Friedrich Wilhelm Jähns an unbekannte Dame
Berlin, Montag, 20. März 1876

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Hochverehrte gnädige Frau.

Es war unendlich gütig von Ihnen, mir den Ihnen geäußerten Wunsch so sehr bald zu erfüllen; denn nach einer Abwesenheit von Haus findet sich in den ersten Tagen gewöhnlich so vielerlei vor, daß man an Correspondenzen, die nicht grade zu den dringenden gehören, nicht so bald zu gehen pflegt. Doppelt dankbar muß deshalb, gnädige Frau, derjenige sich verpflichtet fühlen, der, ein Ihnen bisher völlig Unbekannter, doch auf so freudige Weise überrascht wird, und so bin ich es denn auch, und zwar von ganzem Herzen. – Was nun die schöne Reliquie betrifft, deren Anblick Ihre Güte mir zuwendete, so war dieselbe mir vom höchsten Interesse. Ich kannte den Brief nicht, obwohl die darin erwähnte Concertangelegenheit u. das Rencontre mit dem Reg. Rth. [Johann A. P.] Schwabe mir bekannt waren u. zwar nicht nur durch einen Brief an Gottfried Weber sondern durch Carl Maria‘s eigene Notiz in seinem Tagebuche, wo es am betreffenden Tage (19. Febr. 1811) heißt:

„früh Briefe abgegeben. überall sehr ausgezeichnet empfangen. Nach Tisch zu Reg. Rath Schwabe gewesen, wegen der Erlaubniß zum Concert; der fragte mich um Attestate, Paß pp. worüber ich etwas in Galle gerieth und ihm derb sagte, ich sei kein Schuster u. kein Schneider pp. ich hatte große Lust, gleich wieder abzureisen.“

Am 22ten sagt das Tagebuch über das Concert selbst: „Abends mein 2 tesConcert in diesem Jahre. Es war ungemein voll u. brillant. Ich spielte gut und der Beifall war enthusiastisch. Man wollte mit Gewalt haben, ich solle noch ein Concert geben. Einnahme 81 fl. Ausgabe 19 fl 2 xr. Die Klavierträger, zwei Schreiner, nahmen nichts, weil sie mich spielen gehört hatten; das nenne ich Kunstsinn!“

Der Zettel ist ebenfalls hoch interessant, denn durch ihn ist unwiderleglich erwiesen, daß Carl Maria v. Weber auch öffentlich als Sänger damals auftrat, worüber in dem ganzen, weitumfassenden Material was mich zu Gebote stand u. noch steht, noch nicht die kleinste Notiz habe finden können, obgleich ich es fast annehmen durfte. – Auch der naive Eintrittspreis von 36xr (!) wirkte gestern für mich doppelt drastisch, da bei Wagner‘s heute hier zum 1. Male gegebener Oper ‚Tristan u. Isolde’ im Königl. Theater ein Platz in der Fremden-Loge zwanzig Mark – u. ein Steh platz im 4ten Range (Amphitheater) Zwei Mark kostet!!! Darin hat unleugbar der Schüler den Meister (seinen Meister, obwohl er leiblich nicht sein Schüler war) um ein Bemerkenswerthes übertroffen – – – – !!!

Nun bitte ich noch um eins. – Hoffentlich sehen Sie Ihre gütige Freundin gelegentlich; ich richte für diesen Fall die gehorsamste Bitte an Sie, derselben ebenfalls meinen allerverbindlichsten u. wärmsten Dank auszusprechen, noch besonders dafür, daß diese Dame gütigst gestattete, mir den Brief copiren zu dürfen, was eben so mit dem Zettel geschehen ist. Vielleicht lesen Sie derselben auch die Tagebuchsstellen vor, die sie ebenfalls interessiren dürfte. – Ich empfing gestern ihr verehrtes Schreiben in Gegenwart der Ihnen bekannt gewordenen Meinigen; sie alle danken herzlich für Ihr gütiges Gedenken u. erwiedern Ihre freundlichen Grüße in gleicher Weise. –

Hoffentlich sehen Sie auch bald einmal Fräulein Antonie Weber. Bringen Sie, bitte ich gehorsamst, derselben meine allerherzlichsten Empfehlungen. Wie gern hätte ich erfahren, ob sie mir meines langen Briefes nicht zürnte; ich hoffe, es ist nicht so. Ich werde stets in wahrer aufrichtiger Verehrung ihrer gedenken. Vielleicht führt mich der Sommer auf eine Stunde zu Ihnen beiden.

Ihrem hochgeehrten Herrn Gemale bitte ich mich ebenfalls ins Gedächtniß rufen zu wollen, der ich mich nenne, u. zwar in der ausgezeichnetsten Verehrung Ihrer Beider
sehr ergebenen
F. W. Jähns.
Prof.

Es handelt sich bei dem Weber-Brief um denjenigen an August Konrad Hofmann aus Würzburg vom 28. Februar 1811, nebst Beilage des Konzertzettels Gießen 22. Februar 1811, 1 Dbl. (4 b. S. einschl. Adr.), ebenfalls im Kieler Institut, 18601.

Apparat

Zusammenfassung

dankt für die Leihgabe eines Weberbriefes aus dem Besitz ihrer Freundin (an August Konrad Hofmann in Darmstadt(?) vom 28. Februar 1811 und des Konzertzettels aus Gießen vom 22. 02. 1811), er war sehr wichtig für ihn, er kannte bisher nur die Tagebuchäußerungen Webers aus dieser Zeit bzw. einen Brief an Gottfried Weber. Aus dem Zettel konnte er entnehmen, dass Weber auch als Sänger öffentlich aufgetreten ist, das war neu für ihn. Er bittet Grüße an Antonie Weber auszurichten.

Incipit

Es war unendlich gütig von Ihnen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Kiel (D), Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, Theatergeschichtliche Sammlung (D-KIu)

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl., 1 Bl. (5 b. S. o. Adr.)

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