Tonkünstlers Leben. Fragment XII (Erstdruck)

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Bruchstücke aus: Tonkünstlers Leben. Eine Arabeske von Carl Maria von Weber.

I.

[Notensystem mit Bassschlüssel und Note C]

– – Und der Hammer flog aus seiner Gabel, – und einige Saiten gaben kreischend ihr Leben auf – so hatte der heftig mich übermannende Unwille die Hand auf die Tasten, das leere Notenpapier auf die Erde, den Stuhl um geworfen, und mich selbst empor gerissen, daß ich in langen Schritten mein enges Stübchen durchreiste, obwohl selbst im Unwillen künstlich um alle Kasten- und sonstige Mobiliar-Ecken mich windend.

Was seit Monden in mir Unheimliches mich geängstiget, verstört und gepeinigt hatte, wuchs seit den letzten Wochen zum Unerträglichen heran. Jenes unbestimmte Sehnen in die dunkle Ferne, von der man Linderung hofft, ohne sich von dem: wie? bestimmte Rechenschaft geben zu können; jenes schmerzliche Regen innerer Kraft, dem das Bewußtseyn des hohen Ideals drückende Fesseln anlegt, an deren Lösung zuweilen alle Hoffnung unterzugehen glaubt; jenes unwiderstehlich gewaltsame Drängen zur Arbeit, in Riesenbildern des Leistenwollens, das eben dann in reine Gedankenlosigkeit sich auflößt und alles Erzeugen wieder innerlich untergehen heißt; dieses Chaos von wogenden ängstigenden Gefühlen, das so oft das Wesen des Künstlers beherrscht, hatte sich auch meiner jetzt gänzlich bemeistert.

Hatte es schon früher oft in kürzern Anfällen Wünsche, Träume und Vorsätze, durch Kunst- und LebensVerhältnisse geschlungen, in mir erzeugt, so geschah dieß heute mit Wahnsinns Gewalt.

Des Lebens Lasten ruhten schwer auf mir; gern flüchtete ich von ihnen zur Kunst; aber so wie Kunst nur im Leben, Leben nur in der Kunst lebt, halfen beide dann auch vereint sich und mich aufreiben.

Schon der Platz am Klavier, den ich, um zu schaffen, eingenommen hatte, war, als mein letztes Hülfsmittel, ein übler Vorbote gewesen.

Der Tondichter, der von da seinen Arbeitsstoff holt, ist beinah stets arm gebohren, oder auf dem Wege, seinen Geist dem Gemeinen und Gewöhnlichen selbst in die Hände zu geben. Denn eben diese Hände, diese verdammten Klavierfinger – die, über dem ewigen Ueben und Meistern an ihnen, endlich eine Art von Selbstständigkeit und eigenwilligen Verstand erhalten, sind bewustlose Tyrannen und Zwingherren der Schöpfungskraft. Sie erfinden nichts Neues, ja alles Neue ist ihnen unbequem. Heimlich und spitzbübisch, wie es ächten Handwerksleuten gebührt, kitten sie aus alten, ihnen längst gelenkgerechten Tongliederchen ganze Körper zusammen, die fast wie neue Figuren aussehen, und weil sie sogleich auch gar nett und rund klingen, von dem bestochenen Ohre, als erster Richt-Instanz, beifällig auf- und angenommen werden.

Wie ganz anders schafft Jener, dessen inneres Ohr der Richter der zugleich erfundenen und beurtheilten Dinge ist. Dieses geistige Ohr um- und erfaßt mit wunderbarem Vermögen die Tongestalten, und ist ein göttliches Geheimniß, das, auf diese Art und Weise nur der Musik rein angehörig, dem Laien unbegreiflich bleibt: denn – es hört ganze Perioden, ja ganze Stücke auf einmal, und macht sich aus den kleinen Lücken und Unebenheiten, hin und wider, nichts, indem es, diese auszufüllen und zu glätten, dem spätern, besonnenen Moment überläßt, der das Ganze auch in seinen Theilen bei Gelegenheit besehen, und allenfalls noch hier und da zurecht stutzen wird.

