Thaddäus Susan an Carl Maria von Weber in Wien
Ried, Anfang März 1822

Ewig und innigst geliebter Freund und Bruder!

Mit einem stolzen Gefühle ergreife ich die Feder, um dir den Brudergruß im theuern Vaterlandes zu geben. –

Deiner Kindheit Ahnung, dein Jugendwunsch, dein Jünglingssehnen, dein Mannesstreben, Alles, ja Alles stehet in schöner Erfüllung und Vollendung da. Mein treues Herz ist von Wonnegefühlen durchströmt, und mit Freudenthränen sinke ich an das Herz meines geliebten Bruders. Du bist ja mir auch noch der Alte! nicht wahr mein Weber? Zwar kann ich schon lange nicht mehr im gleichen Geistes- und Kunstschwunge mich mit dir betrachten, ich kann nur noch zu dir hinaufstaunen. Aber ich spreche auch nicht zu dem Kunstheroen; ich spreche zu dem Menschen und Freunde, und dieser ist in dir stets der Alte; stets edel und rein.

Wie Geistergestalten wandeln an mir die seligen Stunden längst vergangener Jahre vorüber, und 240 Monate haben die Glut meines Herzens keinen Augenblick getrübet. In dieser langen Trennung hat es immer nur dir hoch entgegengeschlagen.

Wie oft denke ich deines Stübchens in der Getreidegasse, wo du mir so manche Nächte vorphantasirtest, und wo ich den Flügelschlag des jungen Adlers damals schon so kräftig erkannte, und seinen einstigen Schwung voraussagte; wie oft denke ich deiner edlen, lieben, zarten Tante, die in deinem weichen Busen so liebreich alle edlen Gefühle pflegte; wie lache ich noch manchmal deines unmuthvollen Ärgers, wenn du in meinem Stübchen in der engen Brotgasse componirtest, und dich dann das Teufels-Gekrächze der links und rechts wohnenden Musik-Dilettanten (Delinquenten nanntest du sie einmal in einem Briefe aus Wien) mit unwiderstehlicher Gewalt davon trieb, um am andern Morgern – doch wieder bey mir zu erscheinen; wie lebendig schweben mir noch unsere Künstlerphantasien,unsere Träume und unsere Pläne vor, welche nur bey dir zu geistigem Weine, bey mir aber all und all zu Wasser wurden; wie neckisch und | doch so theilnehmend begleitetest du mich oft noch, wenn ich ausging, um die – in der Gegend des Michaeli Thores zu suchen. Ach sie ist schon lange gestorben, diese Edle! die den Jugendsturm glücklich an mir vorüberleitete.

Mit welchem Herzenslabsal lese ich oft noch deine Briefe aus Augsburg und Wien von den Jahren 1802–1804, wo du mir vom letzteren Orte eine so lebendige Schilderung unserer damals noch gemeinschaftlichen Kunst gabest, wo du bey Vogler die Keime deines Geistes zur Blüthe brachtest, daß sie bis jetzt emporwuchsen zum kräftigen deutschen Stamme, der froh noch über Jahrhunderte hinausschauen wird, gleich der deutschen Eiche, während die Alltagssprossen des Mode- und Zeitgeschmacks schon hundertmal vermodert liegen, im Staube der Vergessenheit. –

Wie oft wende ich noch deine damalige Strafpredigt über das ewige
[Notenzeile mit Textunterlegung: Fran-zös’-sche Mu-si-ka, fran-zös-sche Mu-si-ka]
und die Übersetzungs- oder vielmehr Überänderungswuth wie z. B.
[Notenzeile mit Textunterlegung: Wir wol-len schon machen]
auf die heutigen Tage an, auf die sie nach beynahe zwanzig Jahren nur mit kleinen Abänderungen noch so sehr passet; wie innigst rührend ist mir noch dein damaliges Bestreben, mich zu dir nach Wien hinabzuziehen, um nicht da droben zu versauren; wie erhebend ist mir noch immer dein letzter Zuruf aus Wien, als du den Ruf nach Breslau annahmest: „Wir bleiben die Alten. Je weiter das Land, je enger die Freundschaft!“ – Mit welchem seelenvollen Zutrauen und Hoffen erfüllet meine Brust immer noch deine Weissagung in einem Briefe aus München vom Jahre 1811: „daß ich dich einst nochmal umarme ist gewiß!“

Du wirst vielleicht lachen darüber, wie kindisch ich mich noch an alles erinnere, und mich noch über alles erfreue; aber der ernste Mann, den oft schwer die Schwüle des Lebenstages drücket, fühlet sich so glücklich, wenn ihn die lauen Morgenlüfte der Jugend anwehen, und vielleicht wecket auch diese von mir freundlich aufgestellte Äolsharfe in deiner Brust Töne der Erinnerung, welche dich angenehm umsäuseln.

