Joseph Dautreveaux an Carl Maria von Weber
Carlsruhe, Mittwoch, 17. August 1808

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Liebster, theuerster Freund!

Ich danke Ihnen herzlich für den Beweis Ihrer Freundschaft, welchen Sie mir durch Ihr Schreiben vom 31. July gegeben haben. Es war mir ein wahrer Trost in unserer jetzt so betrübten Lage, denn den Tag vorher wurde uns die schreckliche Nachricht, daß Sr Königl Hoheit unser Herzog, nachdem Höchstdieselben auch Ihre letzte Hofnung haben aufgeben müssen, die nemlich: das durch den Fall Preußens in Höchstihrer Einnahme verursachte Deficit von dort her gedeckt zu wissen, daß, sage ich, der Herzog, durch den harten Drang der Umstände veranlaßt, nun auch den letzten Rest der Capelle hat entlassen, und mehrere von der Dienerschaft im Gehalte herunter setzen müssen. Zu den Entlassenen gehört Prosch, Richter /: der Invalide :/ Wagner, Hoetzel, welchen letzeren jedoch, wie Sie das schon wissen werden, der Herzog bei der dortigen Capelle untergebracht hat, und durch welchen Sie auch dieses mein Schreiben erhalten. Fuimus Troes, fuit et Illium et ingens gloria tecurorum!

Madame Pausewang* und Schwarz* haben ihre Pension verloren. |

Ich habe zwar der ersteren eine weh- und demüthigste Vorstellung aufgesetzt, ob sie aber etwas fruchten wird, wissen die Götter. Ich habe ihr Ihren Gruß hinterbracht, unter andern Umständen hätte ich es nicht gethan, aber in den jetzigen Verhältnißen fühlt man sich mehr zum Mitleid geneigt als sonst, und ich konnte ihr diesen Trost nicht vorenthalten. Aus ihrer Heirath ist nichts geworden, sie hat ihr Jawort wieder zurückgenommen. Sie hat mir einige Züge von ihrem Geliebten erzählt, welche, wenn sie wahr sind /: und ich habe keine Veranlassung daran zu zweifeln :/ sich gar nicht eignen eine Frau glücklich zu machen.

Was noch mehr entlassen ist, und welche Einschränkungen man sonst hier noch vornimmt, kann Sie nicht intereßiren, deshalb übergehe ich sie mit Stillschweigen, nur so viel mögen Sie noch wissen, daß auch Ihrem Freunde 72 rh: jährlich gestrichen worden. Wenn ich mir die Zukunft denke, so möchte ich verzweiflen – keinen Laut von Musik – alles ist zerrissen, Harmonie, Gesang, kurz alles.

Drum mein, liebster Freund, wenn Sie ihren Freund irgendwo unterbringen können, so rechnen Sie auf meinen Dank; bei dieser Aussicht sattle ich gleich um. |

Mit den Zurückbleibenden wird sehr wenig an Musik zu denken seyn, auch werden sie nicht der Musik wegen beibehalten, sondern vielmehr als Pensionairs. Klehmet, Ellenberger und Redlich sind die einzigen, welche beibehalten werden, denn Riebel und Boskowsky darf man nicht dazu rechnen, da ersterer Kammerdiener und letzterer Cammerfurier geworden. – Die Schweizerei wird übrigens noch besucht, und an Sie, mein theuerster Freund, sehr viel, sehr viel gedacht; ach daß die schöne Zeit nicht mehr da ist, wo wir, keine Witterung scheuend dahin lustwandelten. Nichts betrübt mich in unsrer jetzigen Lage so sehr, als die Gewißheit, daß ich nun keine Hofnung habe mit Ihnen zu seyn – eine schreckliche Gewißheit. Denn wenn ich dem Herzog Verbeßerung seiner derangirten Umstände wünschte, wenn ich es gerne sah, daß er nach Stuttgart gereiset, so geschah dieses immer nur mit Beziehung auf Sie, weil ich da immer, Luftschlößer bauend glaubte, daß Sie uns noch einmal angehören würden. Nun wissen wir, woran wir sind; | der Schleier ist zerrissen, und die Zukunft hat sich uns schrecklich enthüllt.

Herzliche Empfehlung an den lieben Papa, dem ich baldige Genesung wünsche, so wie ich ihm zu sagen bitte, daß ich den innigsten Antheil an seiner Krankheit nehme.

Herr Hofrath Vietsch, welcher sich gleichfalls bestens empfiehlt, hat den Brief von Ihnen – mit der Einlage der Herzogin an die Mlle Greber nicht erhalten, und bittet er um baldige Einsendung des Geldes, dessen Sie in Ihrem Schreiben erwähnen bittet. Genug des Jammerns, leben Sie wohl und zufriedener als Ihr
betrübter Freund
Dautreveaux

[Vermerk von Weber am Kopf von 2v:]
an Ihn geschrieben d: 5t July 1809.
in Ludwigsburg.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über die betrübl. Lage in Carlsruh (Entlassungen, Sit. der Musiker usw.); bittet, ihm ggf. vakante Stellen mitzuteilen; erwähnt Mahnung von Vietsch;

Incipit

Ich danke Ihnen herzlich für den Beweis Ihrer Freundschaft

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Stuttgart (D), Landesarchiv Baden-Württemberg - Hauptstaatsarchiv (D-Shsa)
Signatur: Prozeßakte Weber G 246, Bü 5, Fasz. 6, Nr. 14

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)
  • Vermerk von Weber auf 2v: an Ihn geschrieben d: 8t [oder 5t?] July 1809. zu Ludwigsburg

Textkonstitution

  • "vorenthalten": "versagen" durchgestrichen.
  • "und bittet": "so wie" durchgestrichen.
  • "wie": Unsichere Lesung.
  • "bittet": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "Madame Pausewang": Wohl die Witwe des im Januar 1803 verstorbenen Violoncellisten Pausewang (d. j.), der gemeinsam mit dem Oboisten Pausewang (d. ä.) in der Carlsruher herzoglichen Kapelle angestellt war.
  • "Schwarz": Möglicherweise die Witwe des zuvor in der Carlsruher herzoglichen Kapelle bezeugten Bratschisten Schwarz.

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