Das Concertino für Oboe und Bläser – kein Werk von Weber

Der Klarinettist Dieter Klöcker hat durch seine beharrliche Suche in Bibliotheken und Archiven das moderne Bläser-Repertoire nicht unwesentlich bereichert, allerdings durch allzu leichtfertige Zuschreibungen der Musikwissenschaft auch einige „Kuckuckseier“ ins Nest gelegt – darunter ein Oboen-Concertino, das angeblich Carl Maria von Weber zum Urheber haben soll. Es wurde erstmals Ende der 1970er Jahre durch eine Schallplatteneinspielung mit Klöckers Consortium Classicum (Solist: Gernot Schmalfuß) einem breiteren Publikum vorgestellt (Carl Maria von Weber. Kammermusik mit Bläsern, Telefunken 6.35 366 FK). Danach entstanden 1980/81 gleich mehrere Editionen, herausgegeben von Robert Holeman (Klavierauszug) bzw. Hermann Dechant (Partitur) bei Musica Rara sowie von Klöcker (Partitur und Klavierauszug) in der Edition Kunzelmann. Die Ausgaben sind bis heute mit der Weber-Zuschreibung im Handel, ebenso Folgeausgaben von Robert Paul Block (Nova Music) und Robert J. Garofalo (Whirlwind Music Publications). Aus den 1980er und 1990er Jahren liegen zudem mehrere CD-Einspielungen vor, die das vermeintliche Weber-Werk weiter popularisierten.

Die Manuskript-Vorlage, auf der alle Ausgaben letztlich beruhen, stammt aus der Fürstlich Löwenstein‑Wertheimschen Bibliothek in Wertheim, enthält allerdings nur die Bezeichnung „Weber“ und keinen direkten Hinweis auf Carl Maria von Weber als Urheber. Indiz für die Zuweisung an ihn war zum einen der zu vermutende Kontakt des Komponisten zu Wilhelm Graf (ab 1812 Fürst) zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, der sich 1809 in Stuttgart niedergelassen hatte. Dass Weber, der dort zwischen 1807 und 1810 lebte, dessen persönliche Bekanntschaft gemacht haben dürfte, dafür spricht sein Lied „Meine Lieder, meine Sänge“ aus dem Jahr 1809, das ein Gedicht des Grafen zur Textgrundlage hat. Zum anderen ist in Webers Tagebuch im Jahr 1811 ein Hinweis zu finden, nach welchem er sich möglicherweise tatsächlich mit einem konzertanten Werk für Oboe beschäftigte: Er notierte am 10. November, er habe für den Oboisten der Münchner Hofkapelle Anton Fladt „ein Adagio instrumentirt“. Friedrich Wilhelm Jähns nahm, dieser Notiz folgend, ein entsprechendes (verschollenes) Werk als Nr. 39 in den Anhang seines Weber-Werkverzeichnisses auf, auch wenn keineswegs klar ist, ob Weber hier nicht lediglich dem Oboisten Fladt bei der Instrumentierung einer von dessen Kompositionen zur Hand ging. Es blieben also viele Fragezeichen, zumal stilistische Vergleiche Webers Autorschaft im Falle des Concertinos eher unwahrscheinlich erscheinen ließen. So ist beispielsweise die Beschränkung der Begleitung auf eine erweiterte Harmoniemusikbesetzung (Flöte, vier Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, Trompete, Posaune und Kontrabass) in keinem anderen konzertanten Werk Webers zu finden; für ein in München entstandenes, für die dortige Hofkapelle gedachtes Werk erschien sie völlig abwegig.

Günther Grünsteudel hat 2008 endlich den wahren Urheber des Oboen-Concertinos ausfindig machen können: Es handelt sich um Friedrich Witt, der nach seiner Würzburger Kapellmeistertätigkeit (1802 bis 1824) u. a. als Komponist für die Hofmusik von Carl Friedrich zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg tätig war. Eindeutiger Beleg für die Autorschaft ist Witts Autograph des Concertinos, das in Privatbesitz überliefert ist.1 Trotzdem kursiert das Werk noch immer fälschlich unter Webers Namen.

Nach Grünsteudels Fund sind auch weitere Weber-Zuschreibungen nach Quellen aus der Musiksammlung der Fürsten Löwenstein‑Wertheim neu zu hinterfragen; die Ausgaben von Holeman und Dechant bei Musica nennen neben dem Oboen-Concertino noch fünf weitere angeblich von Weber stammende Werke (bzw. Werkzyklen) in reiner Bläserbesetzung (teils, wie bei größeren Harmoniemusiken üblich, mit Kontrabass-Fundament), darunter auch zwei Mozart-Adaptionen. Zwei dieser fünf Kompositionen wurden auch publiziert: Tema con Variazioni für Bläser sowie sechs Walzer für Harmoniemusik, hg. von Hermann Dechant (1981 bzw. 1984 bei Musica Rara). Auch in diesen Fällen spricht der Klangeindruck eher gegen die Autorschaft Webers – hierzu stehen klärende Untersuchungen noch aus.

Einzelnachweise

  1. 1Günther Grünsteudel, Friedrich Witt (1770–1836) – Eine Übersicht über sein Schaffen, in: Musik in Bayern, Bd. 71.2006, Tutzing 2008, S. 121 (Nr. 40).

Frank Ziegler, Dienstag, 14. Juli 2015

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