Carl Maria von Weber an Thaddäus Susan in Salzburg
Wien, Montag, 2. April bis Freitag, 6. April 1804

Lieber Freund und Bruder!

Nach mondenlanger Frist einmal wieder ein Wort des Freundes zum Freunde. Ha! dacht ich, hat auch dieser  dich vergessen, so ist die ganze Welt Trug, und du glaubst nichts mehr. Endlich erhalte ich gestern zu meiner gänzlichen Beruhigung den dritten und vierten Bogen deines Briefes. Sie thun mir wohl, denn seit kurzem wieder von vielen Seiten getäuscht, in Menschen betrogen, auf die ich nicht nur Häuser, nein! mich selbst gebaut hätte, dachte ich mir alles im schwarzen Lichte, dachte dich auch der Abtrünnigen Einen. – Aber du bist es ja nicht, – bist ja noch immer der alte, und das söhnt mich wieder mit dir und der Welt aus, – aber du bist so schuldlos auch nicht, denn ich sollte ja schon längst den ersten und zweyten Bogen erhalten haben, bis jetzt habe noch keine Sylbe davon gesehen. – Inzwischen daß du nicht ganz ohne Strafe durchkommst, sollst du einen ellenlangen Brief von mir erhalten. – – Dein Plan ist vortrefflich, und ich will ihn, so viel in meinen Kräften steht, auszuführen suchen. Am schwersten wird mir die Zurückrufung der Vergangenheit seyn, ich werde aber von einer starken Epoche der Kunst- oder vielmehr Theatergeschichte Wiens oder der Hauptepoche des Theaters an der Wien anfangen. Du wirst ohne Zweifel schon von dem Verkaufe desselben an den Baron Braun (der die Hoftheater auch besitzt) für 900.000 fl. gehört haben. – – – – – Das Theater an der Wien war immer die Freystätte der Kunst und erhielt die Hoftheater in beständiger Aufmerksamkeit, daher die Angesehensten vom Adel, als ein Fürst Lobkowitz, Esterhazy, Schwarzenberg etc. sich schon lange verbunden hatten das Theater an der Wien zu kaufen, koste es auch was es wolle, und dadurch den Hoftheatern eine rechte Brille auf die Nase zu setzen. Braun erfährt es, läuft zu Zitterbarth (dem vorigen Besitzer desselben, einem Kaufmann, der bloß für das Kaufmännische des Theaters zu brauchen war, zugleich ein Narr in Folio, bey dem aber doch Schikaneder Alles führte) und in Zeit von einer Stunde ist der Handel geschlossen. – – – – Der Liebling Schikaneder, dem man wirklich große Theatral und Lokalkenntniß nicht absprechen kann, wird abgedankt, und sitzt nun auf seinem Gütchen in Nußdorf. Die Direktion des Theaters wird einem gewissen Sonnleithner, der ein vortrefflicher Kopf ist,  doch unmöglich genug praktische Kenntnisse zur Führung eines so großen Wesens haben kann, der zugleich Sekretär bey Baron Braun ist, und dem das Kunst- und  Industrie-Comptoir auf dem Kohlmarkt gehört. Das Publikum ist mißmuthig, der Adel eikant, das kleinste Versehen wird doppelt geahndet, das Haus ist meistens  leer, nun reißt eine falsche Politik bey der Direction ein, man dankt die am besten bezahlten, daher  brauchbarsten Leute (als die Mad. Willmann, die beste Bravoursängerinn und einzige deutsche Sängerinn am Wiedner Theater), denn Mad. Campi, eine Italienerinn  (singt bloß in großen Opern, deren höchstens drey  bis vier sind und kann kaum deutsch) und Hrn. Teimer  einen sehr braven Bassisten, und Englisch-Hornisten ab, um Geldausgaben zu sparen, und sich dadurch die Mittel  zum Geldverdienen zu benehmen. Abbé Vogler, dem von  der französischen Partey alle erdenklichen Cabalen gespielt werden, verliert sehr durch den Abgang obiger  Mitglieder, denn diese beyden waren die einzigen, die  ganz einstudirt waren, auf die er hauptsächlich gebaut und geschrieben hatte. Nun muss er beynah wieder  von vorne anfangen, die Hauprolle einer Sängerinn  (Mad. Campi) geben, die nicht sprechen kann (welches Unglück er schon mit der männlichen Hauptrolle hat, nemlich mit Hrn. Simoni, dem Geliebten der Mad. Campi, – – – ) vieles umarbeiten