Johann Gänsbacher an Gottfried Weber in Mannheim
Salzburg, Donnerstag, 24. Juni 1813

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Geliebter Bruder!

Endlich schreibt der faule Hund wieder einmal, und gibt Kunde von seiner Existenz, wirst du ausrufen; hast recht, wenn du mich derb auszankst, ich bin selbst teufelstoll auf mich, und gefalle mir gar nicht ja warum, wirst du fragen? ich will das ganz aufrichtig gestehen, damit du siehst, wie sehr ich dir vertraue, dich lieb. 1. komme ich schon zu Jahren, ohne etwas bestimmtes vorzustellen; ich bin in der casa bloß um mich füttern zu laßen, und habe kar keinen fixirten Wirkungskreis; 2. Ein inneres unbefriedigtes Sehnen preßt mich unmenschlich; zudem habe ich die Grille, die strengste Abstinenz zu halten; 3. Liebe ich halb unglüklich, und die mir angebohrne höllische Eifersucht verbittert mir all mein Leben, und Lust zur Arbeit, wozu ich nur die .... intervalle benützen kann. 4. bin ich zu schwach an Geist, um mich kaltblüthig über dieß dumme Zeug hinwegzusetzen; 5. endlich sehe ich bisher keinen Ausweg, mich von allem dem loszumachen, und zur und keine Aussicht, meine LieblingsIdee zu realisiren, mich nämlich in Innsbruck anzuseilen, und selbst einen musikalischen Wirkungskreiß zu schaffen. Hätte Beer Wort gehalten, seine Reise nach Italien ausgeführt, und mich mitgenommen, so stünde alles beßer für mich; er gibt aber gar kein Lebenszeichen, und beantwortet meine Briefe nicht. Unser geliebter Weber ist auch seit seiner Wiener Reise krank, welches er mir durch einen Theater Sänger berichten ließ, seitdem weiß ich nichts von ihm, und ich lebe in beständiger Angst für seine Gesundheit; dadurch bin ich auch außer allen musikalischen und freundschaftlichen Verkehr gesetzt, kurz, millionen Umständ machen so mißvergnügt, ich fühle mich erleichtert / da ich dir itzt mein Herz aufgeschloßen habe. Weber schrieb ich 3 Briefe von hier; weil er mir aber nicht antwortet, so muß er in seinen GesundheitsUmständen noch sehr zurückgesetzt seyn; mir ist wahrlich sehr bange für ihn; mit wahrer Sehnsucht erwarte ich jeden Posttag einen Brief von ihm. Ich weiß nicht einmal etwas umstädnliches von seinen Wiener Geschäften, auß[er] was in öffentlichen Blättern davon stand; der Himmel erhalte uns ja diesen Freund, der so ganz mein innigstes Vertrauen besitzt.

Voglers plötzlilches Erscheinen in Salzburg hat mich sehr freudig überrascht, das kannst du dir vorstellen; am 10 d: kam er an, am 11 erfuhr ichs, am 12 gab er Orglconcert, und am 13 reißte er wieder nach München ab, seinen Process wegen dem OrglbauContract zu negiren; Anfangs August will er wieder in Darmstadt seyn, und zum Moses eine neue Musik schreiben; ich schließe den hier erschienenen Aufsatz bei über die Orgl von St: Peter, und sein Concert bei; vielleicht kannst du ihn irgendwo einrücken laßen; gerne hätte ich ihn nach Leipzig für d: m: Z: geschickt, aber ich fürchte, die armen Teufel werden bei diesen Umständen nicht viel harmonisches schreiben können. Das war wieder einmal ein Ohrendiner für unser eins; schade, daß sich der Papa nicht länger aufhielt, um von seinem belehrenden Umgang zu profitiren.