Es will etwas Ganzes sehen, dieses Ohr, eine Ton-Gestalt mit einem Gesicht, daß es einst auch der Fremde wieder erkenne und unter dem Gewühle finde, hat er es einmal gesehen. Das will es, nicht einen zusammengeflickten Lumpenkönig!

Hat nun aber der Sinn so ein Bild erfaßt, und möchte es ausbilden und ehrlich austragen im geistigen Mutterleibe, – denn gut Ding will Weile haben und reifen, – möchte es hüten vor schädlichen Speisen und andern, das Leben des theuren Zeuglings bedrohenden Dingen; und die elenden Hausknechts- und Ministers-Blei- und Gold-Dinge des täglichen Treibens fahren dann so pöbelhaft und lustig grausam dazwischen, der schon im Entwickeln begriffenen Gestalt beim Kopfe durch den Hals, wischen ein Auge aus, trennen einen Fuß vom Leibe, und dergleichen; da bricht die Ungeduld und die Liebe aus, tobend den armen Schöpfer zum Halb-Narren, wenn alles kreuzend sich selbst so durch einander wirft.

Da muß es endlich aufschreien, wie es jetzt in mir that. Fort! Du mußt hinaus, fort ins Weite! Des Künstlers Wirkungskreis ist die Welt! – Was nützt dir hier, im engbrüstigen Verhältniß-Zirkel, der gnädige Beifall eines hochgebohrnen reimschmiedenden Kunst-Mäcens, für eine dir abgerungene Melodie zu seinem geist- und herzlosen Wortgepolter? was der freundliche Händedruck der niedlichen Nachbarin, für ein paar hebende Walzer; oder der Beifallruf der Menge auf der Parade wegen eines gelungenen Marsches!? Fort! der Geist suche sich in Andern; und hast du fühlende Menschen durch deinen Genius erfreut, hast du Dir ihr Wissen angeeignet, – dann kehre zur friedlichen Heimath und zehre von dem Erbeuteten!

Flugs packte ich meine vielen Tonkinder und wenigen Habseligkeiten zusammen, umarmte einige Bekannte, die mich Freund nannten, und fort gieng es in das nächste Städtchen auf dem bescheidenen Postwagen, den mir mein Geldbeutel sehr dringend empfohlen hatte. Es war spät Abends; wie stumme Schatten umsaßen mich meine Reisegefährten, und Jugend und froher Muth verhalfen mir bald zu einem ruhigen Schlafe, dessen festen Schleier nicht einmal der Traumgott zu lüften im Stande war.

Dieß gelang im Morgengrau besser der Hand des begehrlichen Postillions die sich als lebender Klingelbeutel von einem zum andern bewegte.

In herrlich ruhiger Größe entfaltete sich die kommende Pracht des Tages. Das heilige Crescendo der Natur im lichtbringenden Aether erhob mein still ergebenes Gemüth zu fromm heiterer Ahnungs-Regung. Mit froher Zuversicht wendete sich mein Innerstes zu Dem, der das Kunsttalent väterlich in dasselbe gesenkt, das nun mein Leben stempeln sollte, und laut ‘zeugen für Ihn, der alle Kraft allein schenkt und schaffet. Er, der mir dieß Pfand seiner Huld anvertraute, konnte mir wohl nicht versagen, es auch zu lösen; denn ich durfte ja auf meinen reinen Willen mit ehrlicher Selbstzufriedenheit, fast mit ein wenig menschlichem Uebermuthe pochen; konnte mir Zeugniß geben, kein Mittel unversucht, keine rauhe Bahn unbetreten und keine Mühen unangewendet gelassen zu haben, um einst zur Freude meiner Mitbrüder das Walten und Streben meines Herzens entfalten zu können.