Die Feder zuckte mir in den Fingern, als ich deine Ankunft in Wien las*. Ich wollte aber in dem ersten Freudensturme, der dort auf dich eindrang, nicht dich stören. Jetzt findest du vielleicht ein paar Minuten, in denen du deinen Freund mit dir plaudern lassen kannst. Wie verändert ist dein nunmehriger Aufenthalt in Wien! Damal[s] – 1803 – segeltest du hinaus in den weiten Ocean mit planerfüllter Brust; und nun kehrtest du zurück, reichbeladen mit Schätzen, und strahlend vom Diamante eines ächt deutschen Gemüthes. Deutschen Sinn und deutsche Kunst, die schon untergehen wollten in dem Meere der allgemeinen Verflachung, hast du gerettet und emporgehoben, und deinen Kunstbrüdern, die mit dir nach Einem Ziele streben, Bahn gebrochen, und alle Gemüther wieder empfänglich gemacht für das Ächte und Gediegene, für die innere Wahrheit eines Kunstwerkes; das goldene Kalb rütteltest du zuerst mächtig, an seinem, meist von bloßem Rauschgolde strotzenden Throne, und du bewiesest der überrascht | staunenden Welt, daß du nicht bloß ein naher Blutsverwandter, sondern auch der nächste Geistesverwandte zu dem ewigen Musik-Fürsten Mozart seyest.

Dank dir Bruder für deinen „Freyschützen,“ den ich leider nicht hören, eigentlich mit empfinden kann. Ein Freund kam unlängst aus Wien, welchem ich die dadurch erhaltenen Eindrücke und seine Beschreibung der Musikwirkung vom Munde ablauschte. Es war mir ein köstlicher Genuß, den sonst kalten, berechnenden Mann in einen wahren Enthusiasten verwandelt vor mir zu sehen, und er machte mir von der Beschwörungsscene eine Beschreibung, welche mich im Geiste fühlen ließ, was du mit deinem reichen Gemüthe daraus gemacht hast. Ich ruhte nicht, bis ein Paar hiesige Clavier-Dilettanten die Ouverture und einige Chöre vollständig arrangirt kommen ließen, und nun plage ich sie tagtäglich, mir sie zu spielen. Mein Alles daraus ist die Ouverture. Wenigstens dreymal nach einander höre ich sie täglich, und immer finde ich neue Schönheiten des innigsten Gefühles und der tiefsten Kunst. Ich habe mich schon so hinein empfunden, daß ich sie nun bereits mit der ganzen Instrumentirung im Geiste höre. In den gedruckten Urtheilen der Kunstrichter lese ich, daß in der Ouverture die Essenz der ganzen Oper sey. Ich aber sage, daß es das treueste Bild eines ganzen Künstlerleben bis zu dem, leider kürzesten Zeitpuncte hin sey, wo er mit vollem Bewußtseyn und der entwickeltsten Kunst an dem Ziele seines lebenslangen Strebens steht. Zu Thränen werde ich immer bey der Stelle im Einleitungsadagio 14ter bis 20ster Tact gerührt. Aus dem tiefsten und doch so reinen klaren Gefühle steiget daraus zu mir herauf unser Jünglingshoffen und Sehnen, und die ganze Welt möchte ich bey dieser Stelle an mein von Lieb und Leid erfülltes Herz drücken; aber die Schauer des Lebens ergreifen uns bey dem Einfalle in C-moll, auf Augenblicke ringen wir uns heraus, suchen den andringenden Sturm zu beschwören, und unsere Lebensklarheit festzubinden. Allein es ist nur die Stille vor dem Meeressturme. Wir müssen hinein in den Strudel, und sollen wir darob auch untergehen. Kühn ringen und kämpfen wir; die ewigen Sterne flackern uns in dem Lebensdrange einigemale Licht und Hoffnung zu; wir erneuern unsere durch den Kampf verstärkte Kraft, nichts kann uns mehr widerstehen, und plötzlich, wie am Schöpfungstage das Licht den schwarzen Flor von der Erde riß, stehen wir auf einmal auf dem Gipfel unsers Ringens, und jubeln hinaus auf die lachenden Gefilde.

