## Title: Über die Tondichtweise des Herrn Konzertmeisters Fesca ## Author: Weber, Carl Maria von ## Version: 4.4.0 ## Origin: http://weber-gesamtausgabe.de/A030027 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Ueber die Tondichtungsweise des Hrn. Concertmeisters, Feska, in Carlsruhe;#lb# nebst einigen Bemerkungen über Kritikenwesen überhaupt.#lb# Von Carl Maria v. Weber. Wenn ich damit anfange, mich selbst gewissermaßen anzuklagen; so scheint mir dies die zweckmässigste Einleitung zu dem zu seyn, was ich mir vorzutragen erlauben will. Ich spreche dadurch aus, was dem grössten Theile meiner Kunstbrüder gewiss oft schon eben so begegnet ist, und was, öffentlich erörtert, vielleicht mancher vorschnell gehegten Meynung eine andere Richtung giebt, die dann, wenn auch nicht laut bekannt, doch hoffentlich im Stillen beherziget wird. Es sind beynahe zwey Jahre, dass ich, angezogen von dem – jetzt überhaupt immer seltenerseltner werdenden – Streben nach innerer Vollendung in den Werken des Hrn. Feska, die ausführliche Anzeige seiner Quartetten u. Quintetten übernahm, mit all der Liebe und Lust, die diese schönen Gebilde verdienen, und erfreut durch die AbsichtTendenz meines Unternehmens, die musikalische Welt auf wahrhaft würdige und schöne Kunsterscheinungen aufmerksam machen, und dadurch nützen zu dürfen. Wer mit mir die Oberflächlichkeit hasst, die seit geraumer Zeit in manchen kritischen Sprüchen heimisch geworden ist, und nicht Anmassung genug in sich fühlt, ohne geführte Beweise Fluch oder Seegen über das zu beurtheilende Werk auszusprechen; der wird auch wissen, dass eine solche Arbeit nicht in wenigen Stunden und Tagen vollbracht ist, sondern die innigste Vertrautheit mit dem Objecte so bestimmt und vollendet voraussetzt, dass dannalsdann auch durch die Beurtheilung ein, möglichst eben so lebendiges Bild des Werkes sich in der Seele des Lesers forme, dass sie ein treuer Geistesspiegel desselben seyseye. Je schwererschwer und seltner dieses immer zu erlangen ist, durch die Beschränktheit des Raumes, der Beyspiele, und anderer nun einmal in der Natur einer Zeitschrift liegenden Hindernisse: je mehr Fleis und Zeitaufwand hat eine Arbeit der Art das Recht zu fordern. Wie Vielen von uns ist aber das glückliche Loos beschieden, blos immer das, was ihnen der Geist als das Nothwendige und Nützliche zeigt, auszuführen, und ihm seine Kraft und Zeit widmen zu dürfen? Mir wenigstens wurde dies höchst selten vergönnt. Berufsgeschäfte anderer Art füllten meine Zeit, oder zersplitterten sie auf eine für solche Geistesarbeiten untaugliche Weise. Am Ende geht es Einem denn damit, wie mit seinen besten Freunden; bey gewöhnlichen Leuten kömmt man mit einem Vorrathe von einmal hergebrachten Kunst- und Lebens-Redensarten bald durch, und hat sie zur Genüge versorgt: Nicht so bey denen, die man lieber und fester im Herzen trägt. Diesen etwas halb zu geben, widerstrebt dem liebenden GemüthGefühl, und können wir ihnen nicht so ganz unsere Kraft widmen, als wir es wol möchten: so befällt uns das drückende Gefühl, etwas vorenthalten zu haben, das sie mit Recht fordern konnten. Es entsteht eine Kluft, eine die Sache fast verleidende Aengstlichkeit, und das Ende ist, dass man, gedrängt dazu, die Arbeit lieber aufgiebt, als sie unter der Höhe wieder zu geben, die man einmal für sie in sich festgestellt hathatte. Das ist freylich nicht gut, das ist nicht recht: aber es ist so, und wer sich ganz rein weiss, der werfe den ersten Stein. Kaum kenne ich Einen der jetzt lebenden Componisten, der nicht mehr oder weniger mit den Anzeigen seiner Werke (selbst nur der Zahl | nach) unzufrieden wäre. Die meisten