## Title: Carl Baermann sen. an Friedrich Wilhelm Jähns. München, Samstag, 18. März 1865 ## Author: Baermann, Carl Ludwig Wilhelm ## Version: 4.9.1 ## Origin: https://weber-gesamtausgabe.de/A043111 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Mein lieber verehrtester Freund! Sie werden sich gedacht haben „der Bärmann ist mir auch ein schöner guter Freund! erst fodert er mich auf ihn unnachsichtlich zu benützen, und gleich darauf beantwortet er mir meinen Brief nicht.“ Ich kann Ihnen sagen daß mich der Gedanke, daß gerade Sie so von mir denken könnten, wochenlang unruhig herumgetrieben hat, aber Ihnen zugleich zu schwören daß ich nicht im Stande war früher zu schreiben, da ich so ungeheuer überhäuft von Dienste im Theater, Concerte und andern musikalischen Arbeiten war. Es überfällt mich ein wahrer Schauder, wenn ich daran denke, wie viele Briefe ich durch dieses Hem[m]niß nun zu beantworten habe, doch sind Sie der Erste, weil Sie mir auch der Liebste sind, nur bitte ich die Kürze dieses Schreibens, mit der mir karg zugemeßenen Zeit zu entschuldigen. Vor allen andern danke ich Ihnen recht herzlich für Ihren lieben herzlichen und so ausführlichen Brief, welcher mir wieder aufs Neue den Beweis lieferte, daß wir zusammengehören, und Freunde in der wahren Bedeutung des Wortes seyen müßen. Was nun Ihre Fragen und Wünsche betrifft, welche Ihnen gegenwärtig mehr am Herzen liegen müßen als alle Versicherungen meiner Freundschaft u. Liebe so beeile ich mich dieselben in gehöriger Reihenfolge nach besten Wißen zu beantworten. 1) Die B-Ouvertüre wird wohl die Peter Schmoll-Ouverture sein, der Anfang stimmt vollständig mit den mir von Ihnen geschrieben[en] Thema überein, nur das Thema des Allegro in Esdur weicht in etwas von den Ihrigen ab. Sie schrieben mir das Letztere wie folgt auf: MW_WeV-C03, Takt 1–4 der Ouvertüre zu Peter Schmoll In der hiesigen Partitur fand ich daßelbe aber folgendermaßen: MW_WeV-M04, Takt 1–4 der umgearbeiteten Ouvertüre zu Peter Schmoll Es ist dieß ein so bedeutender thematischer Unterschied, daß ich es für das Beste gehalten habe Ihnen die Partitur zu schicken damit Sie selbst sich überzeugen können, in wie weit diese Ouverture mit der andern übereinstimmt oder nicht. Da Sie mir geschrieben daß jede Kleinigkeit für Sie (: was Weber betrifft :) von höchsten Intereße ist, so glaubte ich in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich die Partitur Ihnen übersandte. 2). In der Bibliothek der hiesigen Accademie befindet sich kein Or[i]ginal-Manuscript Webers. 3) Was das Clarinett Concertino für die Oboe arrangiert betrifft so können Sie völlig beruhigt sein, daß die Hand Webers dabei im Spiele gewesen ist. Ich habe es Tackt für Tackt durchgesehen und keinen andern darin gefunden als in der Partitur des Clarinett-Concertinos, auch ist daßelbe höchst dilletantenhaft arrangiert, und der ziemlich kleine musikalische Geist der Herrn Fladt, Vater und Söhne, hat in Ermanglung von Musik für Oboe, öfters auf ähnliche Art unbarmherzig gewüthet. Wir Münchner kennen diese Zeit noch genau. 4) Was Sie von dem Adagio in Webers F-moll Clarinett schreiben, so verhält sich die Sache folgendermaßen. Der Mittel-Satz des Adagio besteht aus einem Horn-Terzett, wobei die Clarinett bald begleitend bald selbstständig auftritt. Mein Vater kam nun als er dieses Concert in Berlinim Jahre 1831 /: in Decembr :/ blies auf die Idee statt den 3 Horn 3 Männer Singstimmen zu setzen. Zu diesem Zwecke machte ihm schon in München sein Freund der Minister Eduard von Schenk einige paßende Worte. Die Worte heißen: Er ist dahin, der Schöpfer dieser Klänge, der hohe Meister, der von hinnen