Karl Graf von Brühl an Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg in Berlin
Seifersdorf, Donnerstag, 8. Oktober 1818

Seiner Durchlaucht dem Herr Fürsten Staatskanzler

Der Augenblick ist abermals gekommen, wo ich Ew: Durchlaucht dringend und gehorsamst bitten muß, den ganzen vielvermögenden Einfluß bei Seiner Majestät dem Könige, dazu anzuwenden, um dessen Zustimmung zur Bestallung des Verdienstvollen Kapellmeister Maria von Weber zu erlangen.

Da die Anfertigung des neuen Etats schon bald wieder heranrückt, so müßte diese Angelegenheit jezt baldigst beendigt werden, und meine Anwesenheit in der Nähe von Dresden, erleichtert dies allerdings gar sehr. Auch scheint die Rückkehr des Kapellmeister Morlacchi nach Dresden, den Weber einigermaßen für den dasigen Dienst verstimmt zu haben, und wird denselben vielleicht deshalb zum Abgange geneigter machen.

Die Forderungen des Weber sind in der That nicht unbedeutend, doch stehen sie mit dem in Verhältniß, | was er jezt in Dresden bezieht, und anerkannt ist der Lebensunterhalt in Berlin in vielen Stücken theurer als in Dresden.

Sobald ich nur erst die bestimmte Erlaubniß von Seiner Majestät dem Könige erhalten habe, werde ich alles übrige nach Möglichkeit einleiten, bemerke aber nochmals schließlich, daß es unumgänglich nothwendig ist, noch einen im Dirigieren erfahrenen und in Hinsicht seines Genies ausgezeichneten Kapellmeister anzustellen, da die Gesundheit des hiesigen Kapellmeister Weber, selbst nach der Aussage seines Arztes, des Herrn Geheimen Rath Formey, von der Art ist, daß nicht mehr auf deßen fortwährende Thätigkeit zu rechnen ist, wie dies die Erfahrung einigemal gelehrt, wo derselbe, nachdem er eine große Oper einstudirt, und einigemal aufgeführt hatte, gleich wieder wochenlang zum Dienst unfähig wurde.

Die ganze Last fällt in solchen Fällen natürlich auf den Kapellmeister Romberg, denn von dem Musik Director Seidel kann nie und in keinem Falle etwas bedeutendes erwartet werden.

Abgerechnet, daß der Romberg bey übermäßiger Anstrengung gleichfalls krank werden kann, so ist | demselben auch zur Erwerbung eines Theils seines Unterhaltes ein jährlicher Urlaub von 2–3 Monaten zugesagt, und das große Königliche Theater daher dann in einem solchen Falle ganz ohne Director.

Ew: Durchlaucht fühlen zu gut, daß ein solcher ängstlicher Zustand eigentlich niemals eintreten darf, da die Ehre des Instituts und alle Kunstleistungen darunter leiden.

Ew: Durchlaucht kennen den Maria von Weber, schätzen ihn, wie ich weiß, und es bedarf also gegen Hochdieselben keiner näheren Erörterung mehr.

Seiner Majestät scheinen einigermaßen gegen denselben eingenommen zu seyn, und zwar scheint dies durch fremden Einfluß herbeigeführt, doch habe ich mich schon nach Möglichkeit bemüht, diese entgegengesetzte Meinung zu mildern, und darf ich hoffen, schon mehrere Schritte in dieser Hinsicht gewonnen zu haben.

Wenn auch diesmal die Unterhandlungen mit dem Weber nicht zu Stande kommen sollten, so befürchte ich mit Recht, daß derselbe auf immer für uns verloren wäre, da er sich in Dresden immer fester ansiedeln wird; dieser Verlust aber für uns sehr | empfindlich wäre, da ohne Uebertreibung seines gleichen in Deutschland nicht wieder zu finden ist.

Graf Brühl

Apparat

Zusammenfassung

bittet Hardenberg, sich für die Anstellung Webers beim König zu verwenden; Webers Forderungen seien durchaus akzeptabel u. der Augenblick günstig; zudem sei durch Kränklichkeit ein weiterer Kpm. einzustellen, um eine Überlastung Rombergs u. Seidels zu vermeiden; der König sei durch frd. Einfluß gegen Weber eingenommen; würden die Verhandlungen jetzt scheitern, bleibe W. wohl für immer in Dresden;

Incipit

Der Augenblick ist abermals gekommen, wo ich

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Geheimes Staatsarchiv PK
Signatur: Hausministerium, Rep. 100, Nr. 1044, fol. 53-54v

Weitere Textquellen
  • Brühl, S. 53–54 (Nr. 4)

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