mögen recht haben. Hat aber eine Redaction nicht auch Recht, über die Componisten und Kritiker zu klagen, wenn sie beweisen kann, dass sie es nicht an Aufforderungen, Aufträgen und Bitten aller Art habe fehlen lassen? Wenn nun vollbürtige und gewiegte Männer selbst nicht immer in dieden Schranken treten können und wollen: ist es dann ein Wunder, dass der Tross oder der einzelne Zudringliche oft den Platz erhält;? und sich brüstet im Richteramt, und gross dünkt, wenn er so ungewaschen über etwasAlles herfahren kann? Es ist dann freylich schmerzlichdas ist dann nun schmerzlich für den wahren Kunstfreund, zu sehen, wennwenn er sieht daß das heilige Amt, Wahrheit zu verkünden, und jedem Jünger und Meister sein Inneres zu enthüllen, in unwürdigen Händen ist, und dadurch am meisten Uebels stiftet, dass die der Kritik so nothwendige Achtung u. Beachtung verschwindet. Aber wird braven Männern nicht auch oft dieses Geschäft verbittert? Der Pygmäen, die das Anch' io son[o] pittore gar zu gern sich anmassen wollen, sind zu viele: kömmt ein Urtheil über sie, das ihrer geträumten Grösse nicht huldigt, so haben sie zu Einwendungen, Gegenreden und Spitzfindigkeiten immer Raum und Lust, und verleiden so endlich dem redlichen Manne, der alle seine Zeit doch nicht allein diesem Kunstzweige, oder wenigstens nicht solchen KunstallotrienKunstAllotrias widmen kann, das ganze Geschäft. Diese Männlein sind es, die auch gar zu gern wissen wollen, wer sich an sie gewagt habe, um wiederum nach ihrem Zwerg-Maassstabe beurtheilen zu können, ob sie ihn auch für voll annehmen sollen. Es ist gewiss, dass sich viel für und gegen den Gebrauch der Anonymität sagen lässt, und dass wol nur die vorwaltenden Umstände das Veto geben. Wenn ich, z. B., es mir zum Grundsatze gemacht habe, stets meinen Namen zu unterzeichnen: so geschieht das theils, weil ich als SelbstproducirenderSelbstproduktiver mir nicht das unbedingte Richteramt über meine Mitbrüder anzumassen wage, sondern nur als ein, seine Ueberzeugung aussprechendes Individuum erscheinen will; und anderntheils auch aus eigenthümlichen Verhältnissen, die mich vielleicht sogar Rücksicht nehmen lassen auf das Gekläff einer Masse von Schwachen, die im Beurtheilen nur immer den zu sehen glauben, der das Recht hat, schadenfroh unter verhüllendem Mantel sein Müthchen, kühlen oder Gnade und Protection angedeihen lassen zu dürfen. Im Ganzen halte ich sehr viel von dem Nutzen und der Wirkung der Anonymität; und man frage sich selbst nur recht ehrlich, ob ein so gegebenes Urtheil – vorausgesetzt, dass es alle Eigenschaften eines dergleichen rechtlichen habe: das heisst: dass es mit Gründlichkeit und Wohlwollen ausgesprochen sey – nicht viel mehr als Repräsentant der Volksstimme, oder mit andern Worten, der reinen, rücksichtlosen Wahrheit erscheine und einwirke, als das mit einem Namen bezeichnete, bey dem wir uns selten von allen, zugleichdem dabey sich unwillkürlich mit eindrängenden, individuellen Nebenideen rein halten können, und besonders beym Tadel gar zu geneigt sind, in der Person selbst, etwas zur Entschuldigung unserer Fehler aufzusuchen. Das Lob lässt man sich schon eher von Jedemwohl schon eher gefallen. Aus alle diesem geht nun wol das Resultat hervor: dass man, die Sache praktisch angesehen, in Ruhe abwarten möge, was Schicksal und Zufall verfügen; dass die Componisten nicht unwillig werden sollen, wenn nicht alle Federn sich eilends für sie in Bewegung setzen; dass die Redactionen, und besonders die Herausgeber der kritischen Blätter, sorgfältigsorgfältiger der Kunstentwicklung in der Zeit folgen, und den wenigen Männern, die mit Liebe und Einsicht sich