schied Er lehrt den Engelchören nun Gesänge doch ewig lebt auf Erden auch sein Lied. Diese Worte wurden nun den Horn-Noten angepaßt, und durch 3 Männerstimmen bei der Aufführung dieses Concertes im Saale des Schauspielhauses in Berlin gesungen, und zwar hinter der Scene. Ich war damals selbst zugegen, und weiß daß die erste Stimme Bader sang, und den Bass glaube ich Zschiesche oder Zschießke, ich kann mir diesen Namen nie behalten, die Mittelstimme ist mir gänzlich entfallen. Von einem Chor ist daher gar nicht die Rede, und es wurden von den 3 Männerstimmen nur dieselben Noten gesungen, welche die 3 Hörner haben, natürlich waren die Hörner dan[n] weg geblieben. Weber selbst hatte nie eine andere Idee als die Hornbegleitung und im Falle der Unmöglichkeit dieselben zu besetzen die kleinen Noten für Quartett eingeschrieben. An dieser ganzen Idee ist nur Vaters große Pietät Liebe und Freundschaft für Weber Veranlaßung gewesen. Er hat es auch nur einmal so gespielt, und zwar wie oben gesagt in Berlin, da die Hornbegleitung doch schöner und or[i]ginal bleibt. 6) Was die Änderungen im Adagio Opus 33 /: Variation :/ anbelangt, so liegen dieselben im virtuosen Geiste des Vortrages, und ich wäre wirklich in Verlegenheit, wie ich dieß zu Papier bringen sollte, ich will sie Ihnen vorspielen wenn Sie nach München [kommen]. 6) Über die Arie, Non paventar mia vita erhielt ich so eben folgende Zuschrift von Julius Jos: Maier /: Kgl. Conservator :/, welche ich Ihnen wörtlich hier mittheile. Ew Wohlgeboren beehre ich mich unter Rückanschluß des Briefes von Herrn Jähns**Ich habe nämlich Hrn Maier einen Theil Ihres Briefes gesendet, da ich ihn 2mal nicht treffen konnte. in Kenntniß zu setzen, daß die Autograph-Partitur der Weberschen Arie „Non paventar[“] der hiesigen Hof u. Staatsbibliotheck am 14 December 1860 vom Oberappelgerichtsseckretair Jos. Maria Mayer geschenkt worden, welcher dieselbe einmal bei einem Trödler acquirirt hat, wenn ich nicht irre. Ich lege zugleich ein Maß über Breite und Höhe der fragl. Arie bei; bitte solches mit meinen Empfehlungen Herrn Jähns zukommen zu laßen. Mit vorzüglicher Hochachtung ❘ ergebener ❘ Julius J. Maier ❘ Kgl. Conservator Beiliegend finden Sie das Maß wie es mir Herr Maier übersendet hat. 7) Die 3 Duetten sind dieselben von Ihnen bezeichneten. Ich habe Lachner gebeten daß ich seine Instrumentation derselben für Sie copieren kann laßen, welches er mir zwar mit einigen Wiederstreben, aber dennoch zusagte, doch kann es augenblicklich nicht sein. Einstweilen will ich Ihnen die Instrumentation benennen: das Streich-Quartett, 2 Flauti, 2 Clarinetti, 2 Fagotti u 2 Corni. Wollen Sie dieselben besitzen so benachrichtigen Sie mich mit nächsten. Nun lieber bester Freund hab ich Ihnen nach besten Wißen mitgetheilt, und möchte gerne noch mit Ihnen plaudern, allein ich höre im Nebenzimmer schon einen Schüler, welcher schon ziemlich lange wartet, ziemlich ungeduldig fantasieren, und dann gehts gleich in die Oper, und somit nur noch Gruß und Handschlag von Ihrem Ihnen aufrichtigst ergebenen Freund Carl Baermann senior. Nochmals entschuldigen Sie die Eile dieses Schreibens und das Flüchtige darin. Das übersendete bitte ich sobald als es eben möglich ist wieder zurückzuschicken. Sie schrieben gar nichts ob Sie diesen Sommer nach München kommen oder nicht? Meine Familie erfreut sich immer an Ihren lieben Briefen, und wir würden uns recht glücklich fühlen, wenn wir Sie in München begrüßen kön[n]ten. Anbei ein Packet unter Adresse: Wohlgebohren Herrn Fried: W: Jähns Musikdirector in Berlin Krausenstraß Nr 62/2 Musikalien Werth 5 fl. Chargé Absender: Carl Baermann in München.