Wilhelm Ehlers an Giacomo Meyerbeer mit Nachschrift an dessen Eltern Jacob Herz und Amalie Beer in Berlin
Prag, Mittwoch, 25. und Sonnabend, 28. Oktober 1815

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Des Herrn G. Meyerbeer

Großherzoglich Hessischer CammerCompositeur

Lieber Freund!

Sonntag d. 22ten und Gestern Dienstag d. 24ten wurde ihr Kind dem hiesigen Publiko zur Schau gestellt. Die erste Aufführung lies Vieles zu wünschen übrig. welches auch vom Publikum etwas lau erwiedert wurde, und woran Weber größtenteils Schuld war.

In der Prager Zeitung vom 20ten hatte er dem Publiko angekündigt er wolle jedesmal vor jeder neuen Opernaufführung eine Characteristik des Ganzen liefern. ich war gar nicht damit einverstanden, den[n] jede gute Sache, so auch die Ihrige bedarf der Anpreisung nicht, dann mußte es doch von der Fabel des Stückes auch eine Schilderung gegeben, dadurch verliert die Ueberraschung des Publikums. Ueberdem ladet der Beurtheiler auch den Vorwurf der Arroganz auf sich, [daß] das was er beleuchtet gut und vortrefflich sey. Weber, der der Feinde hier mehr als Freunde hjat, sollte dieses durchaus nicht thun. Man wirft ihm hier außer seinen Eigennutz, auch noch einen unbändigen Eigendünkel und die Sucht alles besser zu wissen und zu verstehen vor. Mir scheint es auch so. – -

Nachdem ich ihm das oben Gesagte mitgetheilt, hat er denn einen ganz andern Aufsatz am 21ten dieses – welcher beifolgt, geliefert. Nach diesen aber lasse ich es Ihrer Einsicht wie sehr auch dieser nachtheilig auf die erste Vorstellung wirkte. Sie, die Grünbaum und ich hatten einen großen Kampf zu bestehen. Trotz meines Protestirens gegen Weber, wurde dennoch die Oper an einem Sonntage gegeben, welches mit neuen Opern freilich nie der Fall sein soll, allein mit dieser, wo keine Nuanze, verlohren gehen darf, da jede Floskel, jede Rede, jede Scene bezug hat und durch das ganze Buch korrespondirt, hätte man eine Ausnahme machen sollen. Vergebens, Webers Starrsinn war nicht zu beugen, es ist so weit gegangen, daß ich beinahe vor der Vorstellung abgereiset wäre, allein ich dachte, gehst Du fort, so bleibt die Oper entweder in Prag unaufgeführt liegen, oder G. hätte den Alimelek ändern müssen. Mit Angst und gespanter Erwartung betrat ich die | Bühne und wurde für meine Person mit Entusiasmus empfangen und belohnt, wie auch Madame Grünbaum welche die Irene unnachahmlich schön gesungen hat, ihr Spiel war auch ganz artig wozu ich nach Möglichkeit beigetragen habe. Sie wissen noch aus alten Zeiten daß ich in diesem Fache kein ganz schlechter Hofmeister bin. – - -

Sie verdient – M. Grünbaum, wahrlich ein paar Zeilen als Dank von Ihrer Hand geschrieben. Dabey muß ich auch Weber alle Gerechtigkeit wiederfahren lassen; seine Einstudierung der Chöre und Ansembles verdient die größte Achtung, nur soll er sich nicht einfallen lassen den Regisseur spielen zu wollen, wovon er keine practische Ein- und Uebersicht, ja auch kein Gedächtniß besitzt. Auf der Hauptprobe hatte ich viel sehr viel zu erinnern. Im Finale des ersten Actes wußte er nicht einmal daß das ganze Chorpersonale mit den Anführer abzugehen habe, die Sclavinnen zu holen und bey den Fortissimo wieder kommen müsse. – Wie gesagt nach allen was vorgegangen nimt es noch wunder daß die Vorstellung den ersten Abend so aufgenommen wurde.

Abermals habe ich erfahren daß reden schreiben und gedruckte Urtheile nichts ist, wenn die Sache nicht am rechten Ende angepackt wird. Was hat Weber nicht alles vorher gesprochen u. s. w. Kurz ich bin sehr unzufrieden mit ihm.

