Tonkünstlers Leben. Fragment VI (Erstdruck)

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12.
Viertes Bruchstück aus:
"Tonkünstlers Leben." *)

Eine Arabeske.
Von Carl Maria von Weber.

Ich hatte eben die letzte Note geschrieben und ergetzte mich an den Schnörkeln des Schlußzeichens, die meine Hand geschäftig vervielfältigte, während mein Geist das ganze Stück noch einmal vor sich schweben ließ, und eine Art zerstreuten Brütens, mit der zufriedenen Empfindung einer vollendeten Arbeit verbunden, sich in mir erzeugte. Da trat mein munterer Dichter in Domino und Larve zur Thüre herein, und faßte mich mit freundschaftlichem Ungestüm beim Aermel.

„Das ewige Arbeiten taugt nicht. Fort! auf! heut’ ist Redoute, glänzende Redoute, die zweite, | die erste besucht niemand. Heut giebts schöne Mädchen, Punsch, Musik, zwar schlecht, aber doch lärmend; da kann man Grobheit für Witz ausgeben, und unter der schützenden Maske sogar einmal den Weibern die Wahrheit sagen – frisch! auf! der Wagen steht vor der Thür, hier ist alles Nöthige, und nun Marsch!“

Ehe ich noch selbst recht wußte, ob ich wolle oder nicht, saß ich im Wagen, wurde von den geschäftigen Händen meines fröhlichen Freundes bemäntelt und verkappt, eben so schnell wieder aus dem Wagen gehoben, und da stand ich nun in der wirbelnden Menge bunter Geschöpfe, die heute das Recht hatten öffentlich nicht zu scheinen, was sie doch waren.

Die Rippenstöße einiger tanzenden Paare weckten mich bald kräftigst aus meinen Träumen, und ich fing nun nach und nach an, mir in dem Gewirre zu gefallen.

Unter der Maske ist man ein anderes Geschöpf, hier zeigt sich deutlich, wie sehr in das Wesen und Treiben des Menschen die Anhänglichkeit an die Form verwebt ist. Alles Denken, alles Reden ist freier, sobald man das bischen Wachspapier vor dem Gesichte weiß; der blöde Verliebte wagt es zuerst, seiner Schönen Liebe zu gestehen, das schüchterne | Mädchen fürchtet sein Erröthen nicht mehr, weil es dasselbe ungesehen glaubt; selbst der Freund zum Freunde spricht derber, und ein Feiger wagt es vielleicht sogar, an einem seiner Tischmäcene Witz zu üben.

Mein lebenslustiger Führer ermangelte nicht, die vorbeistreifenden Bäuerinnen, Vestalinnen, Türkinnen und Nonnen zu beäugeln, und mit beißenden Anmerkungen zu regaliren. Ich zog mich etwas zurück. Der Strom trennte uns, und ich sah mich einem Paar freundlicher Fledermäuse gegenüber, die mich anpiepten: „Lange nicht Klavier gespielt?“ – Nein! – „O wir kennen dich!“ – Viel Ehre! – Ein Gärtner-Mädchen zupfte mich, bot mir eine Pomeranze. „Für dein schönes Spiel vor einigen Tagen!“ Ein Teufel drängte sich zu mir, und sagte: „Componire mir dieß!“ – Ich las: An Emilien, ergriff es mit Hast und sprach: Selbst vom Teufel verehre ich, was Ihren Namen trägt; auf der nächsten Redoute bekommst Du es.

Eine Nonne hing sich an meinen Arm: „Die schlechte Musik muß Dein Kenner-Ohr recht beleidigen.“ – Nein, Beste! aber das beleidigt meine Ohren, daß die ganze Welt nichts anders mit einem Künstler zu sprechen weiß, als wovon er nie gern spricht, was er nur fühlt, von seiner Kunst. | Und ergrimmt, mich beinah von jeder Maske erkannt zu sehen, zog ich mich in eine Loge zurück.

