Carl Maria von Weber an Johann Gänsbacher
Prag, Freitag, 30. September 1814

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Sey nicht böse wenn ich dir deinen lieben Brief vom 15t August den ich d: 30t in Berlin erhalten gerade einen Monat später vom HauptQuartier Prag aus beantworte denn es war mir eine wahre Unmöglichkeit früher dazu zu kommen, welches du sogleich aus der Erzählung meiner Fata sehen wirst.

Nachdem ich in Liebwerda mich gehörig innen und außen gewäßert hatte, so reißte ich d: 31t July von da ab nach Berlin wo ich d: 2t August glüklich anlangte, und in einen solchen Strudel von Gesellschaften und Arbeiten gezogen wurde, daß ich warlich oft nicht wuste wo mir der Kopf stund. indeßen that mir dieser lebendige KunstEnthusiasmus und der Antheil an meinen Arbeiten sehr wohl, belebte mich von Neuem mit Lust zur Arbeit, und hatte dabey den wohlthätigsten Einfluß auf meine Gesundheit, indem sich mein Kopfweh ganz verlohr und ich mich durch und durch erfrischt fühlte. Man hatte große Lust mich als KapellMster da zu behalten, aber da ich nichts suchen will, sondern darauf warte bis man mich ruft, so gieng das Ding noch nicht so geschwind. Ich sah alle die Festlichkeiten* mit an, und gab den 26t Concert das in jeder Hinsicht vortrefflich ausfiel, und wo ich circa 100 # übrig behielt. d: 5t Sept: war Silvana, bey brechend vollem Hause und lautem Beyfall, und eine Stunde nach der Vorstellung reiste ich ab nach Leipzig wo ich d: 7t ankam leider aber nichts für mich zu machen war*, da noch alle Säle unbrauchbar durch die Lazarethe pp gefunden wurden. Ich trollte also ab nach Weimar und kam eben zur Abreise der Großfürstin zurecht, so daß ich auch sogleich meinen Wanderstab weiter sezte und d: 11t in Gotha eintraf, wo ich den Herzog auf dem Lustschloße Tonna aufsuchte, und einige herrliche Tage in seinem Geistvollen Umgange verlebte.

