebt ihn nach Prag zu schikken*.     Ich habe nun schon keine Ruhe und keines Bleibens mehr hier, und doch habe ich noch so 1000erley Kleinigkeiten zu thun, wozu ich kein Sizzfleisch mehr habe. Nun in Dresden werde ich wohl alles einholen, da werden mir die Gesellschaften keine Zeit wegfreßen, und die Muße mich | alle rükständigen Arbeiten und Briefe vollenden laßen.     Aber jezt möchte ich schon mit dem Adam singen, der Teufel hol die Schererey, es ist gar kein Profit dabey* /: das ist aber nicht wahr hoffe ich, denn ich will dem Schleßinger noch was abnehmen zur Reise* :/ hier soll ich Zensiren, dort einen Visitiren p p p*     Nun adje, Muks. Neues weiß ich nichts, als daß man häufig davon spricht, ein gewisser Carl Maria habe sich sehr heftig in eine gewiße Brandt verschammerirt, und thue eigentlich nichts anderes als an sie Briefe schreiben.

     

Um diesem heillosen Geschwäzz Schranken zu sezzen, schließe ich /vor der Hand :/ und buße dich herzlichst ab, bis Morgen, ein weiteres Gekrazze erfolgt, von deinem paßabel fetten und ditten Mukkenkönig.

Ich muß diesen Brief heute Vormittag schließen und auf die Post schleppen, weil ich Mittags spät bei der Gräfin Rek eße, und es also nicht könnte, es ist mir deßhalb fatal, weil ich hoffte heut ein Schreiben von H: v: Schneefuß zu erhalten, deßen Empfang ich wenigstens gleich hätte anzeigen können. Gestern schrieb ich ausführlich an Beers in Rom und legte deinen Brief bei. Du Schlingel hast mir aber doch nichts geschikt wodurch du dich für den Battist Muß:* bedankt hättest, ich habe es unterdeßen in deinem Namen gethan.     Gestern Mittag war ich bey Weiss mit den beiden Rombergs*, und dann Abends in großer Gesellschaft beim StaatsRath Rosenstiel. Deine Gesundbeit wurde wie immer aus voller Seele getrunken, und man erkundigte sich fleißig nach dir, besonders Lauskas haben mir noch extra Grüße aufgetragen.

Heute Mittag können Junghs billigerweise die Ohren klingen, denn ich werde mit Tiedge und der Gräfin viel von ihnen sprechen.     Ich bin ordentlich in einer Art von Angst daß ich heute keinen Brief von dir bekomme, oder überhaupt hier keinen mehr, weil ich in meinem No: 13 dich schon nach Dresden an[gewiesen] habe. Mein Trost ist daß ich erst auf No: 12 Antwort erhalten muß. [Ich] kann gar nicht zu Ende kommen mit einer Menge dummer Kleinigkeiten, [und bin] darüber recht ärgerlich, denn du weist wie ich bin, wenn ich einmal beschloßen ha[be] fort zu gehen.     Wenn ich doch gleich durch Dresden durch zu dir mein geliebter Muks fahren dürfte, aber freylich ist dazu wohl vor der Hand keine Aussicht, wie du selbst ganz richtig bemerkst, vielleicht schikt mich der König nach Wien oder sonst wohin um Leute zu engagieren, und dann besuche ich Muks.     Hier haben sich schon eine ganze Portion Leute gemeldet. die weg wollen. Wie sähe es denn mit der Grünbaum aus? klopfe doch einmal an. auch Klement möchte ich gerne haben.     Wenn es nach meinem Willen geht, so ist dieß der vorlezte Brief den du von hieraus erhältst.     a prospos ich habe vergeßen unterthänigst zu melden, daß ich einen sehr schönen neuen blauen Rok und Hoserln, am Neujahrstage angehabt habe. kostet aber auch schöne Möpse. Wie geht es dir denn geliebtes Leben bist du noch so heiter wie dein lieber Brief No: 13 ausspricht?     Was sagen denn die H: Prager von meiner neuen Anstellung? An Gerle werde ich von Dresden aus schreiben, und auch mein Bild schikken*. ich werde schon ein duzend hier kaufen müßen und sie in alle Welt versenden. Nun adio geliebter Mukenfuß. ich muß ausgehen, und Visiten schneiden. Gott behüte dich gesund und froh, Schöne Grüße an die Mutter, an Junghs, Apitz, ppp     Sey brav, und mache daß die 6 Speisen die du schon kochen kannst, sich alle Monate verdoppeln, dann haben wir genug Auswahl auf LebensZeit.

ich küße dich Millionenmal mein theures liebes Leben, Ewig Dein Carl.

