## Title: Vorwort zu den dramatisch-musikalischen Notizen, Prag Oktober 1815 ## Author: Carl Maria von Weber ## Version: 4.2.0 ## Origin: http://weber-gesamtausgabe.de/A031183 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Dramatisch-musikalische Notitzen.(Als Versuche durch kunstgeschichtliche Nachrichten und Andeutungen, die Beurtheilung neu auf dem Landständischen Theater erscheinender Opern zu erleichtern. Von Karl Maria von Weber, Direktor der Oper am ständischen Theater.) – Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der Gebildete will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz Ausgebildeten angenehm. Goethe. – Der Lauf der Begebenheiten hat, dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muß die Wirklichkeit verlassen; und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfniß erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freyheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfniß, und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das größte Idol der Zeit, dem alle Kräfte fröhnen, und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Wage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie vor dem lärmenden Markt des Jahrhunderts. Schiller. Die trefflichen Worte Goethes und Schillers mögen mir zur Einleitung dienen, u[n]d es mir zugleich der Leser – auf dessen Nachsicht ich bei meinen Versuchen rech ne – nicht verargen, wenn ich hinter den Aeußerungen großer Männer zugleich eine Art von Schutzwehre bei meinem neuen etwas gewagten Unternehmen suche. Ich fühle mich zu demselben durch die Stelle, auf der ich stehe, aufgefordert; indem die schöne Pflicht auf mir ruht, durch die freundlichen Leistungen der Kunst auf die Gemüther und den Geschmack des Publikums zu wirken. Die schöne Zeit, wo die Segnungen der allgemeinen dauernden Ruhe jeden Menschen befeuern und aufmuntern; seine freyen Stunden den schönen Künsten und Wissenschaften zu widmen; wo die Erscheinung eines neuen Kunstwerkes das Gespräch des Tages und aller geselligen Kreise ist, wo Jedermann, nicht von stürmischen Anregungen von Außen gedrängt, sich frey und gern mit dem Höhern des Lebens als Bedürfnis einer fühlenden Seele und Nahrung des Geistes beschäftigt – diese schöne Zeit war uns lange geraubt, und dadurch natürlich auch die nothwendige theilnehmende Aufmerksamkeit des Publikums auf die Erzeugnisse der Kunst. Ein wahrhaft gutes Werk bewährt freylich in der Länge der Zeit seine Vorzüge, und weis sich die Theilnahme der Menge zu verschaffen, indem es endlich durch wiederholte Anklänge zum Gemüthe spricht. Ganz anders ist aber doch die Wirkung, wenn das Gemüth schon gleichsam vorbereitet auf den Genuß ist, der seiner wartet. Es ist mit allen Verhältnissen im Leben so. Sucht nicht Jedermann in den Zirkel einer Gesellschaft von einem schon geachteten Theile derselben eingeführt zu werden, der in einigen bezeichnenden Worten das Wesen seines Eingeführten der Gesellschaft zu erkennen zu geben sucht? Von der Geburt bis zum Tode haben wir Paten-Stelle vertretende Freunde. Es sey also mir auch erlaubt, die meiner Obhut und Pflege anvertrauten Werke bey ihrem Erscheinen demjenigen zu empfehlen, dessen Dienst, dessen Erheiterung, dessen Bildung sie geweihet sind. Ich habe dabey freylich mich vorzüglich vor einer gefährlichen Klippe zu hüten; nemlich, daß, indem ich ihn diedie ihn vorzüglich bezeichnenden Eigenthümlichkeiten den Kunst-Lebenslauf und Charakter meines Pfleglinges und dessen Schöpfers berichte – nicht etwa das, was bloß einen Gesichtspunkt zur richtigeren Beurtheilung desselben aufstellen soll, schon als ein vorgegriffenes Urtheil über ihn selbst vorzubringen – dieß hieße die schönsten und heiligsten Rechte der Volksstimme verletzen. Indem ich die Gefahr kenne, glaube ich sie auch sch[on] halb überstanden zu haben; und mein Streben, die Klippe zu umgehen, wird es beweisen. DessenungeachtetDemohngeachtet halte ich es für nothwendig, auch hier auf Nachsicht für den Eifer, der mich vielleicht zu weilen für die gute Sache zu sehr entflammtweit führen könnte, zu rechnen, indem auch hier nur der Enthusiasmus, der den Künstler belebt, und den er so gern aller Welt einflößen möchte, zuweilen mich über die Gränze des trockenen Referats führen könnte. Vor allem wird mir eine heilige Wahrheitsliebe das erste Gesetz seyn. Sie ist die erste Pflicht vor dem Richterstuhle des Publikums. Ich werde die früheren Schicksale der erscheinenden Werke nicht mit Stillschweigen übergehen, ohne dabey für ihr künftiges besorgt zu seyn. Nicht jede Pflanze gedeiht in jedem Boden. Was ihr in einem Klima Blüthen und Schönheit schenkt, kann ihr im andern verderblich werden. Eine sorgfältige Pflege wird wenigstens Mißgestalten verhüten, und in dem Streben zum Guten sollen auch die einseitigen Urtheile Einzelner, die ohne eine eigene Meinung zu besitzen nur vergleichungsweise zu richten im Stande sind, mich nicht irre machen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Gesammtstimme des Publikums beynahe immer gerecht sey, und daß manches Schöne hier erkannt wurde, was selbst die Bewohner der Kaiserstadt, deren Maßstab wir uns so oft anlegen lassen müssen, noch nicht, oder erst später zu schätzen wußten. Schließlich sey mir noch der Wunsch erlaubt, mein Streben für das Gedeihen der guten Sache überhaupt, nicht gemißdeutet und mit Liebe aufgenommen zu sehen. (Die Fortsetzung folgt.)