Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Mannheim
München, Freitag, 22. März 1811

S: Wohlgebohren

dem Herrn Licentiat

Gottfried Weber

zu

Mannheim.

Gestern erhielt ich deinen Brief vom 15t zu meiner großen Freude, denn wirklich glaubte ich alle meine Correspondenten habe der Schlag getroffen. Seit dem 3t huj: habe ich nichts von Philod: noch meinem Vater, noch Vogler oder sonst jemand was gehört. es ist mir ganz unbegreifflich. daß alles schon expedirt ist freut mich von dir. Mit Gombart habe ich noch viel und ausführlich gesprochen. Wir müßen diesem braven Mann auf die Beine helfen, er hat gar niemand der sich seines Verlags annimmt. er wird wohl an dich schreiben, Geld kann er nicht geben, aber Exempl: und andere Musik seines Verlags. Sonst war in Augsburg nichts zu thun. ich bekam Vorgestern einen Brief von Gombart, worinn er einige neuste Werke seines Verlags angezeigt wünscht in der M: Z:*.

ich lege dir hier das Verzeichniß bey, willst du etwas davon übernehmen? Hennigs Conc: p: Violon*, kann Philod: nehmen der es kennt. Schreibe mir doch nächstens ausführlicher, bey der Entfernung in der wir leider leben, kann man schon der Post etwas mehr auflasten. hast du schon an Fröhlich geschrieben*? deine Guittarre Lieder* möchte ich wohl hören. Kaufmanns Badisches Magazin* habe ich noch nirgends gesehen, und den Caviar hätte ich wohl mit verzehren mögen. der Gustel segne es Gott, aber machs nur nicht zu toll lieber Bruder. – –  Wenn Penzel Intendant* würde, das wäre ein Freßen für uns, da käme ich vielleicht nach M:. empfiehl mich da vielmals, es freut mich sehr daß Ihr öfters da seyd. ich kann mirs wohl denken daß es den Weibern nicht recht ist meine Briefe nur Theilweise zu hören, aber – s’ geht nun emal nicht anderst. daß Solomés wegziehen wollen thut mir unendlich leid, denn ich glaube immer es geht mir etwas verlohren wenn jemand von M: weggeht. ebenso würde ich Karl sehr vermißen.

Mein Aufsaz über M:* ist endlich abgegangen, aber ganz umgearbeitet. ich hoffe du wirst ihn bald lesen in der M: Z: und da kannst du ja bey den Akten ändern was zu ändern ist. Nun zur Relation meiner Abentheuer. in Augsburg konnte ich troz aller Bemühungen meiner vielen Freunde, nichts zu Stande bringen, alle Tage waren besezt und ich hätte wenigstens 14 T: warten müßen, das* gieng nicht, und ergo empfahl ich mich d: 14 huj: und gieng hieher nach München.

Die ungeheure Menge Briefe die ich hieher brachte, machten mich sehr schnell bekannt, und ich kann sagen, daß ich auch eine gute Portion guten Ruf schon vorfand. Mein Haupt Augenmerk muste also dahin gehen vor allem bey Hofe zu spielen, und wirklich versprachen mir meine Connexionen guten Erfolg, aber leider scheint sich die Sache in die Länge zu ziehen, und ich verliere mit der teuflischen Menge Visiten die ich machen muß, so viele Zeit, daß ich sogar in meiner Corresp: zurük bin, und mich eigends diesen Vormittag eingesperrt habe, um mit dir kosen zu können.

Den 18t hatte ich dann das Glük lhrer M: der Königin vorgestellt zu werden, die mich sehr huldvoll empfieng, aber bis jezt noch nicht bestimmt hat, ob, und wann ich bey ihr spielen soll, denn obgleich [ich] die Erlaubniß zu einem Concert in der Stadt von dem König bekommen habe, so kann ich doch nicht eher etwas arrangiren, ja selbst in keiner Gesellschaft spielen, bis die Königinn mich gehört hat, das frißt primo, Zeit, und Secundo viel Geld, und beydes gebe ich nicht gerne weg und habe es nicht übrig. doch hoffe ich dir in kurzem das Resultat schreiben zu können. Gesehen und gehört habe ich hier, eine Meße von Danzi*, herrlich executirt, und Gestern Don Juan* wo am Ende der FurienChor aus Castor und Pollux*, gemacht wird von Vogler, ja Bruder, was hätte ich Gestern darum gegeben euch an meiner Seite zu haben, so ein Orchester hebt einen gen Himmel wie Meereswogen wenn das Finale losgeht, und die Overture und der FurienChor! ! ! Mordelement was hat der Kraft, es pakt mich so wenn ich daran denke daß ich vor Ungeduld die Feder wegwerfen möchte. Destoweniger war ich mit dem Gesang zufrieden, die Weiber* sangen falsch und konnten nichts. die Donna Anna verfehlte gleich ein paar Takte im ersten Terzett und so weiter pp