Doch bald lockte ein sonderbarer Aufzug mich wieder näher. Ein großer Schwarm von Masken kam zu den weit geöffneten Thüren herein. Die sonderbarsten, baroksten Karrikaturen und Phantome, klein und groß, in den verschiedensten Gestalten und Formen. Die Tanzmusik schwieg, ein Hanswurst bat das Publikum um Erlaubniß, eine große deklamatorische, dramatische, melopoetische, allegorische Darstellung in Versen geben zu dürfen, und hervor trat ein geregeltes kaltes Wesen, welches auf der Stirn einen Schild mit dem Wort: Unpartheilichkeit, am Munde die Phrase: Eifer für die Kunst, und am Herzen einen gespickten Musik-Catalog hatte, in der Tasche ein Schnippchen schlug, und das ich beim ersten Blick für eine gewisse Zeitschrift erkannte, die sich jetzt anschickte folgenden Prolog zu halten:


Prolog.
Geehrtes, kunstliebendes Publikum,Es war uns zu allen Zeiten drum,Dir deutlich und glaubbar einzubeizen,Daß nie nach schnödem Gewinn wir geizen.Ja! durch unpartheische Rezensionen | Können wir beweisen in allen Zonen,Daß stets wir die Kunst nur aus Liebe gepflegt,Daß selbst oft mit Schaden wir Werke verlegt.Auch werden wir niemals aufhören, zu streben,Euch neue Beweise von Eifer zu geben.Ein größeres Werk verlegen wir jährlich,Obwohl es in dieser Zeit wirklich gefährlich,So mit Partituren sich abzugeben –Doch wollen die Herrn Componisten auch leben!Das Stück hier, wir wollen’s nicht loben, nicht tadeln,Es wird sich, hat’s wahren Werth, selber schon adeln;Bemerken nur können wir bei unsern Sachen,Daß wir sie gemeinnützig suchen zu machen,Wovon wohl unstreitig der klärste BeweisDies schöne Papier, und der niedrige Preis.
Hanswurst springt hervor.
Erlauben’s mir auch ein paar Worte zum Schluß:Hier ist nicht vonnöthen, daß alles ein Guß;Nur die große Oper tritt hier vor die Welt,Effekte nur sind da zusammengestellt.Die Sängerin will Sie durch Gurgeln verführen,Die Heldenspieler durch Wahnsinn rühren,Der Narr Sie durch Wahrheit bringen zum Lachen, | Das Orchester wird schrecklich wüthen und krachen,Die Tänzerin schöne Waden zeigen,Die Prim’ Violino Solo geigen,Der Theatermeister donnern und blitzen,Um auch etwas Ihre Gunst zu besitzen.Ja! wird Sie dieß alles nicht packen, nicht schütteln,So greifen wird noch zu den letzten Mitteln,Werden Sie mit Pferden, Kameel’n regaliren,Kein Thier soll unsern Kunst-Drang geniren.Kurz, durch alles, was das Genie je ausheckte,Durch all’ diese goldenen, großen EffekteWollen wir blos effektuiren,Daß Sie sich sollen amusiren –Die große Tendenz unserer Zeiten –Auch ohne zu wissen, ob’s was zu bedeuten,Wenn nur nach dem Theater, an Table d’hote,Im Munde die Kunst und das Abendbrot,Sie finden, daß die und die schön angezogen,Der Larifari heut vortrefflich geflogen,Daß eigentlich’s Ganze Sie nicht recht versteh’nUnd deswegen ’s nächste Mal wieder hingeh’n.

Er entfernte sich unter einer Verbeugung, und die große italiensche Oper trat auf, – eine lange, hagere, durchsichtige Figur, charakterloses Gesicht, | das als Held, Seladon und Barbar sich immer gleich blieb, und nur eine ungemeine Süßlichkeit über sich verbreitet hatte. Sie trug ein dünnes Schlepp-Kleid, dessen Farbe eigentlich keine Farbe zu nennen war, und auf dem hin und wieder kleine blitzende Steinchen saßen, welche die Augen des Publikums an sich zogen. Bei ihrem Auftritt ward im Orchester ein Geräusch gemacht, und die Zuhörer zur Stille zu bewegen, und das in Italien Ouverture genennt wird. *)

Sie fing an zu singen:


Scena.
Recit. Oh Dio – – – addio – – – – – – – – –Arioso. ah non pianger mio bene – – – – – – – Ti lascio – Idol mio – – – – oime – –Allegro. già la Tromba suona – – – – – – – –colla parte, per te morir io voglio – – – – – – – | piu stretto, – O Felicita – – (auf Ta ein Triller von zehn Tacten; das Publikum applaudirte unmenschlich.)
Duetto.
Caro – –!Cara. – –!a Due. Sorte amara – – (auf amara, wegen des a, die süßesten Terzien-Passagen.)Allegro. – ah Barbaro tormento – (es hatte kein Mensch zugehört, aber ein Kenner rufte: Bravo! Brava! und das ganze Publikum fiel fortissimo ein.)
Hanswurst tritt gerührt und entzückt hervor.
Nein! es geht doch nichts über Melodie!Durch sie allein beweißt sich das Genie;Das ist das wahrhaft Reine,Das Hohe, Allgemeine,Wenn der Gesang so ungezwungen fließt –Daß jeder Schneider, Koch, verstehend ihn genießt;Wo man bei Arien, Duetten aller Sorten,Fest glaubt, man habe sie gehört an tausend Orten;Wo Ohr und Herz zugleich von Wonneschauern bebt,Wo alles mit Natur so inniglich verwebt,Daß es Wollust scheint, sich umzubringen, | Hört man den Held noch sterbend singen.Die deutschen Komponisten zwar,Die lassen fast kein gutes HaarAn unserer armen Opera,Besonders an der seria –Charakterzeichnung fehle,Der Götze sei die KehleDes Sängers, der wir huld’gen –Und vieles andre noch, deß man uns will beschuld’gen.Bei dieser Oper hier, da war’s ein Glück,Daß nicht so einseitig berechnet war das Stück.Die schönste Arie hat darin der Kaiser,Darüber wird die Prima Donna heiser,Weil sie sie nicht zu singen hat.Der arme Componist, fast desperat,Sein schönes Werk unaufgeführt zu sehen,Muß sich nun schon zu kleiner Aenderung verstehen,Wenn er das Beste nicht will ausgelassen wissen;Er läßt sich ein’ge Mühe nicht verdrießen,Paßt alles, was die Donna singen sollte,Und nun aus Zartgefühl nicht wollte,Fünf Töne tiefer in des Primo Basso Kehle,Und dessen Sang, daß er nicht todt sich quäle,Fünf Töne höher, der Seconda Donna zu Befehle.Und sieh! das Stück gefällt, wird applaudirt, | Kein Mensch sich um das bischen Transponiren schiert.Ja, meine Herren, seht!Das ist’s, was ewig steht –Ich sag’s auf dieser Stelle,Das echt UniverselleWenn die Musik gefällt, es sing’ sie, wer da will,Hoch oder tief, aus c, – aus Gis – aus D – gleichviel;In Kerkers Nacht, im grünen Feld,Thier oder Mensch, Bär oder Held,Wenns singt! nur recht ins Ohr,Das ist das wahre Herzens Thor!Daher ich’s behaupte vor der ganzen Welt,Die italienische Oper mir allein gefällt.Das ist mein wahrer und ächter Schluß –Alles übrige gilt keine taube Nuß.

Er tritt ab.


Die große französische Oper erscheint *) eine wohlgeborne Pariserin, geht auf dem Soccus einher, und bewegt sich sehr höflich in dem, sie etwas unbequem beengenden Griechischen Gewande. Das Corps de Ballet umgiebt sie beständig, ver|schiedene Götter lauern im Hintergrunde. Die Handlung spielt zwischen 12 Uhr und Mittag.


Erster Act.
La Princesse. Cher Prince, on nous unit.Le Prince. J’en sui ravi, Princesse. Peuple, chantéz, dausés, montres votre Allegresse!
Choeur.Chantons, dansons, montrons notre allegresse!Ende des ersten Acts.
Zweiter Act.
La Princesse. Amour.

Kriegerisches Getöse. Sie fällt in Ohnmacht. Der Prinz erscheint kämpfend gegen seine Feinde, und wird erschlagen.

La Princ. Cher Prince!Le Pr. Helas!La Princ. Quoi?Le Pr. J’expire!La Princ. O Malheur! Peuple, chantés, dansés, montrés votre douleur. | Choeur.Chantons, dansons, montrons votre douleur.

Ein Marsch schließt den zweiten Act.


Dritter Act.

Pallas erscheint in den Wolken.

Pallas te rend le jour;La Princ. ah quel moment!Le Pr. oû suis – je?! Peuple, chantéz, dansés, cèlebrés ce prodige!
Choeur.Dansons, chantons, celebrons ce prodige!

Fin.


