Bemerkungen von Carl Schluga über das Prager Ständetheater nach seiner Reise dorthin, vermutlich Ende August/Anfang September 1816

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Bemerkungen auf einer kleinen Reise nach Böhmen, über das Prager und Karlsbader Theater.

(Eingesendet von Carl Schluga.)

Ich halte mein Wort, lieber Freund, und sende Ihnen hier für Ihre vielgelesene Theaterzeitung einige Bemerkungen über die Theater, welche ich besuchte. Auf die herrliche und rühmlich bekannte Prager-Bühne, unter der Leitung des in ganz Deutschland so hoch verehrten Direktors Liebich, war ich schon lange gespannt, meine Erwartungen waren nicht ungewöhnlich, doch ich muß gestehen, daß diese noch weit übertroffen wurden. Ich fand hier eine Gesellschaft beysammen, die in der Theaterwelt den ersten Rang mitansprechen darf, und in den Herren Liebich, Bayer, Polavsky, Seewald, Wilhelmi, in den Damen Liebich, Brand, Junghans, Brünetti etc.; dann vorzüglich in der hochgefeyerten Sängerinn Madame Grünbaum lernte ich Künstler kennen, die zu betrachten ein wahrer Hochgenuß ist. Gleich bei meiner Ankunft eilte ich ins Theater; man gab den „Hamlet“ und Herr Stein vom Wiener Hoftheater trat darin auf. Ich muß gestehen, ich hatte Herrn Stein von einer so vortheilhaften Seite bereits noch nicht kennen gelernt, und freue mich, daß er sich so brav ausbildete und unsern Wiener-Theatern so viele Ehre erwarb. Die Aufgabe Hamlets gehört zu den schwersten; ¦ Herr Stein löste sie glücklich und erhielt so viele Beweise von Beyfall und Ermunterung, daß kein Zweifel übrig blieb, daß er ein wackerer Schauspieler sey. Ich sah ihn später auch als Balduin von Eichenhorst in den „deutschen Rittern vor Nizea,“ als Eduard im „Incognito,“ als Gottfried in der „Weiberehre,“ als „Graf von Burgund“ und sogar als „Don Carlos“! Er wurde stets vorgerufen und äußerst ehrenvoll von einem Publikum ausgezeichnet, das doch in dem Ruf der Strenge steht. Uiberhaupt ging die Stimme der wahren Theaterbesucher und sogenannten Tonangeber dahin, daß Herr Stein unter allen Schauspielern, welche seit einigen Jahren auf dem Prager-Theater in Liebhaberrollen auftraten, das meiste Glück machte, und daß, wenn er sich mit gleichem Eifer noch ferner seiner Kunst widmet, er vielleicht in Kurzem zu einer bedeutenden Kunststufe gelangen könne. So viel ist gewiß, und davon überzeugte ich mich selbst, daß Herr Stein mit einer angenehmen jugendlichen Gestalt, ein so schönes Organ verbindet, daß man kühn behaupten kann, kaum ein wohlklingende[re]s gehört zu haben. Fleiß, Eifer, Empfindung und Talent ist übrigens in seinem Spiele sichtbar, warum soll seine Zukunft nicht heiter seyn! – Die Umgebungen betreffend, welche mit Herrn Stein wirkten, die obenangezeigten Stücke im schönen Zusammenwirken darzustellen, muß ich besonders des würdigen Großmeisters Herrn Liebich als Major Rekum im „Incognito,“ des Herrn Bayer als Wallo | von Ortenburg in der „Weiberehre“ und seines Marquis Posa im „Carlos,“ wie auch des Herrn Wilhelmi als König in dem letzten Stücke, und des Hrn. Seewald als Emir in den „deutschen Rittern vor Nicäa“ ehrenvoll erwähnen. Besonders aber zeichnete sich Demois. Brand als Rosalie im „Incognito“ und Elsbeth im „Grafen von Burgund“ aus. Sie ist eine von den wenigen Schauspielerinnen, der die Grazien zur Seite gehen. Ich hörte, sie würde nach Berlin reisen, um da Gastrollen zu spielen; wenn dieß geschieht, so wird sie nicht anders als mit Ruhm gekrönt zurückkehren. – Außer Hrn Stein sah ich noch Hrn. Ringelhart und Hrn. Zeltner, der nun ein engagirtes Mitglied des Prager-Theaters ist, einige Gastrollen geben. Herr