## Title: Carl Maria von Weber an Carl Graf von Brühl in Berlin. Dresden, Mittwoch, 28. Januar 1824 ## Author: Weber, Carl Maria von ## Version: 4.2.0 ## Origin: http://weber-gesamtausgabe.de/A042262 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Hochgebohrner Hochverehrtester Herr Graf! Alle Bemerkungen die Sie mir auszusprechen die Güte haben, sind stets so gewiß von Ihrer Einsicht und Ihrem Wohlwollen für mein Bestes diktiert, daß ich sie gewiß aufs ernstlichste berüksichtige und verdanke. Nach der ersten Aufführung in Wien, habe ich selbst dort schon einiges gekürzt. |: der KlavierAuszug ist unangetastet geblieben :| und hier habe ich später noch Z: B: dieVision der Euryanthe sehr zusammengedrängt, wie ein Blik in die Stimme schnell überzeugen kann. Im 3t Akt ist ebenfalls ein Rezitativ der Euryanthe weggefallen. Es wäre also nur noch möglich die 1t Szene des 3t Aktes zwischen Euryanthe und Adolar zusammen zu drängen. Dieß will ich versuchen. sonst etwas streichen zu wollen, hieße den Don Carlos aus dem Don Carlos streichen, und Mad. Seidler würde sich selbst alle GlanzPunkte rauben. In einem so organisch verbundenen Ganzen wie eine große Oper ist, gehört es überhaupt zu dem Schwierigsten, etwas heraus zu nehmen, wenn der Componist von | Haus aus etwas über sein Werk gedacht hat. Eine Künstlerin, die die Vestalin und Amazily aushalten konnte, darf sich vor der Euryanthe nicht fürchten. Mlle. Sontag hegte anfänglich auch diese Besorgniß, die ganz bei der Darstellung schwand; obgleich Ihre Stimme und Individualität nicht zu den stärkern gerechnet werden kann. Die Parthien deßhalb hieher zu senden, würde wohl nicht nöthig sein. Es thut mir unendlich leid, daß E. Hochgebohren mich mißverstanden haben. Von meinem Honorar sollte wahrlich gar nicht die Rede sein. Aber die Befriedigung der gierigen Chezy liegt mir am Herzen; daher meine Bitte. Daß die Ouverture mißfallen hat, ist mir freylich unangenehm, aber konnte ich sie Seidler abschlagen? Sie muß gänzlich vergriffen worden sein, was ich schon aus den Äußerungen über ihre Schwierigkeit schließe. Das Wiener Orchester, keineswegs an Güte dem Berliner gleich, exekutirte sie prima vista ohne Anstoß, zu meiner Zufriedenheit, und wie es schien, mit Wirkung. Ja ja, die arme Euryanthe wird noch viel zu leiden haben. Nun Geduld: – Am Ende ist es ja nicht nöthig, Opern zu schreiben. | Mit herzlichem Danke empfange ich Ihre freundlichen Wünsche. Wenn Sie und die Ihrigen nicht geradezu den Himmel auf Erden haben, so liegt es gewiß nicht an meinen Wünschen, die stets mit gleicher Liebe und Dankbarkeit für Sie, in mir leben. Mit vollkommenster Hochachtung und Verehrung E. Hochgebohren ganz ergebener CMvWeber. Dresden d: 28t Januar 1824.