Carl Ludwig Roeck an Gottfried Weber in Mannheim
Heidelberg, Mittwoch, 19. Juni 1811

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Ich hatte mir schon ohne dieß vorgenommen, bester Weber, dir heute Abend ein halbes Stündchen zu widmen, u. dein Brief gibt mir jetzt von neuem Gelegenheit dazu. ‒ Deine schöne Proposition greift mich recht mächtig ans Herz u. besonders an die Ohren, wenn ich mir den Genuß vorrechne den mir ein so lang mit Sehnsucht erwartetes Meisterstück des Nestor in der Musik bereiten würde. Mit euch, ihr Menschen, diese Wanderung zu machen, Beer zu sprechen, Vogler kennen zu lernen, über so manches was den V.[erein] betrifft, zu viert Reden zu können ‒ das alles würde ich schwerlich überwinden können, u. dießmal wiche vielleicht der Dämon des Fleißes von mir u. machte andern Göttern Platz; doch jetzt fesselt mich ein andrer, unabwendbarer, theurer Zufall. Füglich erwarten wir hier unsre Lübischen Gesandte auf ihrer Rückehr von Paris, 3 herzliche, bekannte Männer, die der lübeckischen studierenden Jugend wegen, ihren Weg über Heidelberg nehmen. Du siehst wohl ein, Bester, daß solche Ehehaften eine hinreichende ex culpatio vor mir selber u. vor Euch, darbieten. ‒ Ich bringe ein großes Opfer dar, aber für mein Herz würde ich ein größeren bringen, wenn unsre Lübecker mir entgingen, u. ich sie nicht hier in dem lieblichen Heidelberg sehen könnte; ‒ So muß ich euch denn allein ziehen lassen; ich werdet herrliche Tage haben; denket meiner dabey, ich will auch bey Euch seyn; ‒ u. grüßet Philok. v. mir v. Herzen. ‒ Theile Dusch diese Zeilen mit, die Zeit von heute [drei Wörter unleserlich ] früh ist zu kurz, um ihm noch zu schreiben. ‒

Verzeih daß ich Webers Brief noch nicht zurücksandte; wie gesagt, du hättest ihn ohne dein Mahnen f morgen frühe gehabt. Ich habe mich recht über dessen Brief gefreuet, er athmet Frohsinn u. Muth. Wahrlich es ist eine schwere Sache, in unsern Zeiten alle die Schikanen und Hindernisse zu überwinden, die sich tausendfach u. felsenfest dem, der nach höherem strebt, als was die gemeine Menschenkaste kennt u. liebt, entgegensetzen. ‒ Mich ergriff die stärkste Indignation bey der Nachricht von der Aufführung Winters u. andren gegen Weber. Männer, wie W., die doch Musik zu schätzen wissen, od. es doch können sollten, müssen wahrlich ihrer Sinne nicht mächtig seyn, wenn sie aufstrebende Genies unterdrücken, die zu der Hofnung berechtigen, daß durch sie das herrliche Feuer erhalten werde, welches in Deutschland auf Euterpes Altar bisher so hell u. beharrlich loderte. ‒ Aber dieser niedrige Handwerksneid, den man höchstens den niedrigen Theilnehmern hungriger Gilden verzeiht, u. den diese sogar bisweilen aus e. Gefühl von Ehrgeiz verleugnen, ‒ verbreitet sich sogar bis zu Männern hin, die doch bey Gott von solchen Erbärmlichkeiten weit entfernt, seyn sollten. ‒ Gerade hier zeigt sich, et u. muß sich erst recht zeigen das Verdienst u. der Werth unsers V.[ereins]. ‒ dergleichen Niedrigkeiten müssen billig aufgedeckt, u. dem Publikum dargelegt werde[n], damit es lerne, welche Genüsse ihm entgehen würden, wenn jene Neider ihr schändliches Ziel erreichten, u. nicht vielmehr die Kraft des Genies sich über die Dornen hinweg zur ebneren Pfaden erhöbe.‒

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Philod. verdiente über seine interessanten Nachrichten ein Belobigungsschreiben. ‒ Es ist sehr richtig daß er mit keinen Entdeckungen voreilig ist, u. meiner Meinung nach that er schon zu viel, wenn er Fröhlich u. andern Eure Namen u. Vorzüge verbunden nennte, weil schon dieß, besonders bey den häufigen Nachrichten über Melos in den Blättern, leicht eine nähere Verbindung ahnen läßt. ‒ Ueberhaupt scheint es mir eine ungeheuer schwere Aufgabe zu seyn, für unsern V. e. Mitglied zu finden. ‒ Wenn ich mich gleich nicht als voll ansehen kann, weil meine Kenntnisse von Musik bis jetzt zu geringe sind, um thätig zu wirken, so entschuldigt mich es theils daß ich der jüngste bin u. dann habe ich doch sicher den Enthusiasmus für das Gute u. Schöne, wie es nur immer unser V. verlangen kann. ‒ Es komt bey uns nicht nur auf Kenntnisse, sond. auf den ganzen Menschen an, u. um diesen zu prüfen bedarf es mehr als flüchtige Besuche. ‒ Wer möchte die Garantie für einen Neuling übernehmen? Es steht zu viel auf dem Spiele.

Dein monitum wegen der Briefe hätte ich befolgt, wenn ich es bey unsrer Nähe für nöthig hielte; in der Folge werde ich diese weise Regel stets befolgen. ‒

Ich wollte dir noch e. Brief an Melos schicken; aber d. Zeit ist zu kurz. ‒ [diesen] also nächstens. ‒ Für heute genug. Grüße Alex. ‒ Glückliche Reise! Dein Philokoinos.

Lies doch im Freymüthigen (od. Morgenblatt [unleserlich], – ich weiß wahrl. nicht) 1811 no 77. den Aufsatz üb: Bemerkungen über Musik u. musikalische Componisten. v. C. F. Michälis.

Ich glaube es ist d. Jude, der hier früher, u. jetzt in Tübing ist, der Verf., und wenn ich nicht irre ist manches tolle darin. Ich bin nicht Kenner genug, um bestimmt meine Meinung zu sagen. ‒ Sieh doch was du dazu denkst, u. ob die Sachen so unbgeprüft in der Welt herumlaufen dürfen. ‒

Der Brief geht Morgenfrühe mit diesem ab. ‒

Apparat

Incipit

Ich hatte mir schon ohne dieß vorgenommen

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: 55 Ep 1931

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b. S. o. Adr.)
    • Am oberen rechten Rand Tinteneintrag von Gottfried Weber „11 Juni 19“
    • Auf 1r am oberen linken Rand Bleistiftnotiz von Wilhelm Kleinschmidt „An Gottfried Weber
      von ?“; am Ende des Briefes: „Philokoinos (d gute Gefährte).
      Abs.? (anscheinend kein Musiker)“

    Provenienz

    • 2019 Ankauf aus Privatbesitz

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Wolfgang Meister, Verloren geglaubte Dokumente aus dem Archiv des Harmonischen Vereins, in: Weberiana 29 (2019), S. 21–24

Textkonstitution

  • „Reden“unsichere Lesung
  • „… denn allein ziehen lassen; ich“Wohl versehentlich statt „ihr“
  • drei Wörter unleserlich unsichere Lesung
  • „f“durchgestrichen
  • „die“über der Zeile hinzugefügt
  • „üb:“durchgestrichen
  • „b“durchgestrichen

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