Hanswurst

tritt mit brütendem Anstande hervor, und spricht mit erhobener Stimme.


Leidenschaft, Worte – Sturm, Deklamation,Das ist das Höchste, all’ anderm Hohn.Siebenmal höher gestrichene NotenSind unserer Leidenschaft kreischende Boten! | Hinauf in die Höhe,Mein ehrlicher Baß!Das Kühnste begehe,Tenor-Rechte saß’.Der stets tapfre Jüngling,Der wird sich schon wehrenUnd von dem Altisten das Nöth’ge begehren.Und so geh’ es fort und fort!Immer hinauf!Verdrängt der gemeinen Natürlichkeit Lauf!Und seid ihr so endlich zum höchsten gestiegen,Gelingt es gewiß, fallt ihr nicht, auch zu fliegen.Die Füße der Tänzer, die führen dann weiterDie edlen Gefühle, die eure Begleiter.Klopfet nicht süß verwirrt fränkisches Herz,Wenn in dem Entrechat tobet der Schmerz?Wenn aus des Pirouets wirbelndem DrehenDeutlich die heiligste Freundschaft zu sehen?Singen und Tanzen, und Tanzen und Singen,Das nur kann wahrhaft das Höchste erringen.Trommeln, Posaunen, vier Hörner, mein Bester,Ja nicht vergessen in Ihrem Orchester.Siebenmal modulirt in einem Tacte –Wer frägt nach Ursach’ mehr, wenn es nur packte?Blasen Hoboen, Klar’netten und Flöten,Mehr, als zu drei andern Opern vonnöthen, | Wüthen die Bässe und Geigen zum Rauchen,Können Sie gar noch den Tamtam gebrauchen.Dann seyn Sie ruhig und ganz außer Sorgen,Ruf ist Ihr Eigenthum, Sie sind geborgen!

Mit rascher Wendung ab.


Es entstand eine Pause. Das Publikum fing an nach und nach unruhig zu werden. Wiederholte Pause. Neuer verstärkter Tumult. Die deutsche Oper wollte noch immer nicht zum Vorschein kommen. Die Direktion kam bei dem zunehmenden Lärm in die größte Verlegenheit. Endlich erschien Hanswurst, ganz erschöpft und in Schweiß gebadet, und sprach:

„Hochverehrtes Publikum, verzeihe, wenn ich keine Zeit habe, dir kürzlich zu sagen, was ich in der Geschwindigkeit vorbringen soll. Ich begreife dich wahrlich nicht; ich weiß nicht, wie du mir vorkommst. – Wo bleibt deine so oft erwiesene Geduld, die sonst alles so ruhig abwartet, wenn man es dir nur sicher versprochen hat? Ich glaube gar, du bildest dir am Ende ein, Rechte zu haben? Nun, warte nur noch ein wenig; es ist fast billig, dir auch zu sagen, warum du warten sollst! Es geht, ehrlich gesagt, der deutschen Oper sehr übel. Sie leidet an Krämpfen und ist durchaus nicht auf die | Beine zu bringen. Eine Menge Hülfleistender sind um sie beschäftigt, sie fällt aber aus einer Ohnmacht in die andere. Auch ist sie dabei so von den, an sie gemachten Prätensionen aufgedunsen, daß kein Kleid ihr mehr passen will." – “

[ab hier Fortsetzung in Hell-Schriften]

Vergebens ziehen die Herren Bearbeiter bald der französischen, bald der italienischen einen Rock aus, um sie damit zu schmücken, das paßt Alles hinten und vorn nicht. Und je mehr frische Aermel | eingesetzt, Schleppen beschnitten, und Vordertheile angenäht werden, je weniger will es halten.

Nun endlich sind einige romantische Schneider auf die glückliche Idee gefallen, einen vaterländischen Stoff zu wählen, und in diesem wo möglich alles zu verweben, was Ahnung, Glaube, Contraste und Gefühle je bei andern Nationen wirkten und wirbelten. Hörst du, Publikum? schon rollt der Donner über unserm Haupte, jetzt wird’s gleich los gehen.

(Er zieht sich erschöpft zurück, und murmelt vor sich im Abgehen:)

Die verdammte Prosa wird einem so sauer, wenn man nun einmal gewohnt ist, ein poetischer Hanswurst zu seyn.

Allgemeine feierliche Stille, gespannte Erwartung im Publikum.