der Kritik widmen, ihr herbes Geschäft auf jede Art zu erleichtern und angenehmer zu machen suchen sollen; und drittens: dass auch die Kritiker mit besonnener Auswahl und möglichstermit mehr Berücksichtigung des, auf das Fortschreiten in der Kunst Einwirkenden, und mit wohlwollender Strenge – der Strenge des liebenden Freundes oder Vaters – zu Werke gehen mögen. Uebrigens waltet zu Aller Trost die unsichtbare Nemesis über allen Werken, und ungegründetes Lobpreisen rettet so wenig die Eintagsfliege vom Tode und der Vergessenheit, als verspritzter Giftgeifer das wahrhaft innere Leben ertödten kann. Jedes Werk trägt den Keim seines Lebens oder Todes in sich, und die Zeit ist der wahre Probierstein des Guten und Schlechten. Diese Ansicht und Hoffnung ist mir doppelt wichtig geworden, seitdem ich an mir selbst erfahren habe, daß man den besten, reinsten Willen und Eifer zur Beförderung einer Sache haben, und doch sehr lange Zeit durch das seltsamste Zusam | menwirken sich häufender Umstände nicht dazu gelangen kann, redethätig für sie aufzutreten. – Vor kurzem noch zu beschränkt an Zeit, um die ausführliche Recension der Quartetten des Hrn. Feska zu vollenden, habe ich die mir erbetenen Partituren zurückgegeben, damitum dieses Geschäft wenigstens andern Händen anvertrauet werden könneanvertrauen zu können. Es scheint mir aber eine angenehme Pflicht, durch das Aussprechen der Bemerkungen, die sich mir beym Durchgehen derselben aufdrängten, Hrn. Feska wenigstens einen Beweis meiner hohen Achtung für alles Schöne und Gute an den Tag zu legen. Der Zweig der Kunst, dessen Pflege Hr. F. sich mit Vorliebe geweiht zu haben scheint, (Quartetten u. dgl.) bezeugt schon durch dieseseine Wahl, dass man ihn, Hrn. F., zu einem von denH: F: einer von denen Wenigen unserer sich oft dem Oberflächlichen nähernden Kunstzeit zählen kann, denen es noch Ernst ist mit dem Studium der innersten Wesenheit der Kunst. In dieser Gattung ist es vor allen andern nicht zureichend, durch einige Schmeichelideen und Glanzpassagen genügen zu wollen. Die Geniessenden dieser gediegenen Kost sind schon durchaus an Nahrhaftes und Gewürztes gewöhnt, ja verwöhnt vielleicht durch die Grösse und Höhe, auf welche diese Musikart durch Mozart u. Haydn gestellt worden ist. Wer also nicht augenblicklich bey seinem Erscheinen auch wieder in Vergessenheit zurücksinken will, muß schon wahrhaft Gediegenes, GedachtesGedacht und Gefühltes geben. Es soll damit keineswegs gesagt seyn, daßals ob andere Musikgattungen nicht dasselbe eben so sehr in ihrer Wesenheit bedürften: aber im Quartett, diesem musikal. Consommé, ist das Aussprechen jeder musikalischen Idee auf ihre wesentlich-nothwendigsten Bestandtheile – die vier Stimmen – beschränkt, wo sie nur durch ihren innern Gehalt für sich Interesse gewinnen kann, da hingegen der Symphonie u. dgl. durch den Reiz der Mannigfaltigkeit einer wohlberechneten Instrumentierung etc. Mittel zu Gebote stehen, einer an sich oft ziemlich bedeutungsleeren Melodie, Schmuck u. Wirkung zu verleihen. Im Quartett kann aber Lärm nicht für Kraft gelten, und die Unbeholfenheit eines Componisten in Verzweigung der Mittelstimmen, melodiöser Führung derselben, und Verbindung selbständiger Melodien im Fortweben des Ganzen, liegt hier sogleich klar und hell am Tage. Das rein Vierstimmige ist das Nackende in der Tonkunst. Hr. Feska ist ganz Herr und Meister über das, was er auszusprechen unternimmt. Mozart und Haydn waren ihm Vorbilder im edlen Sinne, wie es dem wahren Künstler ziemt, und wie überhaupt nur alles Fortschreiten in der Kunst sich erzeugt: durch den äussern Anstoss, der Funken weckt, nicht giebt. Sein Styl