Carl Ludwig Wilhelm Baermann an Friedrich Wilhelm Jähns
München, Montag, 16. Juni 1879

Mein lieber Herzensfreund Jähns

Es ist eine rechte Schande für mich daß ich Ihren lieben Brief vom 14t Mai, der mich wieder so sehr erfreute, so spät erst beantworte, und ich füge dieser Schande noch eine neue hinzu, indem ich offen und reumüthig bekenne daß ich im Drange der Verhältniße ganz vergaß denselben gleich zu beantworten. Ihr Brief draf mich erstens in einen solchen Trubel von musikalischen Arbeiten, indem ich 9 Musikstücke für den Stich vorzubereiten hatte, trotz Ohrensausen, Kreuzschmerzen und Fußreißen, daß ich wirklich Gedächtnißschwach geworden bin, und zweitens hatten mich meine zwei Töchter,: Fany aus Neapel und Marie mit ihrem äußerst lebhaften Jungen Leopold aus Schwintsch besucht, da gab es nun ein so lebhaftes Familienleben und ein Hin- und Her-Visiten machen wie man es sich nicht lebendiger wünschen kann, namentlich wenn man sich dazu noch 6–7 äußerst lebhafte Enkel denkt, und so schön der Gedanke ist Großpapa von 10 Enkeln zu seyn, so ist es doch manchmal sehr anstrengend u. aufregend. Als nun vorgestern Fany und Marie mich wieder verließen und ich wieder etwas zu mir selbst kam, durchsuchte ich das Fach der unbeantworteten Brief[e], und es schoß mir alles Blut in den Kopf als mir Ihr letzter Brief in die Hände fiel.

Ich ging gleich gestern noch in’s Theater um mich wegen der Anfrage von „Peter Schmoll“ zu unterrichten fand aber gar nichts, und glaube auch nicht daß Peter Schmoll je in München gegeben wurde, wahrscheinlich ließ Weber das Textbuch in München drucken. Auch hörte ich nie von meinem Vater daß diese Oper in München gegeben wurde*.

Vielleicht habe ich doch die Freude Sie dieses Jahr in Berlin wiederzusehen und Ihre hochverehrte Familie kennen zu lernen.

Ich beabsichtige nämlich mit meiner Frau nebst meinem Sohn Carl und Frau am 15 Juli meine Tochter Marie in Schwintsch auf 6 bis 7 Wochen zu besuchen, und da hoffe ich bei unserer Rückreise Anfangs September Sie in Berlin treffen u. begrüßen zu können, da wir 2 Tage daselbst bleiben werden.

Einstweilen bitte ich mich Ihrer lieben verehrten Familie bestens zu empfehlen und mich zu entschuldigen daß ich mich für dießmal so kurz faßen muß, allein es haben sich solche Briefschulden angehäuft, daß mir Angst und Bange wird denke ich daran, und vor Allen wollte ich die größte Schande von meinem Gewißen abwälzen Mit Gruß u. Kuß
Ihr
alter treuer Freund
Carl Baermann
senior

Apparat

Zusammenfassung

Teilt mit, daß er nichts über eine Aufführung von Peter Schmoll in München gefunden habe, auch sein Vater habe nie davon gesprochen, vermutet, dass Weber das Textbuch in München drucken ließ

Incipit

Es ist eine rechte Schande für mich daß ich Ihren lieben Brief vom 14. Mai

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 36

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (3 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Eveline Bartlitz, „Ich habe das Schicksal stets lange Briefe zu schreiben ...“. Der Brief-Nachlaß von Friedrich Wilhelm Jähns in der Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Die Briefe Carl Baermanns an Friedrich Wilhelm Jähns, in: Weberiana. Mitteilungen der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft e. V., Heft 8 (1999), S. 5–47

Textkonstitution

  • „draf“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… Oper in München gegeben wurde“vgl. auch Brief Nr. 20.

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