Apparat

Zusammenfassung

Tagebuch 31. Dezember bis 3. Januar: gesellschaftl. Aktivitäten; Privates

Incipit

Prost Neujahr!! Millionen Bußen. und gute Nacht

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. II A a 2, 1

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • geringfügige Textverluste durch Siegeleinriss
    • von F. W. Jähns am unteren Rand der Adressenseite mit Tinte: „Carl Maria von Weber an seine Braut. Eigenhändig.“, auf Bl. 1r zur Datumsangabe mit Bleistift: „Berlin.“, auf Bl. 2r am unteren Rand mit Bleistift: „(‚Carl Maria‘ – siehe oben. Zeile 6.)“

    Provenienz

    • vermutlich zu jenen 60 Weber-Briefen gehörig, die Max Maria von Weber Anfang 1854 an Friedrich Wilhelm Jähns verkaufte; vgl. Max Jähns, Friedrich Wilhelm Jähns und Max Jähns. Ein Familiengemälde für die Freunde, hg. von Karl Koetschau, Dresden 1906, S. 403

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Muks, S. 309–315 (Nr. 57)

Textkonstitution

  • A„a“ überschrieben mit „A
  • mußgelöschter Text nicht lesbar
  • „gewiesen“ergänzt von den Hg.
  • „Ich“ergänzt von den Hg.
  • M„m“ überschrieben mit „M
  • „und bin“ergänzt von den Hg.
  • „be“ergänzt von den Hg.

Einzelstellenerläuterung

  • „… einige Tage früher Freude gehabt“Weber hatte in seinem Brief Nr. 13 vom 26.–28. Dezember 1816 Caroline als Überraschung die Dresdner Anstellung mitgeteilt, die sie offensichtlich aber bereits anderweitig – möglicherweise durch Anton Schmidls Tochter – erfahren hatte; vgl. dazu auch den Brief vom 5. Januar 1817 an Caroline.
  • „… um 10 Uhr zu Jordans“Weber war bei seinem Berlin-Aufenthalt mit verschiedenen „Jordans“ in Kontakt. In Frage kommen hier vermutlich die Familien von Pierre Jean oder Pierre Antoin Jordan.
  • „… bis nach 10 Uhr dauerte“Vorstellung im Königlichen Opernhaus; deutsche Übersetzung von Julius von Voß, Ballett-Choreographien von Étienne Lauchery.
  • „… ausstudirtes Kunststük in Nro: 13“Gemeint ist die Art seiner Mitteilung über die Dresdner Anstellung, vgl. den Brief vom 26. Dezember 1816.
  • „… 25 t X br erhielten“Vgl. TB vom 25. Dezember 1816.
  • „… t spedirt schon die Ordre“Gemeint ist die Aufforderung, nicht mehr nach Berlin, sondern Poste restante nach Dresden zu schreiben.
  • „… Morgen nach Innspruk zurük reisen“Gänsbacher hatte sich seit Anfang November 1816 in Wien aufgehalten; vgl. Denkwürdigkeiten, S. 82.
  • „… verschafte, sie werden die MantelGeschichte“Offensichtlich den Verkauf eines Mantels von Caroline oder ihrer Mutter betreffend, vgl. Brief an Caroline vom 17.–20. Januar 1817.
  • „… Den Gold und Silber Stramin“Ein Gittergewebe als Grundmaterial, auf dem Muster für Kreuzstickerei vorgegeben sind.
  • „… ihn nach Prag zu schikken“Versand laut Tagebuch am 27. Januar 1817 von Dresden aus; zu den Kosten vgl. den Tagebucheintrag vom 10. Januar 1817.
  • „… ist gar kein Profit dabey“Johann Baptist Schenk, Der Dorfbarbier, Arie des Barbiergesellen Adam, Nr. 8: „Der Teufel hol’ die Schererei! | Es ist gar kein Profit dabei, | Man rennt und läuft sich müd und matt | Und wird dabei nicht froh noch satt […]“.
  • „… noch was abnehmen zur Reise“Vgl. TB vom 3. Januar 1817.
  • „… Visitiren p p p“Vgl. ebenfalls im Dorfbarbier, Septett Nr. 6, darin der Dorfbarbier Lux: „Hier soll ich barbieren, dort Todte kuriren. | Hier einen seciren und dorten klystiren. | Ich werde noch ein Narr.“
  • Muß:Abk. von „Mußelin“.
  • „… für den Battist Muß: Mußelin“Battist ist „die feinste, sehr dicht und fest gewebte weiße Leinwand, deren Name wahrscheinlich von dem indischen Wort Bastas“ stammt; Musselin ein „feines, locker gewebtes, halbdurchsichtiges baumwollenes Gewebe“ (Meyers Konversationslexikon). Offensichtlich hatte Caroline diesen Stoff von Beers als Geschenk erhalten.
  • „… Weiss mit den beiden Rombergs“Neben Bernhard Romberg wohl eher dessen Bruder Anton, der am 9. Januar 1817 ein Konzert in Berlin gab, als beider Cousin Andreas Romberg, der am 23. Januar 1817 in Berlin konzertierte; vgl. AmZ, Jg. 19, Nr. 7 (12. Februar 1817), Sp. 130–132.
  • „… und auch mein Bild schikken“Vermutlich der im November 1816 erschienene Stich von Friedrich Jügel, den W. A. Gerle in seiner Buchhandlung anbieten oder als Redakteur der Prager Zeitung anzeigen sollte (vgl. auch den Brief vom 17. Januar 1817).

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