etc. Schikaneder sollte auch  seine Oper heben helfen, der ist auch weg. – Seit dem Theaterkauf, als dem Fastnacht Sonntag, ist nichts  Neues geliefert worden. Concerte gab es genug. Abbé Vogler gab eine große musikalische Akademie*, wovon ich dir den Zettel beyschließe. Die ganze Symphonie ist ein Meisterstück, der Menuet mußte wiederhohlt werden. Das Terzett von Acerbi ist auch sehr schön*. Vogler componirte es in Schweden in einem Zimmer ohne Stühle  und Bänke, da nemlich Acerbi und noch ein guter Freund  Vogler’s nach Lappland reisten, um dort die Sonne auf gehen zu sehen, und sie sich alle drey längst vorgenommen hatten, auf diese Gelegenheit etwas miteinander zu  verfertigen, so ward es aber doch unter Zerstreuungen  bey Gelegenheit der Abreise bis auf den letzten Augenblick vergessen, wo sich auf einmal Acerbi, der den Text auch noch nicht fertig hatte, daran erinnerte,  Voglern aufforderte, und so die Geburt dieses äußerst  edlen Gesanges in Zeit von wenig Minuten im leeren  Zimmer verursachte. Es wurde recht brav vorgetragen. Trichordium. Aus dem bekannten Lied Rousseau’s ist hier  ein sehr vollständiges mannigfaltiges Ganze mit einer Polonaise am Schlusse geworden. Es ging recht brav und wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Ouverture*. Ein originelles Meisterstück, welches aber nicht zum besten vorgetragen wurde, besonders bey dem Eintritt der vollen türkischen Musik. Benedictus. Zu der Messe aus D-moll, welche Vogler in Mannheim vor Jahren schrieb, hier neu dazu verfertigt. Ein vortreffliches Werk in vierstimmigem Gesang und Harmonie. Ich besitze es und werde sehn es dir gelegentlich schicken zu können, aber bloß für dich. Madmoiselle Super eine Choristin des Wiedner Theaters eine sehr brave Stimme, war hier etwas furchtsam, griff das hohe Ais etwas zu schwach, es wurde dadurch falsch und das Publikum lachte. – Israels Gebet. Hier neu und schnell componiert, wurde erst den Tag vor der Aufführung fertig, ging nicht gut. Mad. Willmann fiel viel zu früh ein, und zog auch den Chor nach sich. Hr. Teimer bließ sehr schön, und auch Mad. Willmann sang die sehr schwere Passage mit vieler Leichtigkeit und Deutlichkeit. Variationen. Sind sehr schön und außerordentlich schwer, da sie aber über ein moll-Thema geschrieben sind, so fanden sie wohl nicht den allgemeinen Beyfall, den sie verdient hätten, bis auf die Fuge, die Vogler stets aus dem Stegreife, und so oft als ich sie ihn schon spielen hörte, anders spielte, gefiel so außerordentlich, daß er sich noch einmal hinsetzen und phantasiren mußte, welches dann mit Enthusiasmus aufgenommen wurde. Dlle. Grohmann beym Wiedner Theater und Dlle. Strak, Dilettantinn (Delinquentinn) sind beyde Anfängerinnen, und können gut werden. Das Haus war sehr voll, beyde Majestäten waren zugegen, ein Hauptanstoß der Etikett-Menschen war es, daß Vogler, der ein Fortepiano stets nach der Quere auf dem Theater stehen hat, den Majestäten den Rücken zukehrte. Mein Gott, daran hat der gute Mann gewiß nicht gedacht, er dachte bloß akustisch und nicht etikettisch. Von hiesigen Künstlern waren noch Concerte: von Eberl, Compositeur und Clavierspieler auch Capellmeister; von Mad. Auernhammer, einer sehr fertigen Clavieristinn, welcher Mozart sechs Sonaten dedicirt hatte. Von Joseph Mayseder, einem Violinspieler, einem jungen verdienstvollen Künstler, einem Schüler von Schupanzig, hat einen vortrefflichen Ton, viel Festigkeit und Fertigkeit. Dann war die Schöpfung, wo ich nicht hineinkommen konnte etc. Von fremden Künstlern sind jetzt hier: Clementi, Calmus, der den Sommer über noch hier bleibt und gegen den Herbst nach Rußland [zu gehen] gedenkt. Flath Hoboist und Metzger Flautraversist, beyde von München, haben auch Concerte gegeben, ich war aber nicht darin.