Agnes Bernauerin, romantisch-vaterländisches Tonspiel. Personen, so viel vonnöthen. Handlung, im Herzen von Deutschland.


Erste Scene.
Verwandlung. |
Zweite Scene.
Agnes und Brunhilde.
Agnes. Ach! Meine Seele ist müde, matt, und abgetragen.Brunhilde. O, Herrin! trage nicht ab der Menschenleiden Fels steile Untiefen. Wenn Ihr Fräulein Geistwidriges erfaßt. Werden Sie mir, edle Dame, das Mißgefühl mißdenken?Agnes. Komm in den Schloßgarten, dort im dunkeln Schauerhaine wird mich leichter die nothwendige Ahnung meines Schicksals befallen.

(ab.)

Verwandlung. (Herzog mit Gefolge.)

Ritter, folgt mir in den Prunksaal, heute noch soll sie Euch die Hand darreichen, oder Ottern und Schlangen im Burgverließ ihrer Gewohnheit nach – ihr versteht mich – (ab.)Verwandlung. Albrecht tritt auf. Kaspar, du folgst mir.Verwandlung. Ein Geist erscheint warnend.Albrecht. Wer bist du, unbegreifliches Wesen?Geist. Ich habe Macht, Alles zu thun, eile aber, edler Jüngling, später werd’ ich dich schon retten. | Albrecht. Sie retten oder sterben.

Zwei Minnesänger treten auf:

Wartet, edler Herr, wir singen euch die Geschichte.

Verwandlung. Finale.

(Waldige Felsengegend. – Links im Hintergrunde ein Schloß, gegenüber ein Weinberg, weiter vor eine Einsiedlerhütte. – Links vorn eine Höhle, weiter vor eine Laube, in der Mitte zwei hohle Bäume, weiter vorn ein unterirdischer Gang.[)]

Einsiedler

(tritt auf im singenden Gebete. – Agnes singt eine Arie im Schlosse, wozu Chor von Winzerinnen auf der andern Seite. – In der Laube schlummert Albrecht und singt träumend in abgebrochenen Tönen. – Kaspar singt vor Furcht eine Polonaise in den hohlen Bäumen. – Räuber in der Höhle singen einen wilden Chor. – Genien schützend schweben über Albrecht. – Kriegsgetümmel hinter der Scene. – Ferner Marsch von der andern Seite. – Natürlich Alles zugleich. – Zwei Blitze fahren von verschiedenen Seiten herab und zerschmettern Einiges.)

Alle. Ha!

Der Vorhang fällt.

| Zweiter Akt.

Trauer-Marsch. (Agnes wird auf die Brücke zu Straubing geführt. Sie bleibt an einem Nagel-Kopfe unten hängen.)

Albrecht tritt auf mit Reisigen.

Eingelegte Arie – – – – – – – 

Recitativ: Auf, Freunde, keine Zeit ist zu verlieren, ein Augenblick Verzug raubt Ihr das Leben.
Schwört!Chor. Wir schwören.Albrecht. O Schwur!!Allegro. Ueber Felsen und Meere,Durch blinkende SpeereRett ich dich, auf Ehre,Daß keiner es wehre,Sonst schnitte die ScheereDes Todes ihn ab.Ich sehe dich winken,Die Thränen dir blinken,O warte doch, Grab! | Arioso. O Mägdlein,O BlümleinSo wunderschön stille,Das niemals was wille.Chor. Seht – den HeldenSeht – ihn rasen – –Albrecht. Doch welch wundervolles Stöhnen,Hör ich tief in mir so klöhnen,Banger Ahnung Schauer-Wehen,Muß ich in mir wachsen sehen.Più stretto. Doch nein, ich eile, dich zu retten.Chor. Eile.Albrecht. Rettend will ich eilen, dich zu retten.Chor. Ja.Albrecht. Eilend, rettend dich mir retten,Rettend eilend sprengen Ketten.Passage (ei-ei-ei-ei-eilen.)Chor. Sieg oder Tod.

(Sie schwimmen alle durchs Wasser, der Kanzler spießt sich selbst an eine Stackete. Albrecht trägt die Geliebte auf seinem Arme herbei. Der Herzog kommt wüthend.)

Albrecht ruft: Vater!!!