So Freund! habe ich deine Tondichtung aufgefaßt, und bey dieser Ansicht könnte ich die Lebensgeschichte eines Künstlers nach dem Typus dieser Ouverture, ihr von Tact zu Tact folgend, schreiben. Auch über diese Abschweifung wirst du, guter Freund! vielleicht lächeln. Aber du kennst mich ja von alten Zeiten und Sitten noch her. In jedes Kunstwerk muß etwas hineingelegt werden können, wenn es ein bleibendes ist; und das warme lebhafte Gefühl meiner Jugend ist in meinem Alter nicht schwächer geworden. Auch dich kann die Welt noch zu keinem ausschließlichen Weltmanne gemacht haben, sonst könnte dir kein so tiefes Gefühl entströmen, und ich rede nur zu deinem Herzen, – zu meinem brüderlichen Freunde.

Wie lange wirst du die ganze Tonkünstlerwelt mit deinem Werke: KünstlerlebenT, noch hinhalten? Die daraus gegebenen Bruchstücke machen auf das Ganze nur noch lüsterner, und besonders mich, der ich in jeder Zeile meinen Weber wieder finden werde. Wohl will ich glauben, daß dir jeder Tag neuen | Stoff zur Verarbeitung in dieses reichhaltige Gemälde gibt; denn was ist reichhaltiger nach innen, als das Künstlerleben!

Nun muß ich dir doch von meinem Werkeltagsleben auch noch etwas schreiben. Meinen umterm 1. November 1817 dir nach Dresden geschriebenen Brief wirst du wohl erhalten haben, worin ich dir schrieb, daß ich seit Novemder 1816 zum Criminaladjuncten beym Criminalgerichte Ried befördert wurde, und daß ich nun zu erwarten habe, was bey der bevorstehenden Organisation mit mir gemacht wird. Indeß ist bis heutigen Tag die Organisation noch nicht erfolgt, und ich bin immer noch das Nemliche. Ich hatte in dieser Zeit Gelegenheit, mir besonderes Verdienst zu erwerben, und ich habe die Hoffnung, daß ich zu einem Pflegerdienste im Salzburgischen im Organisationsplane vorgeschlagen bin. Du kannst dir denken, wie sehr ich bey meiner zahlreichen Familie und bey einer Besoldung von 750 fl. R. W. mich darnach sehnen muß. – O könnte ich jetzt nur acht bis vierzehn Tage bey dir in Wien seyn; wie nutzbar könnte mir dieses für meine ganze Zukunft werden! Du erinnerst dich doch wohl noch von meinem Aufenthalte in Salzburg her des damaligen Stadtsyndicus Hieronymus von Kleinmayrn, eines großen Musikfreundes. Dieser ist jetzt Hofrath bey der obersten Justizstelle in Wien. Auch Vierthaler ist in Wien. Otter und Tomaselli wirst du ohnedieß schon gefunden und gesprochen haben.

Meine Frau ist am 28. Februar d. J. mit dem neunten Kinde glücklich entbunden worden. Ich habe nun sieben lebende Kinder. Diese heißen nach ihrem Alter: Friedrich, Cornelia, Fridolin, Leo, Hermann, Friederike und die letzte Camilla. Zwey Knaben, beyde Leo mit Namen, sind mir gestorben. Alle sind an Geist und Körper gesund, und so Gott will, soll auch einst etwas daraus werden – wenigstens gute und tugendhafte Menschen. Mein Lebensanker ist meine sorgsame Hausfrau, fleißige Mutter und edle geistreiche Gattin Friederike. Sie vereint alles in sich, was das Lebensglück eines Mannes begründen und befestigen kann; unter steter Erfüllung aller Hausmutterpflichten, unter welche sie auch die eigene Pflege aller sieben Kinder durch Tag und Nacht rechnet, verschönert sie mir das Leben mit ihren zarten Geistesblüthen, und ist mein Alles. Dieses Geständniß kann aus dem Munde eines zehnjährigen Ehemannes wohl als keine Hyperbel klingen.

