Über die Sängerin Catalani in Hamburger Konzerten (Juni 1816)

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Angelica Catalani.

(In Hamburg, im Juny 1816.)

Die Gegenwart der großen römischen Künstlerinn in Hamburg bildet eine Epoche in unsern Annalen der Kunst und der öffentlichen Vergnügungen. Wohl nie sah man der Ankunft einer Hochberühmten freudiger entgegen und feyerte festlicher nie ihr Hierseyn. Die Freude darüber war um desto größer, weil die Nachricht ihrer nahen Ankunft unerwartet kam. Der schöne Wohllaut ihres Namens, an den durch ganz Europa sich der Begriff der vollendeten Kunst des Gesanges knüpft, ertönte überall aus jedem Munde, und selbst die zufällig verzögerte Ankunft der Künstlerinn spannte die Erwartung noch mehr, und gab ihr einen gewissen feyerlichen Charakter, womit man dem Tage eines öffentlichen Festes entgegen sieht. Der Conzertmeister Kiesewetter aus Hannover, dieser treffliche Künstler auf der Geige, war auf Veranlassung des Herzogs von Cambridge der Signora Catalani nach Hamburg vorangesandt, um das Materielle ihrer Conzerte vorzubereiten. Der 6. Juny war zu dem ersten angekündigt und erst tief in der Nacht kam die sehnlich Erwartete an. Von nun an drängte sich die Menge hin zu ihrer Wohnung im schönen Jungfernsteig, um die gefeyerte Frau am Fenster und beym Ein- und Aussteigen zu sehen, oder auf einen Ton ihrer Stimme zu horchen. Der erwünschte Abend kam. Schon drey Stunden vor dem Anfang des Conzerts war der große Apollo-Saal mit einer glänzenden Versammlung hiesiger Familien, und aus den umliegenden Städten und Gegenden herzugeströmter Fremden angefüllt. Aller Augen richteten sich auf die Thür des Orchesters, durch welche während der Symphonie sie, von dem spanischen Gesandten geführt, in den Saal trat. Nur auf den ersten Anblick der großen Künstlerinn war man gespannt, und sah nun in ihr auch die schöne Frau, deren hohe edle Gestalt, vereint mit dem Reiz der Züge, den geschmackvollen von Diamanten und Gold schimmernden Anzug weit überstrahlte, und diesen ungekünstelt bescheidenen Anstand. Hier war schon jede von ähnlichen Erscheinungen abstrahirte Erwartung übertroffen. Mit einer allgemeinen feyerlichen Stille, worin sich unendlich mehr Huldigung, als in dem alltäglichen stürmischen Zujauchzen der Ankommenden aussprach, ward die Herrliche empfangen. Nun trat sie auf zum Gesang – und selbst durch dieses Auftreten zeichnete Sie sich aus. Ein stilles Selbstgefühl ihrer Größe und äußern Vorzüge ward durch die Anmuth und Grazie ihrer Bewegungen und durch den freundlich heitern Asudruck ihrer Züge zart verschleiert. Das große schwarze Auge ruhte mit milder Hingebung des Blicks einige Momente auf der Versammlung und hob sich dann aufwärts, bis zum Gesang der reizende Mund sich öffnete. Kaum athmend harrte man des ersten Tons aus diesem Munde. Es war eine Arie von Zingarelli. Gleich in der ersten Strophe der recitirenden Einleitung strömten die Worte: Suonò la Tromba wiederhallend in dem hohen Saalgewölbe mit schmetternder Kraft hervor, die sich gleich darauf zu den sanft lispelnden Tönen der Liebe herabließ. Ueberschwänglich wirkte der erschütternde Eindruck und zugleich die Rührung dieses Augenblicks; unaufhaltsam brach aus allen Räumen des Saals der lauteste Beyfall stürmend hervor. Doch, Worte reichen hier nicht aus: man muß sie hören, diese himmlischen Töne, die ohne alle körperliche Anstrengung und Bewegung, bald mit der ganzen Kraftfülle des gebieterischen Stolzes und der siegenden Hoheit einer Römerin der Brust entfliehen, bald, sanft wie ein Hauch, kaum hörbar verhallend, Wohlwollen und Liebe ausdrücken. Dann diese Milde in den Uebergängen; diese Modulationen der Triller und Läufe durch die zartesten Abstufungen der Tonleiter; diese Kühnheit der Sätze vom starken tiefsten Ton bis zu den feinsten Glockenklängen der Höhe. Seit ihrem Abgang von London soll die Künstlerinn von dieser Höhe verloren haben, doch hat sie dieß in der imponirenden Tiefe des Tons wieder gewonnen. Unendlich schön ist der volltönende schwellende Klang der Stimme und die hohe Einfachheit des rein italienischen Vortrags. – In den herrlich herabstrahlenden Augen und in den holden Zügen spiegeln sich die Emfindungen alle, die aus tiefer Seele veredelt und verherrlicht der Mund in oft schnell wechselnder Abgleitung von der einen zur andern ausspricht: Hoheit und Demuth, Zorn und verzeihende Güte, Rache und sich hingebende Zärtlichkeit. – Dem ersten Conzert folgten drey andere innerhalb der zehn Tage ihres Aufenthalts. Aus zufälligen Ursachen und bey der Erwartung eines Kirchen-Conzerts, welches nicht statt fand, war nur das letzte weniger gedrängt voll, und gern brachten Einheimische und Fremde, – selbst bey den sich jetzt erst nach und nach wieder hebenden ökonomischen Mitteln, diesen genußreichen Abenden das Opfer des bis zu einem Dukaten verdoppelten Eintrittspreises. – In ihrer Begleitung war die 16jährige Miß Corri, seit fünf Monaten ihre Schülerinn, deren treffliche Anlagen einer reinen volltönenden Stimme und eines festen und kräftigen Tons, unter der Leitung der Meistersängerinn, zu den größten Erwartungen berechtigen. – Kiesewetter, der Liebling unsers Publikums seit seinem ersten Besuch im vorigen Herbste, ließ uns in der hohen Fülle der Kunst seines geist- und seelenvollen Spiels in jedem dieser Conzerte seine Geige als würdige Einleitung zu dem Gesang der Vortrefflichsten hören.

