Tonkünstlers Leben. Fragment IX (Erstdruck)

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[Bruchstücke aus: Tonkünstlers Leben. Eine Arabeske von Carl Maria von Weber.] 2.

Brief an ....

Ich habe mein friedliches A. verlassen und mich wieder dem Strudel der Welt Preiß gegeben; ich kann eher die Stürme und Schläge des Schicksals, als sein heimliches Nagen dulden. Uebt sich ja der Krieger in gefahrvollen Spielen, dem Tode trotzen zu lernen; so will auch ich wieder meine Kraft versuchen, um in noch drohendern Ereignissen fest stehen zu können.

Nie habe ich die meist gepriesenen Helden, die hocherhobenen Märtyrer irgend eines Wahns, den sie durch einen Selbstmord oder sonstigen glänzenden Schluß-Akkord ihres Lebens besiegelten, hoch bewundern können. Einmal lodert auch das kleinste Flämmchen auf, und ein Moment (ich möchte ihn den Fokus im Brennspiegel des Daseyns nennen) ist im Leben jedes Menschen, wo er sich zu einer großen That entzündet oder befähigt fühlt. Aber die kleinen täglich wiederkehrenden Unfälle des Lebens, diese sind der ächte harte Probierstein, an dem so häufig das glänzende Gold unsrer Philosophen zu gemeinem Metalle herabsinkt.

Wie oft habe ich Gelegenheit gehabt, große Geister, die mir aus der Ferne so achtungswerth schienen, in ihrem engen häuslichen Zirkel zu beobachten, und wie klein wurden sie mir da! Sonst stets gelassen und ruhig, doch zu Hause das liebende Weib mürrisch anfahrend, wegen einer auf einem andern Platze liegenden Kleinigkeit! Groß und gefaßt auf den Trümmern des Staats, ängstlich und verwirrt bei dem Kränkeln einer Lieblingsblume!

So gut ich dieß alles fühle und weiß, so wenig war ich doch bis jetzt noch im Stande, mich zu jener einfach ruhigen Größe zu erheben. Welches Leben ist wohl erfüllter mit widerlich kleinen Zufällen und Erbärmlichkeiten, als das eines Künstlers? Frei, wie Gott, sollte er dastehen im Gefühl seiner Kraft, und gestählt durch die Kunst. Sein dünkt ihm die Welt, so lange er sie nicht wirklich betritt. Hin und verschwunden sind alle dieß[e] Träume und Kräfte, befindet er sich im schaalen Wirkungskreise der Alltagsmenschen.

Kaum habe ich den Fuß über meine Schwelle gesetzt, so stürmen schon eine solche Menge Erbärmlichkeiten auf mich ein, daß ich, trotz meiner schon gemachten Erfahrungen in diesem Punkte, trotz meines Willens zur Ausdauer, beinahe wieder versucht bin, umzukehren. Wären nicht einzelne Augenblicke im Stande, jahrelange Leiden zu versüßen; wäre nicht das Bewußtseyn, einen Freund zu haben, der mich auch mit halben Worten versteht und fühlt, was sollte aus diesem Drängen und Wirbeln werden, das ewig gebährend in mir kämpft?

Kaum kenne ich Dich; Deine Gestalt schwebt in verklärten Umrissen, von Feuerflammen umgeben wie eine schützende Gottheit, vor meiner Phantasie. Ewig unvergeßlich bleibt mir der Augenblick, in dem wir uns fanden. Im Kampfe mit den Elementen schloß das Schicksal unsern Bund, den elende Menschen hindern wollten. O! laß mich ihn wieder erneuen, diesen Tag, an dem ich alles verlor, alles fand, – laß mich dabei in die Zeiten zurückträumen, wo ich, von der Hand einer guten Mutter, ach, leider so wenige Jahre geleitet wurde. Erzogen mit allem Aufwande eines wohlhabenden Vaters, sein Abgott, ward mir in früher Jugend die Liebe zu allen Künsten in die empfängliche Seele geprägt; die mir verliehenen Talente entwickelten sich, und waren auf dem Punkt, mich zu verderben; denn mein Vater kannte nur die Seeligkeit, mit mir zu glänzen, fand alles vortrefflich, was ich schuf, erhob mich in Gegenwart fremder Menschen an die Seite unsrer ersten Künstler, und hätte so das in jedem Gemüth liegende Bescheidenheits-Gefühl schonungslos unterdrückt, wenn nicht der Himmel mir in meiner Mutter einen Engel beigesellt, der mich von meiner Nichtigkeit zwar überzeugte, aber doch den glimmenden Funken, dem einst ein schönes Ziel nach hohen Anstrengungen verheißen sey, nicht unterdrückte, sondern nur auf die rechte Bahn leitete. Ich las Romane; und überspannte meine Begriffe. Ich reiste früh in eine gefährliche Ideen-Welt, sog aber doch den großen Nutzen daraus, aus der zahllosen Menge Helden mir ein Ideal von Männlichkeit zu erschaffen. Mein Vater reiste mit mir; ich sah einen großen Theil Europa’s, aber nur wie im Spiegel, wie im Traume; denn ich sah durch fremde Augen. Ich bereicherte mein Wissen, und gerieth, vorher ein bloßer Empiriker, auf theoretische Werke. Eine neue Welt öffnete sich mir; hier glaubte ich den Schatz alles Wissens erschöpfen zu können. Ich verschlang alle Systeme, vertraute blindlings der Autorität großer Namen, unter deren Beglaubigung sie in der Welt standen, wußte sie alle auswendig, und wußte nichts.

