Julius Rietz an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
Dresden, Sonntag, 5. Oktober 1873

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Sehr geehrter Freund!

Was man nicht alles erlebt! Das Stückchen, welches ich Ihnen von dem bewußten dmoll Akkord*) erzählte, spielte am 9ten September 1834 zu Frankfurt a/M, also vor praeter propter 40 Jahren der dortige allgewaltige Kapellmeister Carl Guhr* entschuldigte sich bei mir vor der Vorstellung des Eingriffs wegen, bei mir, einem damals noch nicht 22jährigen jungen Menschen; wie er sagte, sei er zu den # gezwungen worden, weil man stets bei dem moll gezischt habe! – ein herrlicher Grund für einen Musiker, aber ich glaube nicht einmal daran; der moll Akkord paßte den kapellmeisterlichen Philisterohren einzig u. allein nicht und darum mußte er fort, wie denn dieser Mann, trotz seines Talentes u. seiner Geschicklichkeit, keine Oper ungeschoren d. h. nach seiner Weise unverbessert lassen konnte; er änderte, strich, setzte hinzu, instrumentirte anders u. richtete oft arge Verwüstungen an; so begann auch bei jener Vorstellung der dritte Akt mit der asdur-Arie der Agathe; der Zwischenakt u. die Dialogscene mußten dem tyrannischen Veto weichen, die sechste Kugel blieb unverschossen. Nun! – wenn sich Herr Richard Wagner herabläßt die Sinfonia eroicazu dirigiren, so entblödet er sich nicht (wie mir erzählt wird) eine allerdings sehr sauere Harmonie durch kühne Veränderung zu einer süßen aber auch sehr banalen u. flachen zu machen; es ist dieselbe Stelle, die Ferd. Ries bei einer Probe im Jahre 1804 in Gegenwart Beethovens zu der Bemerkung veranlaßte „der verdammte Hornist! kann der nicht zählen? es klingt ja infam falsch“ wofür er nach eigenem naiven Geständniß bald eine Ohrfeige von Beethovens hoher aber derber Hand einkassirt hätte. Die Geschichte wird Herrn Wagner nicht unbekannt sein, trotzdem kehrt sich seine Souverenität nicht daran!

Das brave Kantorlein zu Lenzburg im Kanton Aargau mag indeß belobt werden, daß es für den verkannten dmoll Akkord eine Lanze brechen will. Mir scheint aber, als ob die Akten über diesen Gegenstand unter vernünftigen Musikern längst geschlossen wären, ebenso wie über die Stelle in der eroica [Notenbeispiel: Notenbeispiel] und daß in beiden Fällen die Verballhörner nicht uns ernste Auseinandersetzungen brachte, sondern nur lächerlich gemacht zu werden verdienen. In meiner neuen Ausgabe der Mozartischen Oper habe ich hundert derartige Fälle angeführt, aber auch anführen müssen, weil man es bis dato nicht besser wußte u. die Fluth falscher Noten in die bisherigen Ausgaben gekommen war, weil diese nach schlechten u. nachlässigen Kopieen, nicht nach den Originalen hergestellt waren – aber wie gesagt, man wußte es nicht besser! Aber bei Weber u. Beethoven weiß man es längst u. beide Stellen sind unzählige Male besprochen worden u. wer heutzutage noch Zweifel hegt, dem ist überhaupt nicht zu helfen u. ihm wird auch durch den Lenzburger Kantor nicht geholfen werden. Jedenfalls bin ich aber der Meinung, daß Musiker wie Sie und Andere sich mit dergleichen nicht befassen sollen u. erlaube mir Ihre Frage „was soll ich nun hier thun“ einfach mit „Nichts“ zu beantworten. Lassen Sie den Mann schreiben was ihm beliebt, aber geben Sie ihm nicht die Erlaubniß Ihre Mittheilungen zu veröffentlichen. Aus einem Passus Ihres Briefes ersehe ich, daß Sie in der Sache ganz richtig fühlen und denken; folgen Sie dem also unbedingt und halten Sie sich von den Viehlistern so fern wie möglich. Das denke ich u. dieses sind meine Gedanken, sagte Vater Ramer in Adlers Horst.

Sie waren doch so gütig mir einen photografischen Abdruck des reizenden Kopenhagener Porträts von Weber zu verehren. Geschah die Übersendung vor Ihrem letzten Hiersein, so daß ich Ihnen schon meinen Dank ausgesprochen habe? Oder schulde ich Ihnen diesen noch? Wenn dem so wäre, so verzeihen Sie mir die im Drange der Geschäfte begangene Unterlassungssünde u. nehmen Sie meinen herzlichsten Dank auch nachträglich freundlich auf. Sie haben mir eine sehr große Freude mit dem Bildniß gemacht u. es soll auch eingerahmt und aufgehängt werden. Wenn ich mich nur so recht hübsch revanchieren könnte! Das wird sich aber schon finden.

Quälen Sie sich also mit der Mohrenwäsche nicht, halten sich hübsch frisch u. heiter u. sein aufs Schönste gegrüßt In alter Freundschaft
Ihr herzlichst ergebener
Julius Rietz

Von Jähns: +) Freischütz. Act III. Schluß-Largo bei den Silben „wigen“ (des Ewigen baun!)

Apparat

Zusammenfassung

nimmt auf eine Stelle in einer Freischütz-Aufführung am 4. September 1839 in Frankfurt/M bezug während der der damalige Kapellmeister Juhr im III. Akt, im Largo bei den Silben "ewigen" Moll in Dur verwandelte. Daran knüpfen sich Betrachtungen von Rietz über Veränderungen zahlreicher Art in Kompositionen von Musikern, die sich nicht an die Originale halten. Dankt für das Weber-Porträt von Horneman, falls er es nicht schon getan hat, er freut sich sehr darüber.

Incipit

Was man nicht alles erlebt!

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Stockholm (S), Stiftelsen Musikkulturens främjande (S-Smf), Nydahl Collection
    Signatur: Ser. I, Nr. 3405

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (4 b. S. o. Adr.)
    • am oberen Blattrand der ersten recto-Seite von Jähns
    • General-Musikdirektor Dr. Jul. Rietz in Dresden an F. W. Jähns.

Einzelstellenerläuterung

  • „… allgewaltige Kapellmeister Carl G uhr“Karl Wilhelm Ferdinand Guhr (1787–1848), Dirigent und Komponist, seit 1821 Kapellmeister am Frankfurter Nationaltheater, später einer seiner Direktoren und künstlerischer Leiter der Museumskonzerte.

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