## Title: Rezension: “Szene und Arie der Atalia” (WeV E.3 / E.3a) und “Szene und Aria aus Ines de Castro” (WeV E.6 / E.6a) von Carl Maria von Weber. Verlag A. M. Schlesinger, Berlin 1818 ## Author: Anonymus ## Version: 4.14.0 ## Origin: https://weber-gesamtausgabe.de/A033400 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Recensionen.Musica vocale, per uso de' Concerti. Lett. A. Scena ed Aria d'Atalia per il Soprano, accomp. con Pianoforte e con Orcestra, comp. – – da Carlo Maria di Weber. Op. 50. Berlino, presso Schlesinger. (Pr. 2 Thlr. 10 Gr.)Hr. Kapellm. v. Weber unterstützt hier die, für's Ernste u. Grosse ausgebildeten Sängerinnen – mithin nicht solche, die blos durch viele, auffal | lende und künstliche, oder behende und zierliche Noten interessiren wollen, sondern die, mit vollkommen ausgearbeiteter Stimme, in edlem Styl und Charakter, mit Kraft und Innigkeit des Ausdrucks, und mit Beherrschung aller der bedeutsamern Kunstmittel, ihnen angemessene Musik vortragen können und wollen – diese unterstützt er hier durch ein Concertstück, wie sie ihrer nicht viele besitzen, und besitzen können, weil es ihrer aus neuer Zeit nicht viele giebt, und weil die Arien aus älterer Zeit allerdings, wenigstens zum öffentlichen Gebrauch, nicht mehr passen wollen. Mit der Composition, welche sie hier erhalten, werden sie zwar glänzen, aber noch viel mehr die nicht gemeinen Zuhörer, und eben die erwähltesten am meisten, anziehen, festhalten und zu inniger Theilnahme beleben können. Rec. ist mit den Werken des Hrn. v. W. nicht unbekannt, und glaubt nicht, dass von allen, die zur Gattung des vorliegenden gehören – so weit diese nämlich durch den Druck oder durch Virtuosen in's Publicum gekommen sind – ihm irgend eines entgangen sey; er glaubt auch ihren Werth nicht zu verkennen: aber dieses hält er, wie für das eingenthümlichste u. charaktervolleste, so auch für das, dem ächten Gesange gemässeste, und, vollkommen vorgetragen, für das hinreissendste von allen. Besondere Erwähnung verdient hierbey noch, dass dies Werk gerade so viel eigentlich dramatischen Charakter empfangen hat, als solchen Concertstücken am vortheilhaftesten scheint; welches zu treffen und festzuhalten nichts weniger als leicht ist, wie schon daraus erhellet, dass es nicht oft getroffen und festgehalten wird, sondern, in neuerer Zeit, der Deutsche darin oftmals zu viel, der Italiener meistens zu wenig thut, wenn gleich dieser seine Concertscenen den Opern selbst einflicht. – Der Titel hat noch den Zusatz, es sey dies Stück für eine Sig.a Beyermann geschrieben: Rec. kennet diese Sängerin nicht, hat auch nie etwas von ihr gehört: aber er muss sie und ihre Kunst achten, da Hr. v. W. für sie eben so schreiben zu müssen glaubte. – Ein sehr ernstes, ausdrucksvolles, aber nicht langes Recitativ fängt an; und der Zuhörer wird sogleich in die Stimmung versetzt, in welcher das ganze Stück aufgenommen seyn will. Trefflich und von eingreifender Wirkung ist der Eintritt bey: Torna –; ganz überraschend aber, hoch spannend und wirklich gross der Uebergang der Harmonie vom letzten E dur nach C dur und dann nach der Dominante von Es moll; wobey das: O Dei! non posso! der Sängerin, wird es, wie es soll, ausgeführt, aufs Tiefste in's Herz dringt. (Aber es, wie es seyn soll, auszuführen, ist sehr schwer, und setzt voraus, nicht nur die grösste Sicherheit im Treffen und in der Intonation, sondern auch ein selbst ergriffenes Herz, und die Fähigkeit, dies in so wenigen Tönen auszusprechen.) Der einfache, sanfte Eingang zur Arie, der sich anschliesst, macht, eben nach dem unmittelbar Vorhergegangenen, einen