Franz Weber an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
London, Donnerstag, 11. November 1886

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Verehrter lieber Herr Professor,

Freilich haben Sie meinen letzten Brief vom 15ten März ’85 längst, und zwar schon 2 monate danach aufs Freundlichste beantwortet, und ich Unmensch habe Ihnen noch immer nicht dafür gedankt und lasse es sogar auf einen Zweiten aus Ihrer ― leider noch immer bleistiftenen Hand ankommen ehe ich das so lange Versäumte nachzuholen versuche. Wahrlich, wenn Sie mich in gerechtem Zorn, mit unserer Freundin Helmine zu reden, den „Rachgewalten“ überantwortet hätten, ich würde mich nicht haben beklagen dürfen.

Nun aber: quid sum miser tunc dicturus? Schwierige Frage. Allerdings hätten sich diese Zeilen nicht auf solch unverantwortlich lange Zeit verschoben, wenn ich nicht durch unseren gemeinschaftlichen Freund Langhans mit Ihnen inzwischen gewissermaßen persönlich verkehrt hätte. Wir sprachen viel von Ihnen, und er brachte mir auch im Ganzen recht gute Nachricht über Ihr Befinden, welch letztere Ihr jüngster Brief nun leider nicht bestätigt. Auch gab mir Ihr vorletztes Schreiben so halb und halb die Aussicht auf demnächstige, weitere Nachrichten in Betreff Lienau’s und des eventuellen Verlag’s meines „Weber in London“; dies mag wohl die unbewusste Veranlassung für mich gewesen sein die Beantwortung Ihres lieben Briefes vorläufig hinauszuschieben. Und aus diesem „vorläufig“ sind 1½ Jahre geworden! Es scheint mir jetzt kaum glaublich. Bitte, verzeihen Sie dem reuigen Sünder!

Ihr opus 59 habe ich erhalten und mit Genuß durchgespielt; im 4händigen Original habe ich schon mehrfach Gelegenheit gehabt, es Andern zu empfehlen, und überall fand ich die gleiche Anerkennung. Ueberhaupt finde ich Ihre Musik edel und schwungvoll. Da ist nichts Triviales, nichts sozusagen Gemachtes; es ist Alles gewachsen, und häufig höre ich daraus den lieben Freund zu mir sprechen, wie er mir aus seinen Briefen bekannt und so verehrungswürdig geworden ist. Gestern nahm ich auch Ihre Laterna Magica wieder mal vor. Diese genre-Bilder habe ich besonders lieb (nur mit dem Titel kann ich mich nicht recht vertragen); zarte durftige Poesie, von „magischer“ Wirkung allerdings, auch ohne die Laterne und ein Carl Maria’scher Zug hie und da, der mir sie noch werther macht. In der neuen Bearbeitung des op 59 haben Sie es dem Spieler nicht eben leicht gemacht. Er muß es sich, wie alles wahrhaft Gute, erst erkämpfen. Ich werde es demnächst in meiner Musical Times zur Besprechung bringen, und wie gerne dies geschehen soll brauche ich Ihnen nicht noch zu sagen.

Daß es mit Ihrem Supplement des Weber Werkes nur langsam von Statten geht finde ich freilich nur zu erklärlich, nach dem was Sie über Ihren Gesundheits Zustand berichten, recht zu meiner Betrübniß. Indessen wenn schon langsam, so geht es doch wohl immerhin damit voran, bis zum fröhlichen Schluß. Vielleicht wird dieses schönste Weber Denkmal noch vor dem Eutiner fertig gestellt, denn mit Letzterem scheint es allerdings noch gute Weile zu haben. Ob ich im December nach Eutin gehe wird noch von den Umständen abhängen; ob nämlich die Feier genügende Bedeutung erlangen wird um einen Spezial Bericht in der Musical Times zu rechtfertigen. Natürlich schreibe ich Ihnen noch definitiv darüber. Weber ist eben auch hier nicht „in der Mode“. Liszt ja, und zwar durch seinen Besuch in London (der ja auch unsren Freund Langhans hierher brachte) und neuerdings auch der Böhme Dvořák, dessen neuestes Werk, ein OratoriumSanct Ludmila“, vorigen Monat auf dem Leeds MusikFest zuerst aufgeführt, und am 29ten hier in London wiederholt wurde, viel Anklang fand, und es auch in vieler Beziehung verdiente. Eine deutsche Ausgabe ist im Stich begriffen, wozu ich den, ursprünglich haarsträubenden Text (von einem Deutsch-Böhmen verfasst) so gut es eben ging, für Novellos überarbeitet habe; eine recht undankbare Aufgabe, wie Sie wohl denken können. Ist Ihnen persönlich etwas von Dvořák’s Sachen bekannt, und wie denken Sie darüber? Ich weiß, was so’n echter Deutscher ist mag keinen Böhmen leiden, und umgekehrt. Dvořák selbst ist ein Deutschenfresser, obschon er Brahms seine „Entdeckung“ zu verdanken hat. Doch dergleichen sollte uns in Sachen der Kunst gar nicht beeinflußen. Uebrigens ist, wie ich glaube, noch kein bedeutendes Werk dieses Componisten im lieben Deutschland zur Aufführung gekommen.