Nun zur zweiten Aufführung, trotz dem das Weber der Meinung war, daß die erste Vorstellung nicht gut gegangen sey lies ich mich nicht abhalten mit den Choristen und Statisten, die Hauptscenen noch einmal durchzugehen, und der Erfolg bewies daß dieses von großen Nutzen war. Gestern also ist Ihr Ruhm auf den höchsten Glanz hergestellt worden. Kein Musikstück ohne rauschendes Applaudissement, keine Scene ohne die lezte theatralische Wirkung, keine Nuanze unaufgefaßt und überhört! Ein herrliches Ganze auf festen Fundament. Das einzige was ich gegen das Buch einzuwenden habe ist, daß der erste Akt beinahe ganz Exposition ist. Dieses ist sehr schwer durchzuführen und belegt von Seiten des Sängers der den Alimelek spielt auch eines sehr guten Schauspielers. Wenn es möglich gewesen wäre, hätten die Imans schon im ersten Act oder wenigstens ihr Vorsteher handeln | sollen, ich komme auch hier auf meinen vorhin aufgestellten Grundsatz zurük, handeln ist mehr als erzählen. Warum gehe ich vorzüglich ins Schauspiel!? – um zu schauen. – Wie steht des mit unserem Gesetz? – -

Gestern wurde ich nicht allein wie am ersten Abend empfangen, sondern auch am Schlusse der Vorstellung rauschend hervorgerufen; ich nahm Madame Grünbaum mit hinaus welche sich selbst übertroffen hatte. Freund, ich wünschte, sie hörten das Finale im ersten Act von ihr. Daß sie eine Arie und Duett vorzutragen weiß, wissen Sie schon aus Erfahrung, allein mit welcher Praecision mit welcher Kraft sie in den ersten Finale arbeitet – (Sie haben wahrlich der Schwierigkeiten und Lieblichkeiten zu viele aufgestellt.) läßt sich nicht beschreiben.

Nun aber ein ernstes Wort: ich muß durchaus verlangen daß Sie diese Oper in keinen andern Theater aufführen lassen, wenn nicht Weber oder ich gegenwärtig; er und ich haben uns überzeugt, daß dieses Werk einer ganz eigenen Handlung Behandlung bedarf. Ich gebe Ihnen, wie schon in Wien mündlich auch hiemit schriftlich die Versicherung, nirgends Ihr Stück zu verhandeln: daß Eigennutz ich nicht kenne, davon sind Sie durch Erfahrung belehret. Ich habe hier Partitur und Buch unentgeltlich hergegeben. Gerne hätte ich auch in Breslau wo ich als Gast die Regie führte, diese Oper in die Scene gebracht, allein sie konnte nicht nach meinem Wunsch besetzt werden, daher lies ich es, nach meinem einmal angenommenen Grundsatz nie eine Sache halb zu thun, es ganz bleiben.

In Breslau habe ich übrigens sehr gute Geschäfte gemacht sowohl in artistischer als ökonomischer Hinsicht. Unter alle Ausgaben an Garcderobe u. s. w. Habe ich 1500 rh courant mit fort genommen. Erinnern Sie sich noch des Abends vor meiner Abreise, wo mein Wagen gepakt in der Mohlerei stand und Sie mir Vorwürfe machten, daß ich meine Musikalien zur Stütze meines damaligen lahmen Armes – der Gott sey Dank ganz wieder hergestellt ist – herabwürdigte.

Noch eins muß ich erwähnen: die hiesige Censur fand Anstand daß die | Imans erscheinen zu lassen*. Ich mußte deshalb nach Wien schreiben und durch Schwarz der sich bitter über Sie beklagt, das Wiener Buch, welches mit einer Versicherung von Treitschke begleitet war, daß die Aufführung genau darnach gewesen sey nebst einen gedrukten Zettel, kommen lassen; Dieses verhinderte das die Aufführung hier nicht um 8 Tage früher war.

Was wäre es eine Freude für mich, Ihr Kind auch in Ihrer Vaterstadt auf die Bühne zu bringen. – Sie kennen aber meinen Grundsatz, ich mag mir nicht gern eine etwaige abschlägige Antwort geben lassen.