Doch nicht die herrliche Künstlerinn ists allein, die unser Ankdenken an ihre Erscheinung auf immer fesselt; auch die edle Frau und liebenswürdige Gesellschafterin ist Vielen unvergeßlich. Der Beyfall der Großen der Erde und der ihr von dem Publikum der meisten Länder Europa’s einstimmig anspruchslose Freundlichkeit; die mild ablehnenden Worte, womit sie Ausdrücke des Staunens und der Bewunderung erwiedert; die unbefangene Theilnahme in Gesellschaftszirkeln an den fröhlichen Jugendspielen; die Heiterkeit und der Witz ihrer Unterhaltung; die herzliche Erwiederung von Freundschaftsbezeugungen ihres Geschlechts; die kindliche Anhänglichkeit an ältere geachtete Frauen; der zuvorkommende zutrauliche Ton, womit sie ihr befreundet gewordene Familien zu sich einlud, aufnahm und ungebeten ihnen ihre Lieblingsarien sang – das alles erhebt die Erscheinung dieser Frau zu den ganz außerordentlichen und einzigen. Sie sang in keiner Privatgesellschaft – noch in den Abendzirkeln – und wer würde sie vorlaut dazu aufgefordert haben? – aber sie vermehrte die fröhliche Unterhaltung durch Angaben neuer Gesellschaftsspiele, durch Auftreten in dem sogenannten Shawtanz der Lady Emma Hamilton, und durch mimische Darstellungen, worin sie bey ihrer schönen jugendlichen Gestalt und dem beredten Ausdruck ihrer reizenden Züge Großes und Schönes leistet. – Die hiesigen Gesandten der fremden Mächte gaben ihr gesellschaftliche Feste, darunter sich das des spanischen Gesandten, in den schönen Blumen- und Blüthen-Lauben verwandelten Sälen von Rainvilles Garten in Ottensen durch Eleganz und Pracht besonders auszeichnete. Auch folgte sie gern, während ihres kurzen Aufenthalts, der Einladung einiger Hamburgischen Familien, verbreitete überall in diesen Zirkeln Freude und geselligen Genuß und beantwortete mit liebenswürdiger Erkenntlichkeit die Huldigungen, die ihrer Gegenwart durch lachende Dekorationen von Blumen und Kränzen und durch sinnbildliche Andeutungen dargebracht werden.

Editorial

Summary

über die Konzerte der Catalani in Hamburg

General Remark

als Verfasser der von Bužga zugewiesenen Schrift kommt Weber, der sich zu der Zeit in Berlin aufhielt, nicht in Frage.

Creation

Responsibilities

Übertragung
Solveig Schreiter

Tradition

  • Text Source: Kaiserlich Königlich privilegirte Prager Zeitung, Jg. 3, Nr. 198 (16. Juli 1816), pp. 787

    Corresponding sources

    • Jaroslav Bužga, Vergessene Aufsätze, Berichte und Mitteilungen aus Carl Maria von Webers Prager Wirkungszeit (1813–1816), S. 106–108

Text Constitution

  • “Emfindungen”sic!

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