Nun starb meine gute Mutter; ohne einen Erziehungsplan gemacht zu haben, hatte Ihr zartsinniges Rechtsgefühl sie den Weg gelehrt, mir Grundsätze einzuprägen, die ewig die Stütze meines Seyns ausmachen werden.

Ich lebte mit Dir an einem Orte, und haßte Dich zwar nicht, aber ich verachtete Dich; denn immer nur mußte ich von dir hören, daß du, Künstler wie ich, auf demselben Instrumente, einen Weg mit mir wandelnd, mich bitter getadelt, daß Neid dich erfülle, daß Du hinterlistig gegen mich gehandelt. Daß alles dieß aus dem Munde unsrer Tischfreunde und eines aus Liebe für mich blinden Vaters kam, erwog ich Schwacher nicht, und eine herbe Bitterkeit gegen Dich hatte sich meiner bemeistert.

Da unterbrach des Krieges Greuel auch unsere friedliche Ruhe. Du warst kurz vorher von einer Reise mit Ruhm zurückgekehrt, und im Begriff, sie weiter fortzusetzen, indeß ich, angeschmiedet durch die Liebe eines Vaters, der den Gedanken, ohne mich zu leben, nicht ertragen konnte, verbrütete: als räuberische Horden das Städtchen überfielen, und meine Habe ein Raub der Flammen wurde. Ich hatte mich verspätet; um meine Lieblinge, meine Bücher, zu retten, vergaß ich alles, mich selbst. Man gab mich für verloren, als es mir schon gelungen war, mich von der andern Seite des Hauses zu retten. Doch kaum war ich in Sicherheit auf der Straße angelangt, und hörte, daß Du, mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr, um mich zu retten in den Flammen seyst; da that es einen mächtigen Riß in meiner Brust, als ob das Weltthor der Liebe sich aufthäte; das Flehen des Vaters, das Drängen der Menge, der offenbare Tod konnte mich nicht abhalten, alles das für Dich zu wagen, was Du schon für mich thatest. Durch Feuerwogen, stürzende Balken und betäubenden Dampf drang ich zu Dir, der mich suchte; im Hochgefühl der gegenseitigen Liebesschuld sanken wir uns in die Arme, und schlossen unter dem Toben des Elements und der Gefahr, jeden Augenblick sein Opfer zu werden, den Bund, der sich nie wieder trennen soll.

Wie Du von da an für mich gesorgt, für mich entsagt, Aussichten eröffnet, Wege gebahnt, wie Du liebend Dein Wissen und Deine Erfahrungen, ohne Rückhalt selbst schwer errungener Kunstvortheile, vor mir ausgebreitet, wie Du mir die Welt gezeigt hast, wie sie ist, nicht, wie sie in meinen Träumen lebte; wie Du mir bewiesest, daß der Mensch doch noch vor dem Künstler komme, und somit mich auch das bürgerliche Leben, seine Verhältnisse und die aus ihm hervorgehenden Begriffe ehren lehrtest – wie soll ich das alles wiederholen und herzählen können. Möge es mir einst nur deßhalb vergönnt seyn, mich zu einer beachteten Höhe zu schwingen, um für Dich zeugen und Dir das beseeligende Gefühl geben zu können, daß Du einen dankbaren Künstler, in der höchsten Ehrenbedeutung, die ich dem Worte beigeselle, durch Deine Reinheit und Wahrheit der Welt gegeben.