und die Wahl seiner Melodien sprechen Weichheit und einen gewissen zarten Schmelz der Empfindung aus, der, keineswegs der Kraft ermangelnd, ihnen einen eigenthümlichen Reiz verleiht. Hr. F.Er kann sehr heiter, ja witzig werden: aber ein vorherrschendergereifter Ernst ist wenigstens dann in der weitern Ausführung unverkennbar. Er ist sorgfältig und reichwürzend, beynahe wie Spohr, ohne sich in dessen oft erhabene Schwermüthigkeit zu verlieren. Er modulirt oft scharf und schnell, fast wie Beethoven: aber er fühlt zu weich, um es gleich diesem zu wagen, uns unerwartet mit kühner Riesenfaust zu packen u. blitzschnell über einen Abgrund schwebend zu halten. Seine Arbeiten bezeichnet eine gewisse verständige Besonnenheit, die, mit Tiefe des Gefühls gepaart, Trockenheit vermeidet und eine ungemein schöne Haltung des Charakters des Ganzen sowol, als der, dasselbees construirenden einzelnen Theile zur Folge hat. Er entwickelt seine Ideen klar und mannigfaltig, die vier Stimmen sind selbständig, und wenn hin und wieder er den Vorredner (die erste Violine) etwas glänzender behandelt: so geschieht das keinesweges auf eine so überwiegende Weise, dass die andern Stimmen nur zu dienenden herabsänken. Hr. Feska hat, meines Wissens, bis jetzt nur Quartetten, Quintetten, und eine, in diesen Blättern rühmlichst erwähnte Symphonie (die ich nicht kenne) geschrieben. Es ist mir sehr begreiflich, dass er mit Vorliebe sich in diesem Kreise bewegt, der mir so ganz charakteristisch seine Gefühlsweise zu bezeichnen scheint. Aber es mag doch wol nicht gut seyn, sich so fast ausschliesslich einer Gattung hinzugeben: es kann mit der Zeit, ja es muss fast zur Manier führen. Der Genius ist universaluniversell; wer ihn besitzt, kann ihn zum Schöpfer jeder Gattung machen. Aeussere Eindrücke und Anstösse leiten die eine oder die andere Bahn, und es ist gewiss, dass die ersten Schritte auf einer neuerwählten, | mit Unsicherheit, wenigstens mit der Aengstlichkeit geschehen, die sie Einem, ohne Beharrlichkeit, bald verleiden kann, weil man auf der andern schon so heimisch und leicht gewandelt ist, alle ihre Tiefen und Klippen kennend: Aber der Geist bewegt sich nach gelindem Zwang bald eben so leicht in der neuen Form, und bringt selbst bei der Rückkehr zur alten, neue Blumen und Blüthen mit herüber. Besonders Gesangcomposition sollte doch kein Componist hintensetzen. Sie trägt die dramatische Wahrheit ins Leben, und von ihr zu den andern ist nur Ein Schritt: von den andern zu ihr sind wol mehremehrere. Es ist, als ob die Natur sich dann immer an dem etwas rächen wollte, der nicht zuerst dem von ihr gegebenen InstrumenteUrinstrumente huldigte. Wenn der Quartett-Styl gleichsam mehr dem geselligen, häuslich ernsten Kreise angehört: so führt jener mehr in die Welt der grössern Ansichten, der weiter geöffneten Bilder. Unwillkürlich kann das blosse Bearbeiten der Quartett-Gattung durch die ihr eigene complicirte Gedrängtheit zur Miniatur-Malerey verführen, und von da ist es dann sehr nahe bis zur ängstlichen Künsteley und Kleinigkeits-Krämerey. Ich bin zu sehr von dem ausgezeichneten Talente und den wahrhaft zu ehrenden Kenntnissen des Hrn. Feska überzeugt, als dass ich ihm nicht den Wunsch aussprechen sollte, sich auch darin zu versuchen. Es giebt ein edel-edlesbescheidenes Misstrauen der eigenen Kraft, welches mir ganz in der Wesenheit des Hrn. Feska wahrscheinlich dünkt: wer aber so ausgestattet, und eines solchen Fleisses und solcher Beharrlichkeit sich bewusst seyn darf, wie Er, hat nichts zu scheuen, und geht dadurch einer Vielseitigkeit entgegen, die heilsam vor ihrem Gegensatze schützt. Dresden, im July 1818.