d: 18t fuhren wir zurük nach Gotha und Abends war HofConcert in dem ich spielte. Eben so den 20t und dann reiste ich ab nach Altenburg wo ich d: 23t Concert gab, und endlich den 25t glüklich wieder hier in Prag eintraf. Ich wäre eigentlich nicht zurük gekommen da mein Urlaub noch bis d: 8t 8ber galt, wenn nicht Liebich mir Himmel und Hölle vorgestellt hätte, besonders wegen dem Michaeli Termin, der wichtig ist in Abschließung der Contracte. ich opferte also ihm und dem Ganzen zu Liebe, mein Concert in Leipzig das ich auf d: 4t 8ber bestimt hatte, und das zuverläßig gut ausgefallen wäre. ob Er dieß je erkennen wird, zweifle ich sehr, doch trage ich dafür das Bewußtsein in mir, meine Pflicht im weitesten Umfange erfüllt zu haben. Auch gieng es unterdeßen hier sehr schlecht, so ein braver Geiger Clement ist, so ein schlechter Director ist er, und alles fühlte recht kräftig meine Abwesenheit. das schadet nun aber auch nichts, denn sie fingen schon an die große Ordnung und Thätigkeit für etwas ganz gewöhnliches anzusehen, und meinten das müste nun immer so auch von selbst gehn. daß ich also nicht der Ruhe und Bequemlichkeit pflegen kann, sondern genug wieder zu ordnen und zu thun finde brauche ich dir wohl nicht erst zu versichern. Sonst ist alles hier beym Alten. Alles ist in Wien oder auf den Gütern. die Gr: Pepi ist gestern angekommen, und ich werde Sie heute oder Morgen sehen. was D moll macht weiß ich nicht. Angst ist wohl und der Alte. – Nun wieder zu deinem Briefe. du armer Teufel! | dein jeziges Leben will dir also gar nicht mehr behagen? das glaube ich wohl, aber sage mir eines das nicht seine eben so großen Unannehmlichkeiten hat als dieses. ist nicht der Künstler das gedrükteste geplagteste Wesen? Was willst du anfangen. dich von Composition ernähren? oder als tägliches KunstLastthier in der Mühle der KinderZucht, rund um treiben und Lection geben? Im erstern Falle wirst du bey der schlechten Bezahlung der Verleger, und der du nicht so ellenweis ins Gelag hinein schreibst schmale Bißen eßen; im lezten Falle, wird dich binnen einem halben Jahre derselbe Ekel ergreiffen wie jezt, und du wirst abermals unzufrieden sein. oder willst du gar in deine vorigen Verhältniße zurüktreten, dich füttern, quälen, und Abstumpfen laßen für alle wahre Thätig- und Selbstständigkeit? Ueberlege recht wohl was du thust mein theurer geliebter Bruder. auch in deinem jezigen Stande bleibt dir die Zeit und der WirkungsKreis als Componist offen, und du stehst zugleich auf einer ehrenvollen Stufe in den WeltVerhältnißen. du bist nicht dazu geschaffen, im stillen Kämmerlein in Botzen zu verbrüten. das geht einige Wochen, ja Monate, aber dann wird der WeltGeist in dir mit verdreyfachter Gewalt hervorbrechen und dich abermals in den Strudel aufs Gerathewohl hinaustreiben. Also beschließe mit kaltem Blute und reiflich erwogen. Was du auch treiben wirst und ergreifst, so weißt du wohl daß die treue Bruderhand und sein Herz dir entgegen kommen, und bis auf den lezten Athemzug aushalten und mithalten wird.

Dein jeziger Aufenthalt macht mich für deine Gesundheit besorgt. ich bitte dich, mich recht bald darüber zu beruhigen. daß du deine Musik doch nicht hast, ist ganz unbegreifflich ich habe sie mit dem Postwagen abgeschikt und Recipisse darüber schreibe mir sogleich damit ich Nachfrage halte wenn es nöthig ist. ich schikte sie noch nach Trient unter deiner alten Adresse.

Wann werden wir uns wohl einmal wieder sehen? Wie viel hätte ich dir zu sagen was sich dem Papiere nicht vertrauen läßt, und auch zu weitläufig wäre. in Berlin habe ich oft von dir bey Beers Eltern gesprochen; Er ist noch in Wien ich höre aber nichts von ihm. auch nichts von Gottfried. Bärmann aber ist wohl auf in München, und vermehrt seine Familie alljährlich.

Nun theurer Bruder lebe wohl, ich schließe dich innigst in meine Arme, und würde ganz froh und zufrieden sein, könnte dieß in Wirklichkeit geschehen, und ich dir sagen wie sehr dich unverändert liebt dein alter treuer Bruder Weber

Editorial

Summary

Bericht seit Ende Juli d.J.; Rückreise auf Bitten Liebichs; fragt, ob sich Gänsbacher wieder der Komp. zuwenden wolle; über gemeinsame Bekannte

Incipit

Sey nicht böse wenn ich dir deinen lieben Brief vom 15t August

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Wien (AT), Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde (A-Wgm)
    Shelf mark: Weber an Gänsbacher 34

    Physical Description

    • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)

    Corresponding sources

    • Nohl 1867, S. 240–242 (Nr. 33)

    Commentary

    • “… Ich sah alle die Festlichkeiten”Vgl. den Kommentar zum Brief vom 5./6. August 1814.
    • “… für mich zu machen war”Zu Webers Hoffnungen auf ein Konzert in Leipzig vgl. den Kommentar zum Brief an Carl Christoph Schultze vom 16. August 1814.

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