Carl Maria von Weber an Giacomo Meyerbeer in Paris
Prag, Dienstag, 24. Oktober 1815 und Mittwoch, 25. Oktober 1815

Mein theurer Bruder!

Ich kann unmöglich schlafen gehn, ohne noch mit dir zu plaudern, und meine innige Freude dir auszusprechen. ich kome so eben aus der zweiten Vorstellung des Alimeleks, wo die gute Sache Ihren schönsten Triumph feyerte, und ich nichts bedaure als daß du und die deinigen nicht an diesem frohen Genuße Theil nehmen konnten. - ich schrieb dir schon in meinem Briefe vom 11t daß die Censur Schwierigkeiten mache wegen der Imans pp ich ließ das Buch von Wien kommen, demohngeachtet strich man mir aus dem Chor der Imans Verse weg die ich durch andere aber ersezte die keinen Schaden thaten. hatte ich doch die Sache gerettet. die Feyer d: 18t 8ber in den Kirchen, der Einzug rükkehrender Regimenter pp störte mich in den Proben, kurz es kamen eine Menge Unangenehme Dinge zusammen die mich sehr kränkten, da so etwas gleich sehr ungünstig auf die Mitspielenden wirkt, und durch sie wieder ins Publikum kömt. das Unglük der Oper in Wien war natürlich auch ein schwer zu besiegender Punkt.      Ich schrieb also beyliegende Aufsäzze, zu welchem Plane ich schon längst eine Idee hatte, und die diese Gelegenheit zur Reife brachte. und Sonntag d: 22t wurde sie zum erstenmale gegeben. und erhielt getheilten Beyfall. ich kenne aber mein Publikum, weis, daß es Sonntags ein ganz anderes als in der Woche ist, ein unruhiges, ungestümes pp und tröstete Ehlers auf die heutige Vorstellung.      Schon bey der Ersten wurde die Overture einstimmig aplaudirt. eben so die Arie der Irene das Finale und das […] im Terzett im 2t Akt. die übrigen Stükke weniger. das Orchester war so, - daß ich mit ihm zufrieden war , eben so die Chöre und das Ensemble. Mad: Grünbaum vortrefflich. H: Ehlers im Ganzen brav, aber doch noch unsicher, und weit von meinem Ideal entfernt. die Episoden bis auf den HaushofMster und Kämmerling sehr gut.      Heute war ein stilles aber zahlreiches Publikum, denn die Musik hatte die Leute doch aufmerksam gemacht. die Overture sehr aplaudirt. die Arie der Irene eben so, die Arie des Alimeleks, auch, das Trinklied, weniger. aber im Finale rißen wir sie so zusammen, daß Sie das Ende nicht abwarteten sondern losbrachen. Wie der Vorhang fiel wollten einige Zischer sich hören laßen, aber einstimig aplaudirte mit Lust das ganze Haus, und zerdrükte die Würmer. im 2t Akt. wurde sehr aplaudirt das Duett zwischen Irene und Alimelek. der Marsch, das Duett zwischen Irene und dem Kalifen, und am Schluße krönte einstimmiger Beyfall, und das Herausrufen | des H: Ehlers und der Mad: Grünbaum, dein schönes Werk, und gewährten mir eine so seelige Freude, als ich bey Gott nicht bey meinen eigenen Werken habe.      Ich bin nun überzeugt daß sie von Vorstellung zu Vorstellung immer mehr gefallen wird, und bestimmt mit Ehren auf dem Repertoir bleibt. in einigen Tagen gebe ich sie schon wieder.

Meine erste Sorge sey nun auch der Welt das geschehene mitzutheilen, was ich theils durch unsere Freunde, theils in der Musikalischen Zeitung unter meinem eignen Namen thun werde.      Ich schäzze mich glüklich mein theurer Bruder der erste zu sein der deinen herrlichen Genius dem Volke verständlich und lieb zu machen wuste, denn die beste Wirkung konnte nicht fehlen wenn es in deinem Sinn gegeben wurde, welches ich mir wohl allenfalls zutrauen darf.

nun gute Nacht lieber Bruder, ich bin auch ein bischen müde, und werde Heute Nacht gewiß recht gut auf deinen Lorbeeren ruhen.*

Es ist ein wahres Glük daß ich dir Gestern Abend noch schrieb, heute würde es unmöglich sein, um 9 Uhr habe ich schon Probe, um 10 Uhr geht die Post. zugleich ist ein Pianoforte von Wien angekommen das man eben bey mir abgeladen hat, und wo ich beim auspakken sein muß. ich kann also nicht einmal unserem lieben Freunde Wohlbrük schreiben, möchte ihm die Freude nicht gerne einen Posttag verzögern, und schikke vielleicht diesen Brief über München.      Eben deßhalb muß ich auch noch so manchen wichtigen Punkt deines Briefes unerörtert laßen.      Was den Jephta betrifft soll er mit gehöriger Liebe in die Scene gebracht werden, und werde ich von deinem schönen Vertrauen in Hinsicht des Streichens und änderns den Gebrauch machen den mir die höchste Nothwendigkeit befiehlt.      dieses Vertrauen ist mir unendlich theuer, und der Eichenstab wird sich gewiß nicht einmal biegen, geschweige denn brechen.

     Nun lieber Bruder lebe wohl und glüklich, schreibe mir bald wieder damit ich weis wo meine Briefe sicher hingehen. Freue dich deines Triumphes, du kannst es mit Recht, grüße Wolf aufs herzlichste, und in der guten Nachricht über die Oper möge er die Entschuldigung des Nichtschreibens finden. behalte lieb deinen treuen Bruder
vWeber.

Apparat

Zusammenfassung

ausführlicher Bericht über die Aufführung des Alimelek in Prag; berichtet über Schwierigkeiten mit der Zensur; teilt mit, daß er eine Kritik des Alimelek in der Musikalischen Zeitung bringen wolle; betr. Einstudierung des "Jephta".

Incipit

Ich kann unmöglich schlafen gehen, ohne noch mit Dir

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: N. Mus. Nachl. 97, J/169

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b. S. o. Adr.)
  • Faks.: Sotheby (21. / 22. Mai 1987), Nr. 455, S. 207 (nur Anfang von Bl. 1r)
  • Rötelmarkierungen von MMW

Überlieferung

  • Sotheby: 21./22. Mai 1987 (mit Faks.)
Weitere Textquellen
  • Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 292–294

Textkonstitution

  • " im": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle
  • "s": "ß" überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… auf deinen Lorbeeren ruhen .": Über die ersten beiden Prager Aufführungen brachte der Wiener „Sammler“ eine ausführliche Besprechung.

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