Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Tonna, Donnerstag, 15. September 1814 (Nr. 20)

Da geht heute eine Gelegenheit nach Gotha und da will ich den Brief mitschicken, damit er vielleicht morgen zu seiner Bestimmung abgeht. Ich will hoffen daß meine Lina beßer geschlafen hat als ich, da ich mich die ganze Nacht mit Kosacken und anderem Teufelszeuge herumgeschlagen habe, so daß ich ganz müde aufgewacht bin. Es ist einestheils gut, so habe ich doch einige Bewegung, denn außer einer kurzen Spazierfahrt Nachmittags mit S: Durchlaucht komme ich nicht aus dem Zimmer. Wenigen Menschen würde im ganzen diese Einsamkeit behagen in der sich der Herzog so wohl gefällt, wo er vom lästigen Getummel des Hofes entfernt, nur die Menschen die er sehen will, um sich hat. Ueberhaupt ist er mit seiner unendlich regen Phantasie überall zufrieden und zu Hause.

Am liebsten sitzt er so neben mir am Clavier und dicktirt mir gleichsam die Gefühle und Bilder die ich in Tönen ausdrücken soll, so daß er ganze Geschichten erfindet und erzählt während ich sie zugleich in Musick bringe und durch Töne erzähle.      So mein gutes Mukkerl, vergeht der Tag und ich kann darauf rechnen      So ruhig wird es nun freilich bei Lina nicht sein; die hat ProbenBesuche, zu lernen, ein bischen Ärger, und durch Abwechslungen mehr, um die ich sie übrigens nicht beneide, und wo ich doch stolz genug bin zu glauben daß zuweilen ein Gedanke an den fernen Carl sich zwischen durchdrängt. –

Wie geht es der guten Bach? was ich so von ihr gehört habe macht mich besorgt um sie, ich fürchte daß der Himmel da ein recht unglückliches Paar sehen wird, die | vielleicht einst mit Mangel und Noth kämpfend, noch den lezten Funken ehemaliger Anhänglichkeit erlöschen sehen.

Der Reitknecht ruft gebieterisch zum Schluße. Werde ich bald etwas von Dir hören? Um dieser Ursache willen, will ich Gott danken wenn wir in Gotha sind und ich die Post in der Nähe habe.

Lebe wohl mein geliebtes Leben, grüße die Mutter, Grünbaums, und alle Bekannten aufs beste, und behalte lieb Deinen unveränderlich treuen
Carl.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet vom Umgang mit Herzog v. Gotha (Fantasieren zu dessen Texten)

Incipit

Da geht heute eine Gelegenheit nach Gotha

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Kopie: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN – Mus. ep. C.M.v. Weber 52

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl (2 b. S. o. Adr.)
  • Abschrift von unbekannter Hand
  • am Briefkopf Bl. 1r Vermerk von Max Maria von Weber: Das Original Fräulein Helene Bachem[?] in Cöln geschenkt 1. 4. [18]68.
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 116–118 (Nr. 18).

Textkonstitution

  • "behagen": "besagen" überschrieben.

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