Wunderbar wirket stets auf mich die freie Natur, und gewiß ganz verschieden von andern Gemüthern.

Das, wozu sich alle Kräfte vereint hinneigen, – nennt es Talent, Beruf, Genius, wie ihr wollt, – umfängt mit einem magischen Kreise Dein Anschauungs-Vermögen. Deinem körperlichen Auge nicht allein ist ein Gesichtskreis vorgeschrieben, auch Deinem geistigen. Beide kannst Du freilich durch Wechsel Deines Standpunkts verändern; wohl Dir, wenn du vorwärts gehend sie erweiterst! – aber heraus kannst Du nicht. Ja! nicht genug; auch eine, nur dir eigene Farben-Gebung erhalten alle Gegenstände, die sie unwillkührlich dem Grundtone Deines Lebens und Gefühles abborgen; und da ich denn einmal von Ton spreche, so will ich auch gar nicht läugnen, daß alles sich bei mir zu musikalischer Form bequemen muß. Das Anschauen einer Gegend ist mir die Aufführung eines Musikstückes. Ich erfühle das Ganze, ohne mich bei den es hervorbringenden Einzelnheiten aufzuhalten; mit einem Worte, die Gegend bewegt sich mir, seltsam genug, in der Zeit. Sie ist mir ein successiver Genuß.

Das hat aber seine großen Freuden und seinen großen Jammer. Freude, weil ich nie genau weiß, wo der Berg, der Baum, das Haus steht, oder etwa gar, wie das Ding heißt, und daher bei jedesmaligem Anschauen eine neue Aufführung erlebe. Aber großen Jammer, wenn ich fahre. Da fängt eine gute Confusion an in meiner Seele; dann gaukelt und wirbelt alles durcheinander. Wie jagen, durchkreuzen und rädern sich alle Begriffe und Vorstellungen in mir! Sehe ich stillestehend so recht festen Blickes in die Ferne, so beschwört dies Bild fast immer ein ihm ähnliches Tonbild aus der verwandten Geisterwelt meiner Phantasie herauf, was ich dann vielleicht lieb gewinne, festhalte, und ausbilde. Aber, gerechter Himmel! mit welchen Purzelbäumen stürzen die Trauermärsche, Rondo’s, Furioso’s und Pastorale’s durcheinander, wenn die Natur so meinen Augen vorbeigerollt wird. Da werde ich dann immer stiller und stiller, und wehre dem allzu lebendigen Drang in der Brust. Kann ich dann auch nicht den Blick abziehen von dem schönen Glanzspiele der Natur, so wird es mir doch bald nichts mehr, als ein buntes Farbenspiel; meine Ideen entfernen sich durchaus von allem Tonverwandten, das bloße Leben mit seinen Verhältnissen tritt herrschend vor; ich gedenke vergangener Zeit, ich träume für die Zukunft. Und somit wehe dem, der, besonders in der ersten Zeit der Reise, auf einen geselligen Nachbar in mir hofft; er ist übel betrogen, und ich am Ende auch: denn mein Geist gebiehrt nichts, als aufsteigende und gleich wieder platzende Seifenblasen, die nicht einmal der Erinnerung werth sind.

Apparat

Zusammenfassung

ironisch-kritische Selbstreflexion eines Künstlers, der von innerer Unruhe getrieben, auf Reisen geht und die bevorstehenden Begegnungen vorausahnt (= Überarbeitung des ursprünglichen 1. Kapitels, Fragment I)

Generalvermerk

vgl. Entwurf

Entstehung

(Mitte 1813?); vermutlich 2. Dezember 1816 / 17. Februar 1819 (laut A und TB)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: Die Muse, Bd. 1 (1821), Heft 1, S. 51–60

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS I, S. 20–27 (Erstes Kapitel nach der zweiten Ausarbeitung.)
    • MMW III, S. 244–249
    • Kaiser (Schriften), S. 448–453 (Nr. 160)
    • Jaiser, S. 223–225 (hier Fragment XVI.)

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