So recht aus tiefem Herzwehe preßt sich mir die Thräne in’s Auge, wenn ich bedenke, daß eben das, was Du für mich thun zu müssen glaubtest, auch der Grund unsers schnellen Scheidens seyn mußte. Verarmt und hülflos, wie ich da stand, ließest Du mich ärnten, was Du gesäet und vorbereitet. Den Theil Deutschlands, durch den Du eine Kunstreise machen wolltest, wo Du überall erwartet, gemeldet und empfohlen warst, gabst Du mir hin, versahst mich mit den dringendsten Empfehlungen, die Dir zugedachte Gunst auf mich zu übertragen, und wenn die ungewöhnliche Weise, daß ein Künstler einen andern als Stellvertreter sendet, die Neugierde eines Theils zu meinem Gunsten spannte, und der Sporn, dir Ehre zu machen, mich andern Theils befeuerte, sprich, wem danke ich das alles, als Dir? Dir, den ich verkannte, Dir, der Du aber mit wahrem Künstlerherzen für mich sorgtest, weil Du in mir auch den ächten Beruf zu erkennen glaubtest?

Nur wer eingeweiht ist in die tausend Verzweigungen, die zu einer Kunstreise vonnöthen sind, wie der Ruf des Künstlers in ganz eigenthümlicher Richtung die Welt durchzieht, und der von ihm ausgehende Funke da und dort lebhafte Flamme weckt, indeß er von Andern unerkannt und unbeachtet vorüber zieht, weiß die Größe der Aufopferung zu beurtheilen, die Du mir weihtest. Aber, wahrlich, ich könnte es auch; und wenn ich dieß in freudigem Trotz und Stolz sage, so weiß ich es eben deshalb vielleicht erst recht auch zu erdenken.

Siehe, lieber Bruder, da ertappe ich mich wieder einmal auf dem seltsamen demüthigen Stolze und der stolzen Demuth, die so wunderbar mich oft erhebt, auch verletzt. Bin ich nur so? oder darf ich sie mit zur Künstlernatur überhaupt rechnen? Das letztere wäre mir lieb; denn ich bin mir damit nicht klar genug, und mag lieber jener dunkeln Gewalt, die ich einmal als in mir herrschend anerkenne, zu Last legen, was mir nicht so ganz recht an mir ist.

Du lachst, und wirst sagen, das sey die bequemste Art, sich immer rein zu glauben, oder vielleicht sagst du gar, daß ich das mit den Weibern gemein habe? Je nun, sind die nicht eigentlich durchaus geborne Künstler-Naturen? Doch wohin gerathe ich? wahrlich nicht dahin, wo ich heute hin wollte in meinem Briefe; also zur Sache!

Wenn ich früher viel Praktisches geübt, viel Theoretisches erlernt, manche Bemerkung durchdacht, und namentlich in unserm brieflichen Ideenwechsel manchen einzelnen Gegenstand besprochen und durch Dich berichtigt habe; so fällt es mir doch oft schwer auf, daß alles, was ich weiß, nur so eigentlich zufällig entstanden ist, und meine Bildung aller planmäßigen Folge durchaus entbehrt hat.

Da hat mich denn kürzlich ein verdammter, kluger Doctor medicinae schiefrich gemacht, dem ich Unterricht im Generalbasse gebe, wodurch er sich zu seiner Laute manchen Gesang zu ordnen lernen will.

Der bringt da Warum’s so viele, hat so wenig Respect vor irgend eines Namens Autorität, will immer die Sache so in sich selbst beursacht wissen, daß ich manchmal mit all meiner Vielwisserei sehr in’s Gedränge komme. Ich fühle es täglich mehr, daß wir nur verbieten und gebieten, ohne zu sagen, warum? und ohne anzuleiten zum Wie.

Es heißt: Ja, Bach hat das so gemacht! Hendel schrieb dieses nicht! Mozart erlaubte sich jenes! Wenn einem nun aber glücklicher Weise etwas einfällt, was die nicht gemacht haben, so thät es Noth, man strich es gleich wieder weg, weil man mit nichts beweisen kann, daß es auch so seyn darf. Welch ein Mangel an festem Halt und Stützpunkte von Haus aus in der Musik! Gefühl und wieder Gefühl – – Ich habe mir also fest vorgenommen, die Kunst einmal so recht schulgerecht, wie eine andere Wissenschaft zu behandeln; denn man kann doch jedem Jünger andre Dinge sagen:

Erst lernst Du das, dann jenes; aus diesem folgt das, und so weiter, bis Du fertig bist. Fertig? nun ja, natürlich bis auf einen gewissen Grad!

(Die Fortsetzung folgt.)

Apparat

Zusammenfassung

autobiographisch eingefärbte Skizze des Protagonisten in Briefform an einen Künstlerfreund adressiert, von dem er im theoretischen Disput viel gelernt hat

Generalvermerk

vgl. Entwurf

Entstehung

4. Dezember 1811 / 16. Juli 1820 (laut A und TB)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: Die Muse, Bd. 1 (1821), Heft 1, S. 61–72

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS I, S. 31–40 (Drittes Kapitel)
    • MMW III, S. 250–256
    • Kaiser (Schriften), S. 455–461 (Nr. 160)
    • Jaiser, S. 226–229 (hier Fragment XVI.2.)

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