Uebrigens befinde ich mich recht wohl hier, und werde selbst vom Orchester |: welches den Teufel im Leib hat, und nicht wenig arrogant ist :| sehr Fetirt. mit dem neidischen Winter* aber giengs mir komisch. wie ich ihn besuchte hielt er mich für einen Dillettanten und war erstaunt artig und freundlich. das dauerte so ein paar Tage, bis er hörte wie die Sachen eigentlich stehen, und nun sah er mich nicht mehr an, und war so grob, daß die dabey stehenden Musiker, ihn laut ein Vieh nannten, um das ich mich nicht kümmern dürfe. Wie sehr sezt sich doch ein Mann so herunter, der es doch nicht nöthig hat, da er auf seinen alten Lorbeeren ruhen kann. Wenn du an Beer schreibst so mache ihn recht herunter daß er mir nicht schreibt.

Lieber Dusch du wirst mir schreiben? höre ich. es freut mich sehr dieß von andern Leuten zu erfahren, denn von dir erführ ichs gewiß in meinem Leben nicht. mache übrigens das Gerede wahr, und erfreue deinen dich herzlich lieben[den] Bruder durch* ein Brieflein, wenn ich sage Brieflein, so verstehe ich darunter einen großen Brief.

Gefunden habe ich hier noch nichts. auf dem Korn habe ich Max Heigel, der Verfaßer der 3 Stükke, so waren Sie, so sind sie gewesen, so sind Sie*. du wirst ihn wohl kennen. dann noch einen deßen Nahme mir jezt nicht gleich beyfällt. es wäre uns wirklich wichtig, jemand zuverläßigen auf einem so bedeutenden KunstPlaze zu haben. Lamotte steht sehr in Ansehen, und vielleicht werden meine beyden Opern gegeben*.

und Nun antworte gleich wieder, hieher
denn leider glaube ich noch vor 14 Tagen schwer wegzukommen, Grüße mir alle Bekannten
bestens, und denke fleißig an den Entfernten. W:

NB: mein Momento Capricioso*. 6/4 Takt, wird gestochen bey Gombart und 6 Guittarre
Lieder*, worunter der Damon, und das Wiegenlied*.

Maschek. Missa*.

Kleeberg. Conc: p: Pf:*

Schneider. Duos p: 2 fl:*

  i[bi]dem   –    V: et Alt.*

Sterkel, 6 Arietten*

  i[b]idem  Receuil.*

Wolf. Var:*

Betsher, GesellschaftsLieder*

Vern. Duos*

Kuhn. Trio.*

Witschka. Var p Pf:*

Hennig Conc: p: Violon:*

Gebauer. Trio p: Flute, Clar: Basson.*

Apparat

Zusammenfassung

Vereinsangelegenheiten; Reisebericht Augsburg u. München; Schwierigkeiten mit Konzertplänen; Theatererlebnisse; Begegnung mit Winter; Heigel als ev. Mitglied im Verein; Anhang: Neuerscheinungen Gombarts aufgelistet.

Incipit

Gestern erhielt ich Deinen Brief vom 15t zu meiner großen Freude

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub)

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
    • PSt: "R. 4. MÜNCHEN.
      22 MAR. 1811

    Provenienz

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Bollert/Lemke 1972, S. 28–29.(unvollst.)
    • / tV: MMW I, S. 263–265

