Einige Worte über die Messe e-Moll von Gottfried Weber

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Einige Worte über die Messe aus Eb. von Gottfried Weber* aus Mannheim, welche am 9. Febr. in der hiesigen Hofkapelle aufgeführt wurde.

Der Autor dieser Messe ist Ref. schon seit mehrern Jahren aus der musikalischen Zeitung* und andern Blättern als scharfsinniger und gründlicher musikalischer Kunstrichter bekannt, und es war ihm daher desto erfreulicher, in der hiesigen Hofkapelle eine musikalische Produktion von demselben zu hören. Die vielfachen Kenntnisse, welche G. Weber in jenen theoretischen Aufsätzen*, und wieder neuerdings in seinen Recensionen in d. Heidelb. Jahrb. d. Lit.* entfaltet hat, ließen allerdings nichts Gewöhnliches erwarten.

Der Verf. beurkundet auch in der That in diesem Werke tiefes Studium der Harmonie, und vorzüglich eine schöne Freyheit ästhetischer Ansichten; aus dieser letzten aber allein steigt die Blüthe jeder Kunst, und in ihrem Mangel ist der Grund zu suchen, warum die Töne so vieler fertigen Komponisten kein Leben von sich hauchen, und nur als Schall dem Ohre schmeicheln, nicht als Wort zur Seele dringen. – Gleich am Eingange ergreift das Kyrie den Betenden mit ernster Heiligkeit, und bereitet durch einen erhaben-schreitenden Gesang bey immer schwellender Bewegung in den Violinen den Geist zu dem großen Gedanken der Gegenwart Gottes, daher auch dasselbe mit schönem Vorbedacht beym Sanctus, aber in der harten Tonart wiederkehrt*. Ref. bedauert vorzüglich wegen des verlornen Contrastes, welcher so sehr hebt, das Gloria nicht gehört zu haben, weil in dieser Zeit das Gloria in der Messe wegfällt. – Schön gedacht ist das Credo, wo gegen die trockne Deklamation des Glaubensbekenntnisses die Stelle et incarnatus est etc.* in harmonischer Fülle und mit frischem Farbenglanze herrlich hervortritt, eine Lichtstelle des ganzen Werks; dahingegen hätte Ref. bey der Fuge: „Osanna* eine vollkommene Durchführung gewünscht, wo sich der Verf. mit einer kurzen aber vielversprechenden Skizze begnügt. Neu, und eben deßhalb ohne Zweifel Vielen anstößig ist die Behandlung des Agnus Dei. In der lieblichsten Methode (6/8 Takt) führen zuerst Sopran und Alt, dann sie ablösend Tenor und Baß den Gesang, bis endlich alle vier Stimmen in einander greifen, und sich in der schönsten Vereinigung durchdringen: der als Folie dienende Zwischensatz wirft nach Ref. Urtheil einen zu starken Schlagschatten ins Ganze, und führt durch seine Trockenheit zu weit ab von dem Hauptsatze, so vortrefflich er auch zu ihm zurückführt. Manche Kunstrichter werden zwar gerade der Lieblichkeit wegen, welche in diesem Agnus dei vorherrscht, dasselbe aus der Kirche verweisen wollen, als nicht dem strengen Kirchenstyle angemessen, allein mit Unrecht. Warum soll nicht das Lamm Gottes den Menschen in einer kindlich-freundlichen Gestalt erscheinen? warum sollen wir immer vor der Gottheit niederfallen, von ihrem Glanze geblendet? warum nicht auch vertrauend ihre zur menschlichen Gestalt gebrochene Strahlen anblicken, und näher mit ihr Umgang pflegen, wie ja die Bibel auf jeder Seite lehrt? Die Größe beten wir an, ihr Abstand ist unermeßlich, und sie wirft uns als Würmer des Staubes zu Boden; aber die Liebe können wir erreichen durch Wieder-lieben und sie macht uns der Gottheit gleich und des Himmels fähig. In diesem Geiste ist das Agnus dei von Gottfr. Weber komponirt; liebend, freundlich und beruhigend schwebt das Lamm Gottes hernieder, und entläßt den Beter, vertrauter mit der Gottheit, aus dem Tempel.

Eine wahre Bereicherung der guten Musik wird es seyn, wenn dieser denkende Componist seine Productionen dem Publikum nicht vorenthält.

Ph–s.

Apparat

Generalvermerk

Zuschreibung nach Sigle; zur Zuweisung des Pseudonyms Ph–s an Dusch vgl. Weber-Studien, Bd. 4/1, Vorwort, S. 24. Von Georg Kaiser irrtümlich C. M. v. Weber zugeschrieben (Kaiser Schriften, S. LVII-LIX), von Becker irrtümlich Meyerbeer; vgl. Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 612, Anm. 157,1.

Kommentar: C. M. v. Weber hatte am 15. Mai 1811 an G. Weber geschrieben, er werde mit Winter sprechen, ob er nicht eine deiner Meßen aufführen will, es wäre gut, und gäbe wieder Stoff. Am 29. November 1811 teilte er ihm nach seinem Gespräch mit Peter Winter mit, dieser wolle mit Vergnügen eine deiner Meßen in der HofKirche aufführen. Ob G. Weber die Messe dann selbst nach München schickte oder Dusch, der im Januar 1812 nach München reiste, sie mitbrachte, war nicht zu ermitteln. In jedem Fall wußte Dusch jedoch bereits vor seiner Abreise aus Mannheim von der bevorstehenden Aufführung in München und wurde sicherlich durch G. Weber mit dem Werk und dessen Ansichten darüber bekannt gemacht. Dusch erwähnt die Messe auch in seinem summarischen Bericht aus München in der Zeitung für die elegante Welt (1812-V-19 Teil 1). Meyerbeer zitiert einen längeren Abschnitt aus dieser Kritik in seiner vaterländischen Korrespondenz-Nachricht für das Badische Magazin; vgl. 1812-V-13.

Entstehung

Ende 1811 oder Anfang 1812

Überlieferung

  • Textzeuge: Gesellschaftsblatt für gebildete Stände, Jg. 2, Nr. 16 (19. Februar 1812), Sp. 127–128

    Einzelstellenerläuterung

    • „Messe aus Eb … von Gottfried Weber“Gottfried Weber, Messe e-Moll, 1823 bei Probst in Leipzig veröffentlicht als MISSA | QUATUOR VOCIBUS HUMANIS | constantibus instrumentis musicis cantanda | AUCTORE GODOFREDO WEBER. | No III. | Messe oder fünf Hymnen | mit lateinischem und deutschen Text | für Chor und Solo Stimmen | begleitet von Violinen, Altviolen und Bässen, Flöte, Oboen od: Clarinetten, | Fagott, Hörnern und Orgel | in Musik gesetzt von | Gottfried Weber. | […] LEIPZIG, bei H. A. PROBST. [PN 1].
    • „musikalischen Zeitung“Allgemeine Musikalische Zeitung (Leipzig).
    • „theoretischen Aufsätzen“Vgl. Kom. 1811-V-90.
    • „Recensionen in d. … Jahrb. d. Lit.“In den Heidelbergischen Jahrbüchern der Literatur waren 1811 drei Rezensionen von G. Weber erschienen; vgl. 1811-V-83, 1811-V-84 und 1811-V-85.
    • „beym Sanctus , … harten Tonart wiederkehrt“Vgl. den Beginn von Nr. 1 (e-Moll) und Nr. 4 (E-Dur).
    • „et incarnatus est etc.“Nr. 3, T. 30ff.
    • „Fuge: Osanna“Nr. 4, T. 29ff.

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