Meine Friederike grüßt dich innigst und herzlich, und kennt mit mir keinen höheren Wunsch, als dich einmal zu sehen. Deine liebe Gemahlinn wirst du wohl auch mit dir in Wien haben. Beyde bitten wir dich, uns dieser Holden freundschaftlichst zu empfehlen. Wirst du wohl von Wien auf dem kürzesten Wege wieder nach Dresden zurückkehren? Gelüstet es dich nicht, das freundliche Salzburg einmal wieder zu besuchen? Oder wirst du etwa nicht die Rückreise über München nehmen? Im letzteren Falle wäre dir die Reise über Ried gar kein, im ersteren Falle nur ein Umweg von zwey Meilen. Läge so etwas in deinem Plane, so würde ich dich mit aller Kraft der Freundschaft beschwören, mir ja einen Tag wenigstens zu widmen. Ich würde dich zu meinem Freunde, dem Herrn Prälaten des Stiftes Reichersberg, einem großen Musikkenner und Liebhaber, führen, wo du mit offenen Armen aufgenommen würdest. Könnte so etwas in Ausführung kommen, so würde ich dich wohl bitten, mir durch eine kurze Nachricht ein Vorgefühl der Freude zu geben. | Ich kann mir wohl denken, wie sehr deine Zeit in Wien überhaupt beschränkt ist. Könntest du aber eine freye Minute finden, mich durch ein paar Zeilen zu versichern, daß dich meine lange Zuschrift nicht belästigt hat, so müßtest du dich von dem mir dadurch verschafften Seelenvergnügen für den Zeitaufwand entschädigt fühlen.

Und nun, lebe wohl, Bruder! Ordentlich wohl ist es mir, wieder einmal mein Herz gegen dich ausgeschüttet zu haben.Dein dich ewig treu liebender
Ig.Susann m. p.

Apparat

Zusammenfassung

erinnert an die gemeinsame Zeit in Salzburg und an die Briefe zwischen 1802–4, Unterricht bei Vogler, Berufung nach Breslau; er habe ihm nicht früher nach Wien schreiben wollen, da W. wohl überlastet sei; lobt den Freischütz; hofft auf Vollendung des "Künstlerlebens"; über eigene Situation in Beruf u. Familie; wünscht, daß Weber auf der Rückreise den Umweg über Ried mache

Incipit

Mit einem stolzen Gefühle ergreife ich die Feder

Generalvermerk

Textwiedergabe nach dem Erstdruck 1843
Das im ED angegebene Briefdatum ist anzuzweifeln. Susan selbst spricht im Brief von 240 Monaten (also 20 Jahren), die seit der gemeinsamen Zeit in Salzburg (1801/02) vergangen sind. Vermutlich handelt es sich bei WebersBrief an Susan vom 22. Dezember 1822 um den Antwortbrief auf dieses Schreiben. Susans Ausführungen beziehen sich u.a. auf Webers Wiener Aufenthalt im März 1822. Die Datierung ist nach der im Brief erwähnten Geburt von Susans Tochter am 28. Februar 1822 anzusetzen.

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Verbleib unbekannt

Textzeuge

Zwey Briefe I. Susann's an C.M.v.Weber, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Jg. 28, Nr. 8 (12. Januar 1843), S. 57–61

Themenkommentare

Textkonstitution

  • "181-": sic!
  • "Morgern": sic!
  • "Ig.": sic!

Einzelstellenerläuterung

  • "… deine Ankunft in Wien las": Es ist fraglich, welche Zeitungs-Meldung Susan meint, so meldete beispielsweise die Allgemeine Theaterzeitung, Jg. 15, Nr. 24 (23. Februar 1822), S. 96: „Der berühmte Compositeur des Freischützen Herr Carl Maria von Weber ist seit mehreren Tagen in unsern Mauern und wird sich da eine kurze Zeit aufhalten.“ In der Wiener Zeitung Nr. 42 vom 20. Februar 1822 (S. 167) ist unter der Rubrik „Angekommene Ausländer und Inländer“ die Anreise am 17. Februar festgehalten: „Freyherr Carl Maria v. Weber, königl. Sächsischer Kapellmeister, von Dresden, ([wohnt in der] St.[adt] Nr. 838)“.

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