Dank für das liebenswürdige Anerbieten in Betreff der Livius Briefe; um so liebenswürdiger da Sie Aermster ja noch fortwährend mit dem Schreibkrampf zu kämpfen haben. Ich brauche Sie jedoch glücklicherweise nicht zu belästigen; der eine Brief, dessen Abschrift Sie mir geschickt haben, genügt für meinen Zweck. Barham Livius war ein hiesiger Dilettant, Dichter und Musiker zugleich, und wenn auch kein Wagner, so doch ein Wager, in Bezug auf seine (recht schlechte) Freischütz Bearbeitung für Coventgarden, deren Original (Handschrift) in meinem Besitz ist. Sie ist nie im Druck erschienen.

Was nun mich selbst; vielmehr meine Weber Arbeit betrifft, so dürfen Sie mir, lieber Herr Professor, die Anfrage nicht verargen: haben Sie mit Lienau darüber Rücksprache zu nehmen die Gelegenheit gehabt? Und mit welchem Resultat? Ich könnte das Ganze im Verlaufe eines Monates fertig stellen, und würde natürlich mein Büchlein lieber zuerst in deutschem, als in englischem Gewand erscheinen sehen. Ich denke auch, daß sich, im zusagenden Fall, ein deutscher Verleger das Recht der Uebersetzung ins Englische vorbehalten wird, zumal da sich meine Arbeit auf englischem Boden bewegt. In Bezug auf englische musik- und cultur-geschichtliche Zustände schließt sich mein opusculum an Pohl’sMozart u. Haydn in London“ gewissermaßen als Fortsetzung an. Soviel hierüber. Machen Sie sich nun aber nicht viel Mühe in dieser Sache, darum bitte ich sehr; nur bei Lienau fragen sie wohl noch mal für mich an, nicht wahr?

Die Musical Times nimmt meine Zeit jetzt mehr als je in Anspruch, und obschon dies ja eine nur monatlich erscheinende Zeitschrift ist, so häuft sich doch das zu bearbeitende Material, namentlich in zu besprechenden Büchern und Musikalien, täglich an, so daß ich dann und wann kurzen Prozeß zu machen genöthigt bin in Fällen wo eine eingehende Besprechung verdient war. Das thut mir denn oft in der Seele weh, läßt sich aber nicht ändern. Daß die Firma Novello in diesem Winter (wie im vorigen) wieder einen cyclus (das Wort ist ja jetzt so beliebt) von oratorio concerts giebt, haben Sie gewiß schon gehört. Nun ja, dabei steht auch das Geschäftliche im Vordergrund, aber das Unternehmen steht doch dabei unter künstlerischer Leitung, beste Kräfte sind dabei betheiligt, und Manches Gute (aus dem N’schen Verlag natürlich) wird gemacht. Ich arbeite darauf hin daß, trotz der schon längst festgestellten Programme, etwas von Weber als Jubiläums Beitrag, entweder in das December oder Januar Konzert, aufgenommen wird; ob mit Erfolg, ist noch die Frage.

Die jüngst veröffentlichten Weber’schen „Reisebriefe“ habe ich noch nicht gesehen, erwarte sie jedoch täglich. Mich wundert, daß Sie kein Wort darüber erwähnen. Nun, nach 1½ Jahren gab es freilich Stoffes genug für Ihr Bleistift und Ihre Geduld, in der Spanne eines Briefes. Und sieh da, jetzt stelle ich Ihre Langmuth schon wieder meinerseits auf die Probe durch meine (allerdings lang zurückgehaltene) Schwatzhaftigkeit. Indessen sollen Sie doch unter dem vielen unechten Metall obigen Geschreibsels wenigstens ein Körnchen Gold finden! „Schweigen ist Gold“, sagt das Sprüchwort 

Sie sehen, ich verstumme, und finde nur noch Zeit mich mit herzlichsten Grüßen zu unterzeichnen als Ihr ganz Ergebener F.Weber

Apparat

Zusammenfassung

äußert sich über op. 59 von Jähns, ist sich nicht sicher, ob er für die Zeitung nach Eutin wird fahren können, bedauert, daß es J. noch immer nicht besser geht und berichtet von der Aufführung der Sanct Ludmila von Dvorák und gibt Kommentar zum Komponisten. Fragt, ob er schon Lienau fragen konnte, ob er Interesse an seinem geplanten Buch habe. Hat die erschienenen Reisebriefe noch nicht gesehen, wundert sich, daß J. sie nicht erwähnt hat

Incipit

Freilich haben Sie meinen letzten Brief

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 672

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl., 1 Bl. (9 b. S. o. Adr.)
    • Am linken oberen Rand Briefnumerierung (Rötel) von Jähns: 22

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