(Der Herzog ist sogleich gerührt und segnet das nasse Paar.)

| Schluß-Chor.

Nach Regen folgt Sonnenschein. Die Brücke verwandelt sich in eine Glorie, und Alles ist gut.

Hanswurst (tritt tiefsinnig und grübelnd ein.)Ich ahne was, und weiß nicht was.Des Auges Blum ist schmerztropf naß,Ich sehe es kochen und überall gähren,Als wollt die Kunst noch eine Kunst gebähren.O, ehrliches, deutsches Vaterland,Mich hast Du verfolgt, mich hast du verbannt,Um fremdartige, ärgere Narren zu pflegen,Sprich, war dies zum Heile, war dies zum Segen?Den Engländer, Spanier, Welschen und FrankenBeseelt stets nur der Flug des Gedanken,Sich selber und seinem Volk’ würdig zu bleiben,und du, deutsche Kunst, schwächst im unschlüß’gen Treiben,Was göttliches Dir nur vor Allen verliehen,Erkenntniß und Anstoß aus Fremden zu ziehen.Das hast Du mißbraucht in der eigenen Kraft,Die herrlich und rein aus sich wirket und schafft.Wenn frei von der Nachäffung eitelem StrebenSie tragen will göttlichen Stoff in das Leben.

(Das Publikum wird unruhig, pocht und ruft ungestüm; der Hanswurst ist ein Narr geworden. Moral unnütz ec. Schicksale, Maschinen, Posaunen.)

|

(Hanswurst macht einen Kreuzsprung und ruft:)

Ach verzeihn’s, Ihr Gnaden,Bitt’ schön!Wär mir bald was Erschrecklich’s gescheh’n.Plagt manchmal mich, weiß selbst nicht wie,So eine Art Natur-Philosophie,’ne alt üble deutsche Gewohnheit,Naht sich nur selten der Tollheit,Bin so dumm gewesen, zu früh zu kommen,In 10 Jahren wird’s vielleicht besser genommen.Sind’s nit bös auf den armen Kasperl,Morgen früh spiel ich den Herrn von Hasperl.Hat mich eine Art Volksthum ergriffen.Hätten wohl recht, hätten’s mir pfiffen.Morgen bitt ich wieder um die Ehr,Ich spiel den Schneider mit der Scheer.

(Wüthendes Bravoschreyn. Der Hanswurst wird viermal herausgerufen; spricht von Nachsicht, Streben und Wiedersehen.)

[Originale Fußnoten]

  • *) Das erste und zweite Bruchstück s. in der Muse. Jahrgang 1821. 1. Band. 1. Heft. S. 48 ff. das dritte aber ebendas. 3. Heft. S. 79 ff.
  • *) Siehe Briefe über den Geschmack in der Musik von J. B. Schaul. Karlsruhe bei Maklot*.
  • *) nach einer schon 1670 in Paris selbst erschienen[en] Parodie der großen Oper*.

Apparat

Zusammenfassung

Felix gerät in einen Maskenball (Redoute); auf dem Karneval wird eine Satire über die italienische, französische und deutsche Oper mit Kommentaren von Hanswurst dargeboten

Generalvermerk

vgl. Entwurf

Entstehung

24. September 1810 / 12. Juni 1813 (laut A) / vermutlich auch 24. November 1816 (laut TB); evtl. 12. Juni 1818 (laut TB)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: W. G. Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, hg. von Friedrich Kind (unvollst.) (1827), S. 371–385

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS I, S. 63–83 (Größere Bruchstücke aus andern Kapiteln II.)
    • MMW III, S. 269–283
    • Kaiser (Schriften), S. 476–490 (Sechstes Kapitel) (Nr. 160)
    • Entwurf in: Jaiser, S. 181–191

Themenkommentare

    Einzelstellenerläuterung

    • „… B. Schaul. Karlsruhe bei Maklot“vgl. auch Webers Rezension über Schauls Buch.
    • „… en Parodie der großen Oper“Vgl. Annales dramatiques ou Dictionnaire général des Théâtres, Bd. 1, Paris 1808, S. 107f. Webers Vorlage bildete allerdings nicht das französische Original, sondern der Wiederabdruck in: Archiv für Theater und Literatur, Hamburg, Jg. 1, Nr. 49 (17. Dezember 1809), Sp. 390f.; vgl. dazu Weberiana 18, S. 81f.

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