Meine Gesundheit meine Stimme ist durch das Reisen noch fester und dauerhafter geworden,, letztere hat ohne mir zu schmeicheln an Fülle und Biegsamkeit gewonnen, welches in Wien – auch aus Mangel an Selbstvertrauen – selten ganz der Fall war. Meine besten Rollen, sind außer jene welche Sie schon kennen, Tarar; Licinius, Joseph, Alimelek u. s. w. Schon freue ich mich auf den Menzikof! Bis Ende Januar bleibe ich hier vor wie nach als Gast und dann hoffe ich auch die übrigen Theater Deutschlands zu bereisen und erwarte auch dabei als Alimelek die beste Bewirthung. Mein Wagen wird mir beinahe zu klein, denn zu jeder bedeutenden Rolle habe ich mir eigene Garderobe machen lassen, so auch zum Alimelek, wo besonders der erste hier sehr viel Sensation macht. Der zweite ist prächtig, aber wie kann man anders als türkisch gehen. Der erste dagegen ist ganz genialis[ch] jovialisch morgendländisch, üppig.

Noch muß ich erwähnen, daß die Episoden im 2ten Act sehr gut und ohne Übertreibung gegeben werden, vorzüglich die Scene der Misis und Mutis. beide Charactere haben dadurch sehr gewonnen daß ich die Idee gab, selbe vorher als jung in der Introduzione des 2ten Actes durch die paar Solis sich „produziren“ zu lassen. Mad. Allram und Mlle Brandt führten diese beiden | Charaktere ganz allerliebst aus. Schwarz rieth mir diese Rollen ganz weg zu lassen, indem selbe mehr Effect im Lesen als in der Aufführung machten. Dadurch entstand dann in mir jene Idee und sie war von guter Wirkung.

Das größte Kompliment ist wohl, daß die Oper in sich so viel Werth hat, daß des äußern Schmukkes sie nicht bedurfte. Da hier außer der Grünbaum ihren Anzügen und meinigen, nichts Neues an Dekoration und Garderobe dazu verfertigt ist.

Ich hoffe bald und viel von Ihrer Hand geschrieben zu lesen. Weber hat wie er selbst sagt erst vor kurzem an Sie geschrieben, ich wollte erst die Production ihres Werkes abwarten, sonst hätte ich ein paar Zeilen Banales beigelegt.

Das Orchester hier ist unter Webers Leitung sehr brav, wozu der OrchersterDirector Clement das mehrste dazu beiträgt.

In Wien geht es bunt über Eck. Alles bläst. – -

Vor mehreren Jahren mußten Pferde, Kameele und Bestien aller Art, das Ganze aus dem Schlamm ziehen. Vor zwei Jahren stekte man sich unter eine Elselshaut und jetzt müssen die Hunde angespannt werden um den zum den zum Karren verwandelten Staatswagen weiter zu bringen. – Es geht sehr stark die Rede, daß das Theater an der Wien solle ausgespielt werden.

Ich danke meinem Schöpfer daß ich mich losgerissen habe. Neun Jahre hoffte ich auf Beßrung vergebens. Die ganze Welt steht mir jetzt offen, wo bedarf man nicht eines Tenoristen?

Man hat mir hier die Regie des der Oper und für Prag einen außerordentlichen Gehalt und Aussicht auf Pension angetragen, allein seit ich bares Geld wieder kennen lernte ist das Papier mir doch zu leicht und nichtssagend. Ehegestern spielte ich als Alimelek die 29te Gastrolle. Außer meinen Honorar 100 Gulden für jede Rolle, freies Quartier und Tisch bey Liebich. habe ich zwey Einnahmen, im Don Juan und Joseph gehabt, welche mir – 3759 Fl W. W. eintrugen*, für Prag, da die erste Einnahme noch im August war, etwas unerhörtes.

Leben Sie herzlich wohl und gedenken Sie auch in der weitesten Ferne Ihreswahren Freundes
Wilhelm Ehlers
k. k. Hofschauspieler und Sänger
verzeihen Sie meinen eiligen
und etwas unzusammmenhängenden
Geschmiere

Uebermorgen ist Alimelek wieder angesetzt. Da hier die Oper Der Kaliph von Bagdad – wie sonderbar! – durchgefallen ist*, habe ich es nicht wie in Wien Die beiden Kalifen nennen wollen.