wohltuenden Eindruck, und der melodiöse, zwar immer ernste, doch milde Gesang dieses Tempo's erhält und verstärkt ihn: es ist aber dies Tempo gleichfalls nur gewissermassen ein Eingang zur Hauptarie. Diese, in Form eines grossen Rondo, kündigt gleich im Thema an, was sich hernach im ganzen Stück entwickeln soll: die innige und immer wechselnde Bewegung einer schönen Seele; eine Bewegung, die aber nicht heftig, oder auch nur, bis gegen den Schluss, hell ausbricht, sondern fast durchgehends durch Adel des Charakters zurückgehalten wird; so dass sie, diese Bewegung, nur wie verstohlen überall hindurchblickt, und bloß in einigen schnell verfliegenden Momenten, gleichsam wider Wissen und Wollen der herrschenden Vernunft, gewaltig sich hervordrängt. Diese Aufgabe – das sieht Jedermann – von dem Componisten durch ein ganzes, ziemlich langes Gesangstück hindurch zu lösen, war schwer, sehr schwer, und Hr. v. W. hat sie meisterhaft gelöset, auch sich (einige für die Singstimme sehr schwierige, und vielleicht der Individualität der Sängerin, für welche das Stück zuvörderst geschrieben ward, zu Gunsten angebrachte Gänge etwa abgerechnet) alles Andern enthalten, als was zur vollständigen Darlegung dieser Situation, dieser Stimmung, und dieses Ausdrucks, ihm nothwendig schien. Das Eine, wie das Andere muss der Rec. ohne Einschränkung rühmen, und Hrn. v. W., dass es ihm so trefflich gelungen, Glück wünschen. – Von Einzelnem sey nur ausgehoben: der jedesmal so ungemein schöne, jedesmal ungemein wirksame Eintritt des Themas der Singstimme; die ganz originell durchgeführte und allmählig bis zum Höchsten hinaufspannende Stelle des Tremolo, S. 10 der Singstimme, bis dahin, wo wieder das Thema, S. 11, eben so unerwartet, als rührend, | einfällt; und auch, wiewol dies weniger bedeutend scheinen mag, die Weise, wie an vielen Stellen des ganzen Stücks der Triller, der vollständige nämlich – den eine Zeit lang doch wol nur Unverstand verachten und Unfähigkeit vermeiden konnte – gleichsam zu Ehren gebracht, und effectvoll verwendet worden ist. Dass, und in welcher Hinsicht, die Partie der Sängerin schwer auszuführen ist, ist schon oben bemerkt: aber auch die hin und wieder obligaten, so wie selbst die blos begleitenden Instrumente, sind nicht leicht, und sind das nicht blos der Noten an sich, wol aber des Vortrags wegen; denn es beruhet viel darauf, dass sie alle, eines Theils die Singstimme mit grösster Discretion begleiten und ihr nicht zu enge Fesseln anlegen, andern Theils aber auch ganz sicher, fest und wohlabgewogen die Grade der Stärke des Tons, und das Anschwellen oder Nachlassen desselben, vollkommen übereinstimmend vortragen. – Das Werk ist in Stimmen gestochen. Der Singstimme ist ein vollständiger Klavierauszug beygefügt, der auch einzeln verkauft wird. Das Orchester ist besetzt mit dem Quartett, zwey Flöten, zwey Klarinetten, zwey Fagotten, zwey Hörnern, und mit Trompeten und Pauken, welche aber, vollkommen mit Recht, nur äusserst sparsam, und dann nur desto effectvoller, benutzt sind. Es sey bey dieser Gelegenheit noch erwähnt, dass auch die zweyte Concert-Scene und Arie, zunächst für Mad. Harlas geschrieben, deren Klavierauszug in No. 45 dieser Zeitung angezeigt worden, nun vollstimmig in demselben Verlag erschienen ist, unter dem Titel: Musica vocale per uso de Concerti, Lett. B; Scena ed Aria d'Ines de Castro per il Soprano, accomp. con Pianoforte e con l'Orchestra – – da Carlo Maria de Weber. Op. 51. (Pr. 2 Thlr.[)]Das Orchester, dessen Partie beträchtlich leichter auszuführen ist, als in jenem Stück, Lett. A., ist wie hier besetzt, nur ohne Trompeten und Pauken.