Weder von deiner Kirchenmusik noch von Beers Oratorium habe ich was gesehen. Wenn ich nach Innsbruck, vielleicht auch nach Botzen reise, welches zwar nicht völlig noch bestimmt ist, so will ich gerne deine Kirchencompositionen dort aufführen. Die vermaledeyte Politick läßt einen ja gar keinen festen Entschluß faßen. Wird Friede, dann solls hoffentlich einmal aus einem andern Ton gehen. Deinen Aufsatz in der m: Z: für die österreich: Staaten über das Generalbaßspielen bei Aufführung von Kirchenmusik hat meinen ganzen Beifall; ich habe mich selbst oft über das accompagniren mit den zu starken Registern geärgert, aber, wie du gut sagst, der einmal angenohmenen Gewohnheit wegen, den Schaden nie weiter untersucht, und ernstlich darüber nachgedacht. bei einem gut besetzten Orchester und Chorgesang ist die Orgl außer bei besonderen Effekten, worunter vorzüglich die Fuge gehört, wenn die Violinen bloß dabei einen figurirten Gesang haben, gröstentheils entbehrlich; allein bei einer mittelmäßigen Bestzung ist sie doch ein guter Ersatz; es würde aber gar nicht überflüßig seyn, wenn jeder Kirchencompositeur so viel von Orglbau ver-stände, um bei jedem Stück oder bei gewißen Stellen auch die Wahl der Register vorschreiben zu können. So habe ich selbst 2 Litaneyen, worunter 2 Orgelsollo vorkommen, geschrieben; aber stäts gefunden, daß der Organist das rechte Verhältniß mit dem übrigen Orchester nie gefunden hat. Ich werde in Zukunft manches von deinem Aufsatz beherzigen, und auch andern praktisch beizubringen suchen. Die Gewohnheit ist und bleibt doch eine alte verstokte Sünderin, wenn man sie nicht mit dem Dreschflegel zu bekehren sucht.

Daß Meyer Beer ist auf Veranlaßung Voglers zum Hof und Cammer-Compositeur ernannt vom Großherzog von Darmstadt ernannt wurde, war mir eine sehr erfreuliche Neuigkeit. Die Kerls sind alle so jung, und sind was, ich alter Esel bin noch gar nichts, pfui Teufel!

Vergiß meinen Holzmann, diesen erzbraven Organisten nicht, wenn sich was ergeben sollte.

Du erhältst mein neues Requiem gestochen. Wird es dir bezahlt, nämlich um 4 ƒ 12 xr Reichswährung, so ists gut; behalt das Geld für unsere Cassa; wo nicht, so bleibts ein Andenken für dich. Krepirt einmal ein großer Hund, so laße es auf sein Grab bellen; und belle dann hinter drein.

Ich schrieb unlängst eine Musik für die corporis christ Procession in Botzen; sie besteht aus 5 Sätzen für ein voles Orchester! darunter gehört das beiligende pange lingua 5stimmig nicht zu den letzten; ich es ist mit Blasinstrumenten gesetzt, die aber nicht mit den Singstimmen gehen, sondern bloß das Anfangs und Endritornell mit 3 zwischen Ritornellen haben; weil es ohne die Instrumenta aufgeführt werden kann, so schicke ich dir bloß den 5 stimmigen GesangChor. Ich bin mit meiner casa siet dem 5 Mai hier, und werde noch wenigsten den nächsten Monat Juli hier bleiben. Gombart sticht gegenwärtig ein Trio für Clavier Violin und cello, dann 3 Canzonetti mit Guitarre, wofür ich mir Exemplare forderte; das Honorar muß mich mir die Dedication eintragen. Ich werde dir vor zeiten ein exemplar anweisen.

lebe mir wohl, geliebter Bruder; die 5 obbmeldten Punkte mein Inneres betreffend, behalte für dich allein; schreibe mir bald hieher; ich sehne mich darnach; Freundes Theilnahme ist jederzeit erquickend. Herzlich grüße ich dein liebes Weibchen; ach! hätte ich auch so eine! – Tusch gleichfalls alles schöne und herzliche; dito Freund Frey von deinem alten treuen Hansjörgel.

Apparat

Zusammenfassung

Privates; Weber sei seit seiner Wiener Reise krank; Treffen mit Vogler; über Kirchenmusik Gottfrieds; Rez.; über sein Requiem

Incipit

Endlich schreibt der faule Hund wieder einmal, und gibt Kunde

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Heidelberg (D), Universitätsbibliothek, Handschriftenabteilung (D-HEu)
    Signatur: Heid.Hs. 2120,43

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b.S. o.Adr.)
    • Vermerk Gottfrieds oben rechts: 13 Juny 24 [sic!]

Textkonstitution

  • „Zeug“Unsichere Lesung.
  • „und zur“durchgestrichen.
  • „zu realisiren“über der Zeile hinzugefügt.
  • „negiren“Unsichere Lesung.
  • „bei“durchgestrichen.
  • „andern“Unsichere Lesung.
  • „ist“durchgestrichen.
  • „ernannt“durchgestrichen.
  • „corporis“Unsichere Lesung.
  • „5“Unsichere Lesung.
  • „letzten“Unsichere Lesung.
  • „ich“durchgestrichen.
  • „mich“durchgestrichen.

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