Ringelhart ist nicht nur meines Bedünkens, sondern nach dem Urtheil aller guten deutschen Theaterschriften ein äußerst mittelmäßiges Subject. Sein Gesicht ist mit allen Heldenrollen, auf die er sich nichts geringes einbilden mag, im geraden Widerspruche; seine unglücklichen Falten um die Nase und abwärts um den Mund, geben ihm als Heros ein sogenanntes wurstelhaftes Aussehen, daher alle seine Debuts bis auf den Rolla höchst unglücklich ausfielen. Er spielte im „Haus Barcellona“ – mißfiel; in den „Pagenstreichen“ den Stuhlbein – mißfiel; im „Benjovsky“ den Gouverneur – wurde ausgelacht; in „Menschenhaß und Reue“ den Meinau (hier mußte die Behörde wachen, daß er nicht ausgepfiffen wurde) endlich den Fiesko zu seinem Benefiz, und sein Loos war nicht glücklich. Ich habe schon einmal in Ihrer Theaterzeitung von Brünn und Breslau nachtheilige Urtheile über ihn gefunden. Ich wäre beynahe versucht, diese mit zu unterzeichnen. – Herr Zeltner erschien im „Don Juan“ in der Rolle des Leporello und hat ziemlich gefallen; er wurde nach der Oper hervorgerufen; ich glaube er wird sich hier erhalten, obgleich von einem großen Theil der gewöhnlichen Theaterbesucher nicht zu günstige Vergleichungen angestellt wurden. Im „Don Juan“ hörte ich auch Mad. Grünbaum, diese berühmte Sängerinn, die ich schon vor mehreren Jahren in Wien bewunderte. Ich glaubte mit Ihrer Trefflichkeit schon bekannt zu seyn, doch wie staunte ich, als ich die Künstlerinn noch vollendeter erblickte. Ihre Uibergänge und Passagen lassen nichts zu wünschen übrig. Sie thut das Unmöglichste, und da¦bey liegt in ihrer Stimme ein solcher Zauber, daß man sie nicht genug hören kann. – Ein neues Trauerspiel von dem verdienstvollen Dichter Herrn von Zahlhas, gegenwärteg in München, sah ich ebenfalls. „Heinrich von Anjou,“ wurde hier mit großer Präzision gegeben. Ich halte mich dabey nicht auf, und erwarte, daß Ihr gewöhnlicher, mit Fug und Recht in Prag scharfsinnig genannte Correspondent, das Weitere berühren wird. Eben so übergehe ich nur flüchtig die neue große Oper von Herrn Bernand in Wien mit Musik von Louis Spohr. Diese letztere hat ungemein viel Schwierigkeiten, sprach jedoch nicht an, obschon Sänger und Orchester nichts zu wünschen übrig ließen. In Prag ist ein musikalisches Conservatorium nach Art des Parisers. Junge Leute werden da auf allen möglichen Instrumenten zu geschickten Meistern gebildet, und ich überzeugte mich von dem überaus glücklichen Gedeihen dieser Anstalt. Alles was ich hörte setzte mich in Erstaunen; ein junger Virtuos produzirte sich auf dem Fagott, ein anderer auf der Houtbois, und ein vierzehnjähriger spielte auf der Violin eins der schwierigsten Concerte von Rhode. Ich kann Ihnen die Sicherheit und Schönheit ihrer Produktionen nicht genugsam rühmen. Bey einem solchen Institut kann es dem Prager-Orchester nie an Künstlern fehlen, und wenn sie auch alle auswandern sollten, so bleibt den Böhmen doch die Ehre, für die Musik das Meiste gethan zu haben! –

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Hier, Herr Redakteur, haben Sie einen Beytrag zu Ihrer geschätzten Theaterzeitung. Ist er gleich nicht in dem gewöhnlichen Rezensenten-Styl, so enthält er doch Wahrheit, und mir macht es ein vorzügliches Vergnügen, ihn in Ihren Blättern abgedruckt zu finden.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Charlene Jakob

    Commentary

    • Uiberhauptrecte “Ueberhaupt”.
    • Hrnrecte “Hrn.
    • Uibergängerecte “Uebergänge”.
    • gegenwärtegrecte “gegenwärtig”.
    • Bernandrecte “Bernard”.
    • Houtboisrecte “Hautbois”.

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