Marianne Schönbergers Gastspiel in Darmstadt Ende Juni 1810

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Rheinische Bundes-Staaten.

[…]

Auch uns in vor kurzem das Vergnügen zu Theil geworden, das große Talent der Mad. Schönberger gebornen Marconi kennen zu lernen, indem dieselbe auf dem hiesigen großherzogl. Theater in 3 Gastrollen, nemlich: als Belmont in der Entführung aus dem Serail, Loridan in der Camilla, und Murney im unterbrochenen Opferfeste auftrat*. Sie hatte sich bei jeder ihrer Darstellungen ei|nes überfüllten Hauses und des rauschendsten Beifalls zu erfreuen, der sogar nach Endigung der ersten und dritten Vorstellung in ein lebhaftes Hervorrufen der Künstlerin ausbrach.

Eine weitläufige Beschreibung ihrer seltenen Stimme* und ihres Gesanges überhaupt würde nach den ausführlichen Beurtheilungen, die schon von Frankfurt aus herüber in mehrern öffentlichen Blättern eingerückt worden sind, (und denen wir völlig beistimmen) nur überflüssig seyn*. Wir begnügen uns daher nur noch ein Paar Worte über ihr einfaches und doch sehr edles Spiel hinzuzusetzen, welches, durch eine ausdrucksvolle Mimik und passende Gestikulationen unterstützt, vereinigt mit ihrer hehren junonischen Gestalt, und den mahlerisch-schönen Formen ihres Körpers (deren Entwickelung die männliche Kleidung vorzüglich begünstigte) unsere Künstlerin zu einer der interessantesten Erscheinungen auf der Bühne macht. Orchester und Schauspieler bemühten sich durch prompte und sorgfältige Exekution ihrer Parthien ein Ensemble zu bewirken, welches der trefflichen Leistungen ihres Gastes würdig wäre. Beachtung und dankbare Anerkennung gebührt ihrem Bestreben, wenn es gleich nicht immer gelang.

M – s.

Apparat

Generalvermerk

Zuschreibung: Sigle (M-s.)

Entstehung

28. Juni 1810

Überlieferung

  • Textzeuge: Rheinische Correspondenz, Bd. 2, Heft 179 (30. Juni 1810), S. 713–714

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Carl Maria von Weber, Writings on music, übersetzt von Martin Cooper, hg. von John Warrack, Cambridge u. a. 1981, S. 54

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Murney im unterbrochenen Opferfeste auftrat“Weber besuchte lt. TB die Aufführungen der Entführung am 21. Juni und der Camilla am 22. Juni. Die Vorstellung vom unterbrochenen Opferfest am 25. Juni verpasste er, weil sie schon ausverkauft war.
    • „… weitläufige Beschreibung ihrer seltenen Stimme“Zum späteren Disput über die Stimme der Schönberger vgl. Schriften von Gottfried Weber: 1811-V-10, 1811-V-34 und 1811-V-76.
    • „… völlig beistimmen) nur überflüssig seyn“Vgl. die Berichte aus Frankfurt/Main in der AmZ, Bd. 12, Nr. 34 (23. Mai 1810), Sp. 540: „Mad. Schönberger hat diesen Winter bereits vierzehn Gastrollen gegeben, und wird noch einigemal auftreten. Als Titus, von Mozart, hat sie ganz besonders gefallen.“ sowie in der Zeitung für die elegante Welt, Jg. 10, Nr. 51 (12. März 1810), Sp. 407f.: „Als Frau spielt Mad. Schönberger die Männerrollen, wozu sie durch ihre volle, dem Tenor ganz gleiche Altstimme geeignet ist, mit einer Zartheit, die sich nicht beschreiben lässt, ohne deswegen die dem Mann ziemende Kraft, Würde und Gewandtheit außer acht zu lassen. Dieß ist um so mehr zu bewundern und zu preisen, als Mad. Schönberg[er] auf Zureden ihres Mannes nur erst seit kurzem sich dieses Fach auserkohren. Im Titus glänzte ihr mimisches Talent neben der Fülle, Tiefe und Kraft ihrer schönen Stimme im hellsten Licht, ob sie gleich hier zum erstenmal in dieser Rolle auftrat. Sie sang wie eine geborne Italienerin, und sprach wie ein Kaiser – und das alles deutlich und bestimmt, wie es nicht jeder Sängerin eigen ist. Vollendet ist sie im deklamirenden Recitativ, in der Bindung und Haltung ihrer Töne – Rein im Votrag und frei aus der Brust strömt ihr Gesang aus dem Herzen und geht zum Herzen. Sie ist aller Kunstfreunde höchste Freude.“

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