Aufführungsbesprechung Mannheim: „Aschenbrödel“ von Nicolo Isouard am 26. Dezember 1810

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Aus Mannheim, den 26. Dez.

Die Oper Cendrillon* von Nic. Isouard de Malte, welche in Paris so viel Glück gemacht hat, ist auch nach Deutschland (unter dem Namen Aschenbrödel) verpflanzt worden, und unser hiesiges Theater ist eine der ersten deutschen Bühnen,* auf welchen dieses ausländische Produkt erscheint.

Das Sujet ist aus den von Perault zu Ende des 17ten Jahrhunderts unter dem Titel: Contes de ma mère l’oye*, herausgegebnen arabischen Märchen entlehnt, von Etienne als Feen-Oper bearbeitet; und vom Verfasser und Componist hauptsächlich dazu bestimmt, das Talent der berühmten Alexandrine Saint Aubin*, als Cendrillon, glänzen zu lassen.

Ein Prinz zieht aus auf Mädchenschau, und um sicher zu seyn, die Herzen, welche sich ihm ergeben werden, nicht seinem Range, sondern einzig seiner Person zu verdanken, hat er mit seinem Stallmeister (einer Carikatur) die Rolle vertauscht, und unter dieser wechselseitigen Verkappung kehren beide bei einem Landedelmanne ein, welcher es sogleich darauf anlegt, durch eine seiner beiden Töchter einen so vornehmen Schwiegersohn zu kapern. Beide werfen ihre Netze nach dem vermeintlichen Prinzen aus, beide finden ihn auch, wie natürlich, höchst liebenswürdig, und machen ihm die unzweideutigsten Avancen, der angebliche Stallmeister aber wird übersehen, – – nur nicht von Betty des Landjunkers kleiner Stieftochter, welche im Hause ihres Stiefvaters gar hart gehalten, verachtet, und von ihren Schwestern nur als Magd gebraucht wird – nur sie die liebenswürdige kleine, von ihren Stiefverwandten „Aschenbrödel“ benamset, fühlt sich zu dem schönen Stallmeister hingezogen, und auch ihm entgehen ihre Reize nicht.

Der Prinz bittet den Edelmann zu einem Ball nach Hof, wohin aber dieser natürlich nur seine beiden Töchter mitnimmt, die arme Aschenbrödel muß ihre beiden hochmüthigen Schwestern zum Balle aufputzen helfen, und – wird allein zu Hause gelassen.

Doch nicht auf lange Zeit; beim Anfange des zweiten Aktes hat der Erzieher des Prinzen, ein großer aber wohlthätiger Zauberer, sie schlafend in das Schloß des Prinzen gebracht, wo sie noch schlummernd von einem Chor singender Genien begrüßt wird. Sie erwacht, staunt, freut sich kindlich über alle die Pracht um sie her, und besonders über ihre dermaligen schönen Kleider, zittert aber vor den Mißhandlungen, welche ihr von ihrem Vater und den eifersüchtigen Schwestern bevorstehen, wenn diese sie hier finden. Durch eine magische Rose wird sie indessen allen unkenntlich, selbst dem (eigentlichen) Prinzen, welcher, ohne sie wieder zu erkennen, sein Herz zu ihr hingezogen fühlt, sich zu ihrem Ritter aufwirft, und im Turniere ihr den ersten Dank erkämpft.

Indessen versuchen die beiden ältern Töchter alle Reizmittel, um den vermeintlichen Prinzen zu besiegen, zeigen ihre Talente in Tanz und Gesang, Aschenbrödel aber übertrift sie in beiden, und reißt den wirklichen Stallmeister so sehr hin, daß er sich laut für sie entscheidet. Sie aber, welche nur ihrem Ritter zu gefallen die Absicht hatte, geräth über diese Erklärung so sehr in Schrecken, daß sie plötzlich entspringt, aller Nachsuchungen ungeachtet ist keine Spur von ihr aufzufinden, ausgenommen – ein niedlicher Schuh, welchen sie auf der Flucht verloren hat.

Beim Anfange des dritten Akts sieht man sie aber in ihrer alten schlechten Kleidung als Aschenbrödel in das Schloß zurück schleichen, um unerkannt den Ausgang der Geschichte zu beobachten. Mit Erstaunen erfährt sie nun, daß ihr Geliebter der eigentliche Fürst ist und vor Sehnsucht stirbt, sie wiederzufinden. Sie gibt sich zu erkennen, legitimirt sich durch das Gegenstück zu dem verlornen Schuhe, welcher letztere ihr, um der Sache gewiß zu werden, gleich (vor den Augen des Publikums) anprobirt wird, der Prinz ist entzückt – und eine Heirath beschließt das ganze.

Die Musik gehört bei weitem nicht unter die gelungensten Arbeiten Isouards. Die Ouverture ist mehr ein Concertante* von Blasinstrumenten, als eine eigentliche, das heist, charakterisirende Ouverture; sie ist mehr dazu geschaffen die Virtuosität der vortragenden Künstler glänzen zu lassen, als einen Vorschmack von dem Geiste und der Tendenz der ganzen Oper zu geben. Unter die gelungensten Stücke gehören das Duett der beiden Schwestern* zu Anfang des ersten Akts, – die Szene, wo alle drei ihre Talente in der Tanz und Singkunst vor dem vorgeblichen Prinzen* entfalten*, und das Terzett der Schwestern im dritten Akte,* endlich auch die Entwickelungssituation*: namentlich bei dieser letztern legt der Komponist der kleinen Betty einige Melodien in den Mund, welche sie dem Prinzen schon als Aschenbrödel bei ihrer ersten Zusammenkunft* vorgesungen hatte, um durch diese Reminiscenz den Prinzen die Identität der vergeßnen Aschenbrödel mit der jetzigen seines Herzens ahnen zu lassen. Die Idee ist sehr treffend und von guter Wirkung, aber nicht neu; schon in Cherubini’s Graf Armand* wird des Wasserträgers Tochter hauptsächlich dadurch bewogen, die Gräfin mit ihrem Bruder Antonio ziehen zu lassen, weil Vater und Bruder in ihre Zuredungen die Melodie der ersten Romanze des ersten Aktes einfließen lassen,* in welcher Antonio die Geschichte seiner Rettung durch Armand erzählt hatte.