Den 4. April, heute werde ich mit Abbé Vogler den Vater Haydn besuchen, ich freue mich, zum Zeugen der Unterredung zweyer so ehrwürdigen Veteranen erwählt worden zu seyn. – Ich war schon einigemale bey Haydn. Die Schwäche des Alters ausgenommen, die ihm oft gebietet das Zimmer zu hüthen, ist er immer munter und aufgeräumt, spricht sehr gerne von seinen Begebenheiten, und unterhält sich besonders mit jungen angehenden Künstlern gern. Das wahre Gepräg des großen Mannes, dieß alles ist Vogler auch, nur mit dem Unterschied, daß sein Literaturwitz, wenn ich so sagen darf, viel schärfer als der natürliche Haydn’s ist (es ist rührend, die erwachsensten Männer kommen zu sehen, wie sie ihn Papa nennen und ihm die Hand küssen. – Ich freue mich wirklich recht auf die Zusammenkunft, das Resultat davon morgen. – Die Recension habe ich noch nicht gelesen, habe aber schon von andern sie rühmen hören. Du fragst ob ich nicht bald wieder Gelegenheit zu einer gebe. O ja, rüste dich nur, spitze die Feder und gehe christlich mit mir um , es sind Variationen fürs Clavier über ein Thema aus Vogler’s „Castor und Pollux“, denen Vogler einen ausgezeichneten Beyfall schenkte, ja, es war auch keine Kleinigkeit für eine schreibfähige Seele, an einem so viel gebährenden  Orte beynahe neun Monate zu sitzen und – keine Note zu componiren, aber es war mein fester  Vorsatz lange zu hören, zu sammeln und zu studieren  ehe ich wieder etwas schreiben würde. Fest hielt ich  bis jetzt, trotz allem Anfeuern und Fragen von Andern  und Brummen von Papas Seiten, meinen Vorsatz, bis mich Vogler selbst jetzt dazu aufforderte. – Sie werden bey Eder gestochen, sobald sie heraus sind schicke ich ein Exemplar, wo du sie dann selbst beurtheilen kannst. Sie sind nach dem Vogler’schen Systeme geschrieben, und ich sage dir es gleich im Voraus, ärgere dich nicht über die etwa darin befindlichen Quinten. – Sobald Vogler’s Oper gegeben ist, werden mehrere Variationen von mir über darin befindliche Themata erscheinen. – Kürzlich bekam ich einen sehr schmeichelhaften Brief von Schultherius. – Vorigen Samstag kam der berühmte Castrat Crescentini hier an, er  wird dreyßigmal auftreten, wobey jedesmal doppelt Entrée ist. Vor Ostern war ich bey beyden Majestäten, wobey ich zugleich Sr. Majestät der Kaiserinn obige Variationen überreichte. Das weitere habe ich zu erwarten und du zu erfahren. – Die beyden ersten Bogen d. B. habe ich noch nicht erhalten, ich bitte dich schicke mir künftig alles durch die Post. – Du bist wohl? – O Freund schone dich, erhalte dich um meinetwillen. Ich bin recht besorgt um dich, wann werde ich dich wohl wieder in meine Arme schließen? mir fehlt hier nichts als – – ein Freund, wenn ich dich hätte, verlangte ich nichts mehr, kannst du dich denn noch zu gar nichts entschließen? – Vogler hat einen Theil deines Briefes gelesen und dich einen sehr denkenden Kopf genannt, darauf kannst du stolz sein. Das Schicksal der Kunst in Salzburg muß traurig sein, Haydn hätte hier beym Fürst Esterhazy so gutes Brot mit 800 fl. und alles frey gehabt, sein Bruder hat mir alles umständlich erzählt. – Die Italiener werden wohl auch bey euch jetzt die Oberhand behalten, o wie mit vollem Herzen unterschreibe ich alles, was du so wahr sagst; – doch laß-uns den Muth nicht sinken, vereint können wir noch manches Gute bewirken, und doch vielleicht manchen vom Irrweg zurechtweisen.