Textkonstitution

  • „und“überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • „angezeigt wünscht in der M: Z:“In der Allgemeinen Musikalischen Zeitung Jg. 13, Intelligenzblatt 4 (April 1811) findet sich eine Liste der Neuerscheinungen Gombarts, die (bis auf 2 Auslassungen) mit der hier von Weber übersandten übereinstimmt.
  • „Hennigs Conc: p: Violon“Weber verwechselte hier möglicherweise Johann Christian Henni(n)g, den Komponisten des bei Gombart verlegten Violinkonzertes, mit Meyerbeers Berliner Freund Carl Wilhelm Henning, der ebenfalls ein Violinkonzert komponiert hatte, das aber als op. 15 bei André in Offenbach verlegt wurde. Vgl. auch Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 102 u. 106.
  • „an Fröhlich geschrieben“vgl. Brief an Gottfried Weber vom 10. März 1811.
  • „deine Guittarre Lieder“Vermutlich handelt es sich um einige der Lieder, die 1812 als op. 17 bei Simrock erschienen, vgl. Lemke, Jacob Gottfried Weber, a. a. O., S. 81–83.
  • „Kaufmanns Badisches Magazin“Im Badischen Magazin, herausgegeben ab März 1811 von Ferdinand Kaufmann, erschienen regelmäßig Beiträge von Gottfried Weber (G. Giusto) und Alexander von Dusch (The unknown man), sowie Nachdrucke von Berichten und Mitteilungen über Mitglieder des Harmonischen Vereins. Das Blatt stellte mit dem 3. Jg. im Dezember 1813 sein Erscheinen ein.
  • „Penzel Intendant“Gemeint ist Ernst Christian Graf von Benzel-Sternau. Seit Juni 1803 leitete Friedrich Anton Freiherr von Venningen das Mannheimer Theater. Im Juli 1813 wurden ihm zwei Hofkommissare zur Unterstützung zur Seite gesetzt und erst im Mai 1816 wurde er seiner Intendantenstelle enthoben (vgl. Friedrich Walter, Archiv und Bibliothek des Grossh. Hof- und Nationaltheaters in Mannheim 1779–1839, Bd. 1 Das Theater-Archiv, Leipzig 1899, S. 118–119). Ob die Unzufriedenheit mit Venningen dazu geführt hatte, daß erwogen wurde, Benzel- Sternau zum Intendanten zu erheben, ließ sich durch Quellen nicht belegen.
  • M:Abk. von „Mannheim“.
  • M:Abk. von „Mannheim“.
  • M:Abk. von „Mannheim“.
  • „Aufsaz über M: Mannheim“Der Text über Mannheim erschien in der AMZ, Jg. 13, Nr. 15 am 10. April 1811, Sp. 261–263, vgl. auch Brief an Gottfried Weber vom 8. Januar 1811 und Tagebuch vom 20. März bzw. Übersicht März 1811.
  • T:Abk. von „Tage“.
  • „… T: Tage warten müßen, das“korrigiert aus: daß.
  • „Meße von Danzi“ 1. oder 2. ? Oder die Orgelmesse?, vgl. TB, 19. März 1811.
  • „Don Juan“ Aufführung am 21. März 1811 im Königlichen Hof- und Nationaltheater München.
  • „FurienChor aus Castor und Pollux“Der Furienchor aus der Unterweltszene zu Beginn des 3. Akts von Georg Joseph Voglers tragedia lirica Castore e Polluce, die am 12. Januar 1787 in München uraufgeführt wurde und am 16. Januar 1806 in München zur Vermählungsfeier der Prinzessin Augusta von Bayern in deutscher Sprache erklang, erfreute sich als Ersatz der Scena ultima des 2. Akts von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni großer Beliebtheit (vgl. Schafhäutl Nr. 135); schon 1788 war bei Götz in Mannheim ein separater Klavierauszug dieser Szene erschienen.
  • „die Weiber“Der Theaterzettel (München: Theatermuseum) gibt folgende Besetzung an: Donna Anna – Josepha Weixelbaum, Donna Elvira – Helene Harlas, Zerlina – Josepha Flerx.
  • „dem neidischen Winter“Zu Peter Winters Reaktion vgl. auch TB 17. März.
  • „… herzlich lieben den Bruder durch“unklar, statt: durch steht: und durch [?].
  • „so waren Sie … so sind Sie“Cäsar Max Heigel, Die Zeitalter. Skizzen, Wien 1812 (drei Stücke: So waren sie, So sind sie, So sind sie gewesen).
