Carl Maria von Weber an Johann Friedrich Rochlitz in Leipzig
Prag, Samstag, 13. November 1813

S: Wohlgebohren

dem Herrn Hofrath

Fried: Rochliz.

zu

Leipzig

Theuerster Freund!

Wie soll ich Ihnen die Gefühle beschreiben die mein Inneres durchkreuzten als ich Ihren lieben Brief vom 6t huj: erhielt. Freudig war mein erster Ausruf als ich Ihre Hand erkannte und ich dadurch von den bangsten Vermuthungen die ich während der SchrekensZeit in Ihren Mauern, nicht unterdrüken konnte, erlöst und Sie wenigstens am Leben und auch gesund hoffen durfte. Aber doch hatte ich ihn lange vor mir liegen ehe ich mich entschließen konnte ihn aufzubrechen, den[n] schwer wird es mir Freundes Leiden zu tragen. doch hat der Himmel mich erhört und Ihnen das Edelste, Theuerste erhalten, – Gesundheit und Kraft. Männlich schön hat sich Ihr Geist auch in dieser erdrükenden Athmosphäre thätig bewiesen, und Ihnen zur Seite steht ein treffliches liebendes Weib, und Kinder die schon den Schweiß von der Stirne troknen und alles Leiden und Ungemach versüßen können. Ich denke recht oft mit wohlwollendem Neid an Sie. Schon einigemal hatte mich in meiner Lebensbahn ohngefähr gleiches Schiksal mit Ihnen getroffen, aber immer stand ich ganz allein, und Niemand half mir tragen, doch schüttelte ich die Last von den Schultern und zagte nicht, das thun Sie auch nicht, Sie klagen nicht, Sie handlen, und doppelt lieber /: wenn es möglich war :/ sind* Sie mir auch dadurch nun geworden. Begraben wir die trübe Vergangenheit, und laßen Sie mich von dem sprechen* was uns Hand in Hand der Welt zeigen soll. Ich freue mich wie ein Kind auf Ihre OperT. Schikken Sie sie so bald als möglich hieher. Sie wißen wie sehr mich Ihre Arbeiten vor allen andern ansprechen, mit welcher Vorliebe und doppelter Aufmerksamkeit ich mich davon angezogen von jeher fühlte, und Sie können noch fragen ob ich sie componiren will? und noch dazu eine Arbeit die Sie nach Ihrer eigenen Äußerung so ganz mit Rüksicht auf meine Eigenthümlichkeit schrieben? beynah könnte ich ein bischen böse auf Sie sein.

Ich eilte sogleich mit Ihrem Briefe zu dem Direktor Liebich und las ihm daraus das nothwendige vor. auch Er, bittet um schleunige Uebersendung, und was das Honorar betrifft so hofft er daß darüber zwischen Ihnen kein Anstand obwalten wird. Er verehrt Sie als Schriftsteller, und das was Sie in Ihrem Briefe über die OperT sagten, hat ihn schon im Voraus für die Trefflichkeit Ihrer Arbeit eingenommen.

Was übrigens mich betrifft, so werde ich mit ausgeruhter Kraft | mit, seit meinen lezten Theatralischen Arbeiten vielfältig bewährter Erfahrung, zu der mir mein Posten täglich treu benuzte Gelegenheit giebt, – und mit der Liebe das Werk ergreiffen, die von Freundes Arbeit immer doppelt in uns erwekt wird.

Glauben Sie aber deshalb ja nicht, daß vielleicht doch nicht mancher kleine Skrupel mir aufstoßen wird, und frey und offen werde ich meine Meynung und Ansicht aussprechen, weil ich weis daß Sie mich nicht mißverstehen, und immer nur mein Streben das Beste zu wollen erkennen werden.

In Ihrem Brief vom 7t August, den ich sehr spät erhielt und leider nicht mehr beantworten konnte, sprachen Sie auch noch von einer romantischen Oper. ich hoffe doch daß auch diese zu ihrer Zeit vollendet wird. Wenn der Himmel uns nur einige Ruhe schenkt, so hoffe ich Sie künftigen Sommer zu umarmen, und dann wollen wir was rechtes zusammen aushekken, und das schon Ausgehekte beym Lichte betrachten.

Schließlich nun* auch ein paar Worte von mir. ich lebe wie eine Pflanze, und als Erzeuger, eben so unthätig. als Direktor hoffe ich Ihnen durch die Liste unsrer Opern meine Thätigkeit von dieser Seite zu beweisen. Seit dem 15t August wo meine Proben anfiengen, habe ich einstudirt Ferdinand Cortez, die Vornehmen Wirthe von Catel. Joseph, von Mehul. Uthal, die Vestalin, den Wasserträger. Faniska. das Lotterieloos. Jezt erscheint Iphigenie auf Tauris. Carlo Fioras, die DorfSängerin pp

Welcher Zeitaufwand und Verdruß bey diesen Geschäften ist, brauche ich Ihnen, als Sachverständigem nicht erst zu erklären. mich stärkt das Bewußtsein meine Pflicht in vollstem Maaße zu thun, und in dieß Gefühl hülle ich mich bey Stürmen, und suche auch meinen Lohn darinn. andern habe ich keinen, den[n] nicht eine wahrhaft theilnehmende Seele giebt es hier für mich. – Genug davon | ich bin nicht krank, was will ich mehr, und weis ich doch das in der Ferne Menschen wohnen die Freud und Leid mit mir fühlen.

Ihrer verehrten Gattin, und den guten Kindern alles Erdenkliche von mir, ein schützender Engel schwebe über Ihnen und erhalte Sie Ihnen und Ihrem treusten Weber.

Apparat

Zusammenfassung

freut sich über Rochlitz' Gesundung; äußert Vorfreude auf Rochlitz' Oper, die Liebich gerne annehmen wolle; hofft auch auf den Text zu einer romantischen Oper, den Rochlitz erwähnt hatte; erwähnt in Prag aufgeführte Werke.

Incipit

Wie soll ich Ihnen die Gefühle beschreiben

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana Cl.II A c, 4

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)

Textkonstitution

  • "nicht": Hinzufügung.
  • "aufwand": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • recte "Ausruf": in der Vorlage "Aufruf"
  • "… es möglich war :/ sind": sind korrigiert aus: Sind
  • "… Sie mich von dem sprechen": sprechen korrigiert aus: Sprechen
  • "Ihrer eigenen Äußerung": weitere mögliche Lesungen: "Ihren eigenen Äußerungen"
  • "… Schließlich nun": nun korrigiert aus: und

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