Im Ganzen machte die Oper hier nicht besonders viel Glück und wird sich wohl schwerlich lange erhalten.*

Referent ist weit entfernt, den Eifer zu tadeln, mit welchem man dieses ausländische Produkt hieher zu verpflanzen bemühet war: hätte man doch auch schon lange gleichen Eifer bezeigt, dem hiesigen Publikum andre classischere Werke vorzuführen, wie z. B. Mozarts Idomeneo, Cherubinis Medea, Anacreon, Elisa, Lodoisca, Spontini’s Vestalin, le Sueur’s Barden, Mehul’s Jakob und seine Söhne* u. a. mehr, welche schon lange auf allen guten Bühnen glänzen, und hier noch – eine terra incognita sind!!

G. Giusto.

Apparat

Generalvermerk

Zuschreibung: Sigle

Kommentar: Am 23. Januar 1811, einen Tag nach dem Erscheinen von G. Webers Aufsatz, reisten Meyerbeer und C. M. v. Weber nach Frankfurt a. M., um eine Aufführung des Aschenbrödel zu sehen; vgl. TB. Carl Maria von Weber schrieb später eine Kritik über eine Aufführung der Oper in München (vgl. 1811-V-25), in der er ebenfalls die konzertante Ouvertüre und die Gestaltung der Titelpartie für Alexandrine Saint-Aubin kritisierte. In seinem Brief vom 15. Mai 1811, in dem er G. Weber seinen Aufsatz über Aschenbrödel anzeigte, erwähnte er dessen Text nicht.

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: Zeitung für die elegante Welt, Jg. 11, Nr. 16 (22. Januar 1811), Sp. 127–128

    Einzelstellenerläuterung

    • „Cendrillon“EA Mannheim: 26. Dezember 1810.
    • „ersten deutschen Bühnen,“Aschenbrödel war zuvor lediglich in Frankfurt a. M. (1. Januar 1811) und Eisenstadt (9. September 1810) in deutscher Sprache gegeben worden.
    • „Contes de ma mère l’oye“Charles Perrault, Contes de ma mère de l’oye. Histoires ou Contes du temps passé, avec des moralités (1697).
    • „Alexandrine Saint Aubin“Alexandrine Saint-Aubin, ein Portrait als Cendrillon ist reproduziert in: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, hg. von Carl Dahlhaus, Bd. 3, München und Zürich 1989, S. 151.
    • „Die Ouverture ist mehr ein Concertante“vgl. 1811-V-25: die Ouvertüre, die bloß auf den bekannten Harfenspieler Casimir und den Hornisten Duvernoy berechnet ist.
    • „Duett der beiden Schwestern“Duett Clorinde und Tisbe (Nr. 4) „O welche Freud, o welche Lust“ (Incipits nach den Textbüchern im Reiß-Museum Mannheim, M 613a und b).
    • „vorgeblichen Prinzen“Stallmeister Dandini.
    • „Szene, wo alle … vorgeblichen Prinzen entfalten“Szene II/13, Finale II, Nr. 12.
    • „Terzett der Schwestern im dritten Akte,“Terzett Clorinde, Tisbe und Cendrillon (Nr. 14) „Folgen ist dir Pflicht“.
    • „Entwickelungssituation“Szene III/10.
    • „einige Melodien in … ihrer ersten Zusammenkunft“G. Weber sieht offenbar einen motivischen Bezug zwischen der Romanze der Cendrillon (Nr. 2) „Ich bin bescheiden“ und dem Duett Cendrillon und Ramir (Nr. 15) „Gott! welch froher Augenblick“.
    • „Graf Armand“G. Weber besprach kurze Zeit später eine Aufführung (1811-V-29).
    • „die Melodie der … Aktes einfließen lassen,“vgl. das Larghetto im Finale des ersten Aktes (Nr. 5), wo die Melodie aus dem Couplet Antonio, Marcelina und Daniel (Nr. 1) wieder aufgegriffen wird.
    • „schwerlich lange erhalten.“Aschenbrödel wurde bis 1830 vierzehnmal in Mannheim gegeben.
    • „Idomeneo , Cherubinis … und seine Söhne“Die gleichen Werke mahnt G. Weber in 1811-V-23 erneut an. Idomeneo von Mozart, Ossian oder Die Barden (Ossian ou Les bardes) von Jean François Le Sueur sowie Anacreon oder Die flüchtige Liebe (Anacréon ou L’Amour fugitif) und Elisa oder Die Reise auf den Sankt Bernhard (Elisa ou Le Voyage aux glaciers du Mont St. Bernard) von Luigi Cherubini wurden auch in den folgenden Jahren in Mannheim nicht gegeben. Hingegen kam es zu Aufführungen von Cherubinis Medea (Médée) am 28. Februar 1821 und Lodoïska am 15. Dezember 1815, von Gaspare Spontinis Die Vestalin (La Vestale) am 26. Dezember 1814 und Joseph von Etienne Nicolas Méhul am 1. September 1811, eine Aufführung, die G. Weber besprochen hat (1811-V-63).

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