Den 6. Haydn war sehr schwach als wir zu ihm kamen, daher wir auch nicht lange blieben, indessen war es doch ein großes Vergnügen für mich, die beyden alten Herren so vertraulich zusammen von ihrer Jugend und Begebenheiten schwatzen zu hören, doch gieng das Interesse des Gespräches nicht so ins Kunstfach, daß es einen Nicht Augenzeugen unterhalten könnte. Von Haydn ging ich noch mit Vogler und blieb bey ihm bis Nachts 12 Uhr, das sind selige Stunden, im Vertrauen eines solchen Mannes und belehrenden Kunstgesprächen zugebracht. Ich fürchte nur daß ich nicht lange mehr Vogler noch Wien genießen werde können, eben erhalte ich den Ruf nach Breslau als Direktor des Orchesters mit 600 Thaler Fixum und einem Benefice, welches auch 4 – 500 Thaler trägt*. Was soll ich thun, der Antrag ist ehrenvoll. – – Was Gott will, ich habe meine Bedingnisse durch Vogler, der die Sache führt, geschickt und erwarte nun den Ausgang. Bis dahin bitte ich dich – Verschwiegenheit. – Komme ich hier weg so sitzt die Zeit-Geschichte Wiens auch wieder fest. – Ich scheine auch ein Fangball des Glückes zu seyn, bald wirft es mich da bald dort hin, doch erfahre ich überall etwas Neues, und nichts schadet mir was Erfahrung betrifft. – Wir bleiben die Alten, je weiter das Land je enger die Freundschaft. Nächstens ein Mehreres, ich hoffe dir jetzt eine ziemlich vollständige, wiewohl zerstückelte Übersicht des Wiener Theater-Zustandes gegeben zu haben, so daß ich jetzt nur zeitmäßig fortfahren darf.

Das Licht verlöscht, morgen geht der Brief ab. Gute Nacht, Bruder, schreibe bald und vergiß nicht deinen dich ewig liebenden Freund C. M. v. Weber m. p.

Apparat

Zusammenfassung

über die geplante Theatergeschichte Wiens, die gegenw. Theaterverhältnisse ebd.; ausführl. über Voglers Akademie; erwähnt sonstige Konzerte, den Besuch bei Haydn (mit Vogler), eine Rez. seiner Variationen op.5/6 u. den Ruf nach Breslau;

Incipit

Nach mondenlanger Frist einmal wieder ein Wort

Generalvermerk

Textwiedergabe nach Erstdruck 1843

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Verbleib unbekannt

Textzeuge

Briefe von Carl Maria von Weber, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Jg. 28, Nr. 3 (5. Januar 1843), S. 17–20

Weitere Textquellen
  • Nohl, Ludwig: "Briefe C.M.von Weber's", in: Mosaik. Leipzig 1882, S. 75–81

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… gab eine große musikalische Akademie": Bericht über diese Akademie s. Zeitung für die elegante Welt, Leipzig 1804, S. 326; vgl. dazu auch Joachim Veit, Der junge Carl Maria von Weber. Untersuchungen zum Einfluß Franz Danzis und Abbé Georg Voglers, Mainz u.a. 1990, S. 68f.
    • "… Acerbi ist auch sehr schön": vgl. Veröffentlichung in der AMZ (Beilage XIV zum 12. Juni 1799, Sp. 592ff.)
    • "… mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Ouverture": vgl. (SchafhäutlV 168)
    • "… 4 – 500 Thaler trägt": Zu den Anstellungsbedingungen vgl. Webers Kontrakt.

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