Aufführungsbesprechung Mannheim: „Der Tyroler Wastel“ von Emanuel Schikaneder am 12. Mai 1811 in Mannheim

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Hof- und National-Theater in Mannheim.

Sonntag, den 12. May: Der Tyroler Wastel*, komische Oper in drey Aufzügen von Schikaneder.

Ref. mißbilligt es gar nicht, daß ein Großherzogliches Hof- und Nationaltheater sich auch mit solchen Produkten unterster Klasse befasset: theils füllen sie die Kasse und setzen so die Intendanz in den Stand, ein andermal auch auf Werke gediegnern Werthes, welche freilich leider nicht immer Kassenstücke sind, etwas zu verwenden – theils aber haben sie, betrachtet man sie auch nur als Mittel zu Erschütterung des Zwergfelles, auch darum ihren eigenthümlichen Werth, in Zeiten, wo das Lachen nur zu sehr aus der Mode gekommen ist. – Eines nur mögte Ref. fragen: warum dieses seit vielleicht fünfzehn Jahren auf andern Bühnen abgetriebene Stück jetzt erst uns und den hier anwesenden Fremden zum Besten gegeben wird, welche es ohne Zweifel an andern Orten und auf andern Messen schon längst satt gekriegt haben, wodurch sogar seine Wirksamkeit als Kassenstück bereits sehr geschwächt seyn muß. Ist es denn durchaus geschworen, daß unsre Bühne im Guten so wohl als im Geringern immer und ewig zehen Jahre hinter andern Bühnen herhinken muß? Immer noch sind Mozarts Idomeneo, Cherubinis Medea, Anacreon, Elisa, Lodoiska, Spontinis Preis-Oper die Vestalin, le Sueur’s Barden, Mehüls Jakob und seine Söhne* u. a. m., welche längst auf andern Bühnen floriren, für uns terra incognita!

Doch ich kehre zurück zur heutigen Aufführung. Vor allem willkommen war es, Mad. Müller* wieder einmal auf der Bühne zu sehen, als Tyrolerin. Die angeborne Grazie und unnachahmliche tournure dieser liebenswürdigen Frau vermögte wohl noch in mancher Role den Verlust ihrer ehemals ausgezeichnet schönen Stimme zu ersetzen, und es ist sündhaft, für das theure Geld, was sie bezieht, sie so gut wie nichts mehr thun zu lassen.

Herr Kaibel gab seinen Wastel mit vieler Laune und nationeller Gütmüthigkeit: er gefiel auch sehr, wiewohl beim Ende des Stückes sich eine starke Parthie im Publikum gegen ihn zeigte. Hat ja doch das „Fora!“ seit man es so oft hört, keinen so großen Werth mehr, daß Herr Kaibel es heute nicht sollte verdient haben.

Mlle. Beck* war unbarmherzig genug gegen sich und andre, eine altmodische ungeheure Bravour Arie* mit grausamen Läufen bis d’’’ und e’’’ – nicht auszulassen. Schon an sich ist die seriöse Person in einem Possenspiele eine höchst unvorheilhafte Parthie; wäre doch Mlle. Beck darum klug genug gewesen, diese Bürde wenigstens sich zu erleichtern, statt in einer Arie (von welcher ohnehin gewiß kein Mensch auch nur in Wort verstanden hat) uns Töne vorzugurgeln, welche nur mehr und mehr beitragen, das jüngst von ihr in diesen Blättern niedergelegte Urtheil* zu bestätigen. – Mlle. Beck hat bey den hiesigen Darstellungen der Mad. Hendel* Anlage zur Mimik gezeigt. Noch immer erinnert sich Ref. mit dem größten Vergnügen ihrer damaligen Darstellung der Galathee, wobey man nicht wußte, sollte man mehr überrascht seyn über den plötzlich aufgeglimmten Funken von Talent, oder über die Wunderkraft der Künstlerin, unter deren so kurzen Leitung Mlle. Beck so plötzliche Fortschritte gemacht hatte. Wollte sie dieses Talent unter guter (wo möglich unter derselben) Leitung ferner kultiviren, statt es, wie sie gewöhnlich zu thun pflegt, in Gang und Geberde zu vernachläßigen, so könnte sie, unterstützt von so schönen Körperformen, als Schauspielerin vielleicht – wer weiß – einmal recht großes Glück machen.

Herr Hofmann* in seiner zwar untergeordneten Role gefiel und befriedigte sehr. Auch Herr Backbaus* als blinder Harfenist.

G. Giusto.

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  • Text Source: Badisches Magazin, Jg. 1, Nr. 63 (14. Mai 1811), pp. 251

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