P. S.
So eben erfahre ich daß, zwar heute die Post abgeht, allein der Brief komt eben so schnell hin, wenn er Sonnabend auf die Post gelangt. Daher laß ich den Brief unversiegelt und harre mit Abschicken desselben bis zur übermorgenden 3ten Vorstellung des Alimeleks.

Gestern konnte wegen Heiserkeit des Herrn Kainz Alimelek nicht gegeben werden, wie beikommende Austheile beweiset ist Montag d. 30ten die 3te Vorstellung, auf diesen Repertoir[e] habe ich erstmals Don Juan und Titus zu spielen.

Ehegestern ist auch eine Beurtheilung über Alimelek in der hiesigen zeitung herausgekommen. Die ganze Stadt sagt sie sey von Weber selbst*.

S. S.

Da der Herr Kapellmeister von Weber mir keine gewiße Auskunft geben kann, wo mein Freund J. Meyerbeer jetzt sich aufhält, so ersuche ich die verehrten Aeltern desselben* ihm Beikommendes gefälligst zu übermachen; so wie ich letztere ergebenst ersuche durch ein paar Zeilen mir wissen zu lassen, daß da ich ebenfalls von Herrn von Weber keine vollständige Adresse erhalten kann, ob diese Zeilen nebst Beilagen für meinen Freund richtig in Ihre Hände gelangt sind?!

Der ich der Hochachtung größte verbleibeergebenster

Wilhelm Ehlers
C. C. Hofschauspieler u. Sänger
wohnhaft beim Director des
königl Ständischen Theaters.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über die Aufführungen des Alimelek u. schiebt Weber die Schuld für mangelnden Erfolg der EA zu; erwähnt dessen Zeitungsartikel; ausführlich über die Aufführungen, wovon die zweite erfolgreich war; bittet MB, die Oper nur durch ihn und Weber aufführen zu lassen; über seinen Aufenthalt in Breslau; erwähnt Zensurbedenken wegen der Imans; über seine Rollen; er sei von einem hiesigen Mahler als Joseph portraitiert worden; zahlreiche weitere Einzelheiten zur Aufführung und zu seinen Rollen; da Weber ihm keine genaue Auskunft geben könne, wo MB sich aufhalte, ersucht er die Eltern, beifolgende Schreiben an MB weiterzusenden; bittet auch um Bestätigung

Incipit

Sonntag d. 22ten und Gestern Dienstag d 24sten

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: N. Mus. Nachl. 97, J/114

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. u. 2 Bl. (7 b. S. o.Adr.)

Textkonstitution

  • "gegeben": sic!
  • "gehen darf": Hinzufügung.
  • "Ansembles": sic!
  • "Handlung": durchgestrichen.
  • "Behandlung": Hinzufügung am Rand.
  • "daß": durchgestrichen.
  • "sich": Hinzufügung.
  • "Banales": durchgestrichen.
  • "den zum": durchgestrichen.
  • "daß": durchgestrichen.
  • "des": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… die Imans erscheinen zu lassen": Laut Prager Zensur-Protokoll (Prag, Národní archiv, Presidium královského českého gubernia, PM PG 217 Protokol divadelní cenzury 1811–1817, darin: 1815, Nr. 19) wurde die Aufführungserlaubnis am 16. Oktober 1815 erteilt. In den zu ändernden Texten sind die Rollen von "Ober-Imam" und "Imam" ausdrücklich genannt, ohne dass an diesen Bezeichnungen Anstoß genommen wurde.
  • "… 3759 Fl W. W. eintrugen": Benefiz-Aufführung für Ehlers am 21. August (Don Giovanni) und 19. September (Joseph)
  • "… wie sonderbar! – durchgefallen ist": Der Kaliph von Bagdad wurde am 7. August 1814 im Ständetheater erfolglos erstaufgeführt, vgl. Rezension
  • "… sie sey von Weber selbst": Es gibt keinen Hinweis auf Weber als Autor von A031108
  • "… ich die verehrten Aeltern desselben": Im Brief vom 4. November 1815 an ihren Sohn Giacomo schreibt Amalie Beer: „Soeben erhält Vater einen Brief von Ehlers welcher anbei erfolgt“ (Becker, Meyerbeer I, S. 296)

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