Emilie von Gleichen-Rußwurm an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
Schloß Greiffenstein ob Bonnland (Unterfranken), Freitag, 17. Dezember 1869

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Verehrtester Herr Director!

Wie soll ich Worte finden Ihnen auf das Herzlichste für Ihren gütigen Brief, für die herrliche Sendung die ihn begleitete, meinen innigsten Dank auszusprechen? Sie haben mich unendlich erfreut, u. bitte sagen Sie auch Herrn Günther, dem liebenswürdigen Photographen, welcher Ihrem Wunsch, mir eine so große Freude zu gewähren, mit mir so freundlichen Gesinnungen entgegen kam, und empfangen Sie Beide meinen herzlichsten, innigsten Dank! Ich werde die höchst interessanten Blätter als ein heiliges Andenken aufbewahren, u. dabei der Geber immer dankbar gedenken. Es muß ein erhabenes herrliches Werk sein! Tief empfunden u. herrlich ausgeführt – Und nun auch ihm der schönste Platz Berlin’s, wie Sie sagen, bestimmt. So tritt denn Alles harmonisch zusammen, den geliebten Dichter auch in Preußens Hauptstadt zu verherrlichen, wo ihm auch manches Herz entgegenschlägt. Ob ich zu seiner Enthüllung kommen werde, kommen kann, liegt in Gottes Hand – meine doch sehr angegriffene Gesundheit, so manches Andere wäre zu bekämpfen, u. doch mein höchster Wunsch gegenüber, den Moment zu erleben, wenn vielleicht in den Frühlingstagen die Hülle von diesem wohl einzig dastehenden Denkmal des geliebten Vaters fällt, u. das Prachtwerk unser Herz in seinen tiefsten Tiefen angreift. O! Es muß ein herrlicher, in diesem Eindruck nie erlebter Augenblick sein. Das Edle des Marmor‘s gerade bei Schiller verleiht dem Monument noch einen besonderen Höhe-Reiz, welcher noch nicht erlebt wurde.

Ich war gerade in Weimar als Begas das Model vollendet, u. der Großherzog schickte mich in des Künstlers Atelier, als auch eben dieser im Begriff war nach Italien abzureisen. Manche Veränderungen erschienen damals nothwendig u. der Künstler ist auch darauf eingegangen zu seinem größten Ruhm. Wie besonders erfreut mich das Blatt mit des Künstlers eigner Gestalt, auch in dieser Beziehung, seiner persönlichen Bekanntschaft.

Ihre Güte verehrtester Herr Director, meiner Augen in Ihren Briefen zu gedenken, dadurch daß Sie immer nur auf eine Seite schreiben erkenne ich auch sehr dankbar, doch ist Ihre so ganz vortreffliche Hand recht für leidende Augen geeignet, u. Ihre Vorsicht zeigt mir Ihre Handschrift in noch schönerem Licht!

Sie müssen doch auch das Bildchen meiner reizenden, holden Schwiegertochter, (die Mutter von Schiller‘s einzigem Urenkelchen) welche uns so früh, sechs Wochen nach der Geburt des Kindes, entrissen wurde, besitzen. Ach! Sie war ein einzig liebliches Wesen mit Allem begabt, was beglücken kann, u. dabei eine unbeschreibliche liebliche Gestalt. „Auch das Schöne muß sterben!“

Nun eile ich aber zum Schluß, meine Augen! Ihren Lieben empfehlen Sie uns auf das freundlichste, wie sich mein lieber Mann auch Ihnen angelegentlichst empfiehlt.

Wie schön, könnten wir einmal mit Ihnen Allen am traulichen Theetisch zusammen sitzen!

Mein geliebtes Enkelchen spielt u. springt um mich herum – die Freude meines Lebens; möchte mich der Himmel so lange erhalten, bis es meinen Händen entwachsen, ich es hergeben muß, damit es etwas tüchtiges lernt. Leben Sie wohl!
Ihre hochachtungsvoll
ergebene Emilie vGleichen
geb.vSchiller

Apparat

Zusammenfassung

zum Berliner Schiller-Denkmal

Incipit

Wie soll ich Worte finden Ihnen auf das Herzlichste für Ihren gütigen Brief, für die herrliche Sendung die ihn begleitete, meinen innigsten Dank auszusprechen?

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Marbach (D), Deutsches Literaturarchiv Marbach (D-MB)
    Signatur: Inv: 28897

    Quellenbeschreibung

    • 3 DBl. (7 b. S. o. Adr.)

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