Carl Maria von Weber an Wolf Adolph August Freiherr von Lüttichau
London, Freitag, 14. April 1826

An

den Grafen Lüttichau, Intendanten des

Königl. Hoftheaters zu Dresden.

– – – – Wie sehr habe ich auf Ihre gütige Nachsicht zu rechnen, daß ich nicht schon früher geschrieben habe. Meine Reise ging aber so schnell; eine Masse von Gegenständen rauschte so an mir vorüber, daß ich kaum etwas fest halten und daraus einen anziehenden Bericht hätte gestalten können. Vier Tage in Paris sein, heißt, sich in einen Strudel werfen, wo man Gott dankt, wenn man nur einiger maaßen seine Besinnung erhalten hat ist man wieder heraus. – Von England selbst habe ich außer großen Gesellschaften und meinem Theaterleben noch wenig gesehen, da ich bis herüber alle Maaßen beschäftigt war und alles von mir weisen mußte, was mich von meinen Arbeiten und Proben hätte abhalten können. Das ist nun endlich überstanden; ich athme neu auf und hoffe nachzuholen, was nöthig und erfreulich ist.

Oberon ist vorgestern d. 12. d. in Scene gegangen u. mit unglaublichem, einsimmigen, ungetrübten Enthusiasmus aufgenommen worden; eben so die gestrige Wiederholung. Er wird nun täglich fortgegeben mit geringen Unterbrechungen zur Erholung der Sänger. Die Aufführung war vortrefflich, die Sänger sehr ausgezeichnet, eben so Chor und Orchester, über alle Beschreibung aber vollkommen und einzig Dekorationen, Maschinerie und Kostüme. Schwerlich möchte ein anderes Theater in diesem Punkte Coventgarden erreichen.

Die Bauart und Einrichtung der englischen Theater ist aber auch höchst geeignet zu solchen Dingen. Zuvörderst sind sie sehr breit und haben hinter den Coulissen denselben Raum wie die Bühne selbst. Deshalb haben sie meistens feste Wände statt der Gardinen, die von beiden Seiten auf Rollen kommen u. in der Mitte zusammen stoßen. Ich werde von den meisten Dingen Modelle u. Zeichnungen mitbringen, da ich überzeugt bin, daß vieles bei uns sehr vortheilhaft benutzt werden kann. Viele der wunderbarsten Effekte sind mit so einfachen Mitteln bewirkt, daß man sich ordentlich wie bei dem Ey des Columbus darüber ärgert, nicht selbst darauf gekommen zu sein; z. B. die stürmische See, in der sich die untergehende Sonne spiegelt pp. Sobald ich die ersten 12 Vorstellungen des Oberon werde dirigirt haben, werde ich mich immer auf der Bühne mit der Maschinerie beschäftigen, um unserm Theater doch auch von einigem Nutzen zu seyn. Mein hiesiger Aufenthalt wird sich wohl in die Länge ziehen u. ich um so mehr dem pariser auf der Rückreise abbrechen müssen.

London ist aber auch eine solche Riesenstadt, Alles hat so großartigen Zuschnitt, alles bedarf deshalb aber auch so mächtiger Hebel und langer Vorbereitungen, daß man durchaus hier mit anderem Maaße messen muß, als in jeder andern Stadt der Welt. Ich baue daher auf Ihre Güte, Ihre Hülfe, Ihren Schutz, wenn aus den 4 Monaten 5 werden sollten. Daß ich die größte Sehnsucht nach Haus habe, kann ich aus ehrlichem Herzen versichern; aber die eigentliche Season geht erst an, und mit ihr die eigentliche Erndte-Zeit. Daß ich keinen Tag um meines Vergnügens willen verzögern werde, ist gewiß. Ich finde mein Glück nur bei den Meinigen und in Erfüllung meiner Pflicht, möge auch die Welt auswärts mir die höchsten Ehren geben und ich mich zu Hause unbeachtet wissen. pp – – – – –

(Carl Maria von Weber.)

Apparat

Zusammenfassung

berichtet ihm über die enthusiastische Aufnahme des Oberon u. über Einzelheiten der Auff., besonders über die Gegebenheiten des Theaters; da sein Aufenthalt sich wahrscheinlich in die Länge ziehe, bittet er schon vorsorglich um Zustimmung

Incipit

– – – – Wie sehr habe ich auf Ihre gütige Nachsicht zu rechnen,

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Kopie: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl.II B, 4, Nachtrag, Nr. 66, S. 998–1000

    Quellenbeschreibung

    • Abschrift von Jähns

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • MMW II, S. 688–689 (Auszug)

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