  • „Momento Capricioso“Weber hatte das Momento Capriccioso für Klavier (JV 55) laut TB am 13. März Gombart übergeben und erhielt schon am 20. März die Korrekturen, die er am folgenden Tag zurücksandte. Am 3. April ist der Eingang von acht Exemplaren vermerkt.
  • „6 Guittarre Lieder“Vgl. TB 23. März, als Druck erschienen bei Gombart als: Fünf Gesaenge. / mit Begleitung der Guittare / und / Ein Canon zu drey Stimmen / componirt und seinem Freund / Herrn August Hoffmann / Grossherzogl: Hessischer Hofkammerrath / gewidmet / von / Carl Marie von Weber / Opus 13 [...] / Augsburg in der Gombart’schen Musikhandlung. [PN 534]. Am 8. April erhielt Weber die Korrekturen und am 25. April offensichtlich bereits den fertigen Druck.
  • „der Damon, und das Wiegenlied“Die Schäferstunde (JV 91) und Wiegenlied (JV 96).
  • „… Maschek . Missa“Vincenc Mašek: Missa [C] a canto, alto, tenore, basso, due violini, due clarinetti in B, due fagotti, due corni, viola, violoncello, contra basso & organo [...] opera 20. Augsburg, Gombart & Co., No. 481 [RISM M 1184].
  • „Kleeberg . Conc: p: Pf:“Christian Gottlieb Kleeberg: Grand concert pour le piano forte ou la harpe avec deux violons, alto et basse, une flûte, deux hautbois, deux bassons, deux cors ou trompettes et timbales [...] oeuv: 9me. Augsburg, Gombart & Co., No. 506. [RISM K 874].
  • „Schneider . Duos p: 2 fl:“Georg Abraham Schneider: 3 Duos op. 61 (Eitner) bei Whistling diverse (op. 6, 18, 22, 24, vgl. S. 249).
  • „i bi dem … et Alt .“Georg Abraham Schneider: 3 Duos concertantes p. Violon et Alto op. 25 - MB op. 23! (Eitner, Whistling S. 169).
  • „Sterkel , 6 Arietten“Johann Franz Xaver Sterkel: Six ariettes italiennes avec accompagnement de piano forte [...] (huitième livraison des ariettes italiennes). Augsburg, Gombart & Co., No. 507 [RISM S 5774]. Dieses Werk wurde von Gottfried Weber kurz besprochen in: AMZ, Jg. 15, Nr. 38 (22. September 1813), Sp. 631–632], vgl. Rezension von Johann Sterkels "Six Ariettes italiennes".
  • „i b idem … – Receuil .“Johann Franz Xaver Sterkel: Recueil de petites Pièces. Liv. 2. [für Klavier] (Whistling, S. 689).
  • „Wolf . Var:“Wolf, J.N.: 15 Variations pour le Pianoforte (in G) (Whistling, S. 775).
  • „Betsher , GesellschaftsLieder“Nicolaus Betscher: Gesellschaftslieder. Wieder die Mode. Im reinen Tone mit drey Singstimmen Canto, Alto & Basso. In vier Lieferungen. Augsburg, Gombart, No. 513 (514). [RISM BB 2472 I,1].
  • „Vern . Duos“Auguste Vern: 3 Duos concertantes p. 2 Flûtes op. 5 (in A, F und e) (Whistling, S. 253) [vgl. Simrock-Kat.: jeweils 3 Duos op. 9 und op. 10 bei Simrock].
  • „Kuhn . Trio .“Anton Leoni Kuhn: Trio concertant [G] pour le forte piano, flûte et alte [...] ouvre[!] 10. Augsburg, J. C. Gombart & Co., No. 527 [RISM K 2977].
  • „Witschka . Var p Pf:“Karl Bonaventura Witzka: Air avec 12. variations pour le clavecin ou piano-forte [...] oeuvre 6. Augsburg, Gombart & Co. No. 203. [RISM W 1714] [ist sehr unwahrscheinlich wegen der PN!!].
  • „Hennig Conc: p: Violon:“Johann Christian Hennig: Concerto pour violon avec accompagnemt de grand orchestre. Augsburg, Gombart & Co., No. 477. [RISM HH 5068a].
  • „Gebauer . Trio … Clar: Basson .“Francois René Gebauer, Trio für Flöte, Clarinette und Fagott e-Moll op. 32, Augsburg: Gombart (vgl. Whistling, S. 210) Diese Liste mit Musikalien aus Gombarts Verlag ist mit geringen Abweichungen abgedruckt im Morgenblatt für gebildete Stände, Jg 5, Intelligenzblatt Nr. 11 (Mai 1811), S. 42 und in der AMZ, Jg. 13, Intelligenzblatt 4 (April 1811).

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