## Title: Aufführungsbesprechung Dresden, Hoftheater: “Der Rothmantel” von Kotzebue am 3. Mai 1818 ## Author: F. ## Version: 4.2.0 ## Origin: http://weber-gesamtausgabe.de/A030259 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Sonntag, den 3ten Mai. Der Rothmantel, Volksmährchen in 4 Akten von Kotzebue. - Zwischen dem 1. und 2ten Akt ließ sich Mlle. Coda, Mitglied der Akademie zu Bologna, Sängerin bei der italienischen Oper zu Paris, und dem Vernehmen nach eine Schülerin der Mad. Catalani, mit einer Arie aus der Oper Semiramis (von Portogallo) „Per queste amare lagrime,“ und zwischen dem 2ten und 3ten Akt in Variantionen auf das bekannte, schon bis zum Ueberdruß abgenutzte Thema: „nel cor più non mi sento etc“ hören. Mlle. Coda besitzt eine schöne, metallreiche, jugendlich frische und kräftige Stimme, eine sichere Intonation und viel Kehlfertigkeit. Allein ihre Passagen sind nicht immer durchaus deutlich, ihr Triller sehr mangelhaft (wie man denn jetzt überhaupt viel trillern, aber immer seltner einen richtigen, guten Triller hört), und bei aller Kunstfertigkeit vermißt man in ihrem Gesange die Seele und innere Empfindung, wodurch eben der Gesang so überwiegende Vorzüge über Instrumentalmusik erhält, denn in einer bloßen willkürlichen Abwechslung von crescendo und decrescendo, piano und forte u. s. w. besteht noch nicht der wahre Ausdruch. Wie wenig Mlle. Coda dieses kennt oder beachtet, zeigte sie durch die zweckwidrigen Verzierungen, des, gerade durch seine einfache Innigkeit so ansprechenden Themas zu den Variationen, wodurch sie dasselbe schon selbst zur Variation machte. Eben so ist der sie häufig angebrachte gähe, schroffe Abfall von der Höhe zur Tiefe, selbst in Momenten, wo das Gefühl des Zuhörers selbst unwillkürlich sanfte Uebergänge und Verschmelzung der Töne erwartet, zwar sehr wahr und imponierend zuweilen und am rechten Orte angebracht, auch wohl gut, aber nicht immer schön noch zweckmäßig. Schade, daß Mlle. Coda ihre herrliche Anlage und schon erlangte Virtuosität bereits schon in das glänzende Fach einer, nur Glanz und Staunen, aber nicht Mitgefühl und Rührung erregenden und bezweckenden Manier, eingeengt, und dadurch sich selbst der Freiheit ihres eignen Geistes und der Entwickelung eigner Kraft beraubt hat. Fährt man überhaupt so fort, die menschliche Stimme nur zum mechanischen Instrument und sich selbst zum Automat zu machen, so wird bald auch die letzte Ahndung eines wahrhaft schönen Gesanges, der nicht blos wie Fixsterne glänzen, sondern, gleich den ersten Strahlen der Frühlingssonne, auch wohlthätig erwärmen soll, verschwinden; denn eben in der geistigen Gewalt über unsre Empfindungen, besteht die Poesie des Gesanges. #lb#F.