Johann Gänsbacher an Maria Anna Gräfin Firmian
Sterzing, Freitag, 26. bis Dienstag, 30. Januar 1810

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Meine Freude über den jedesmaligen Empfang Ihrer Briefe ist unbeschreiblich. Wie gesagt ich verschlinge jedes Ihrer Worte; kömmt noch Ihr Beyfall und Zufriedenheit mit mir hinzu, so ist dieß immer die schönste, die gröste Belohnung. Ihr Hans will und wird brav bleiben. dafür haben Sie meine Hand, mein Wort, und dieß sey mein Stolz. es giebt für den Entfernten Freund gewiß kein angenehmeres Gefühl, als jenes, mit seinen besten liebsten Freunden wenigstens auf dem Papier zusamm[en]zutreffen*. Ich beantworte hiemit Ihre 2 Briefe vom 5t und jenen vom 13t d:. Es fehlen mir aber noch zwei vom 8[t] [und] 10t*, worauf ich mich schon so freute, dann jener vom 12t mit V: Einschluß; von W...gl. erhielt ich auch nichts, so wie jenen nicht von F: mit Einschluß von meiner Schwester. Auch weiß ich nicht, ob Sie alle meine Briefe erhalten haben.

Ich verließ Innsbruck am 15t, nachdem ich Tags vorher meine letzte Meße mit außerordentlich und ungetheiltem Beifall und vieler Praecision aufgeführt hatte. Um 1/2 12 Uhr Nachts traf ich hier ein. Meine gute Mutter* heitzte mir gleich mein Zimmer, wovon aber der Ofen stark rauchte. Das starke Schneegestöber auf dem Brenner verursachte nun einen starken Schnupfen. Beim Erwachen hatte ich außerordentliches Kapfen[?] Als ich mich im Bette anzog, packte mich ein heftiges kaltes Fieber, und als ich mich aufzustehen zwang, schwank[e]lte mir, verlohr die Besinnung und stürzte zusammen. Mit vieler Mühe schleppte man mich ins andere Zimmer. Zum Glück war gerade die Mutter nicht zu Hauße. Nun bekam ich Hitze. Der Doctor meinte nichts anders, als daß ein Faulfieber daraus würde. Mein Genius sagte mir zwar nichts von Gefahr; allein unwillkührlich drängte sich die Empfindung auf, daß es mir doch noch zu früh wäre, abzusegeln; erstens, meiner Mutter den Schmerz zu erspahren, denn wie sie später äußerte, so würde ihr zu allen vorausgegangenem Leiden dießes das allerschreklichste seyn, noch einmal ein Kind von ihr sterben zu sehen – zweytens wäre es mir sehr schwer gefallen, ohne meine lieben, theuren im kinskischen Hauße noch einmal gesehen zuhaben. Ich möchte so gerne bey denen enden, wo ich eigentlich meine musikalische Laufbahn angefangen habe. Allein der gütige Himmel hat mich noch erhalten, denn am anderen Tag war ich wieder frisch und gesund. Der Ofenrauch war die ganze Ursache. Am 20t ereignete sich eine Gelegenheit, nach Klausen 9 Stunden von hier zu fahren, die ich dazu benützte, dem Senior[?] meinem Freund, den Niederwinzer* Suppeln zu besuchen. Ich wuchs von Kindheit mit ihm auf, wir kennen uns also ganz, und waren immer intim. Dieß gehört auch zu meinen liebsten Wiedersehen. 2 Täge brachte ich mit ihm in Rükerinnerung der goldenen Jugenzeit, und Mitheilung unserer wechselseitigen Schiksale zu. Wir fanden an uns die alten. Das Compliment, daß ich noch immer der alte wäre, machten mir alle meine Landsleute. Einige bekannte Bauern vermißten sogar meine alte Sprache nicht. Ich kann aber a sag...isch Tyrolerisch prachten. Auf dem Rückweg in Brixen besuchte ich nochmal meine Pepi. Sie glaubte mich schon über Berg und Thal.

Es war wieder Dienstag, gerade um die Abschiedsstunde. Viel sprachen wir von Ihrem Hauße, hätten Sie nur zugehört, wie darüber losgezogen wurde! Auch sie wünschte diese guten vortrefflichen Menschen zu kennen. Das älteste ihrer Kinder erhiehlt von mir das Sch...chen, das ich einstens in einem portheil von Ihnen bekam, zum Andenken. Da ich zu Fuß war, so kam ich am selben Tag nur bis L...terau, wo man am vierten August die bekannte Apasion mit Lefebre* vorgegangen. In der Oberau, eine halbe Stunde davor sieht man noch den Pfarrhof und das Wirthshauß von allen Seiten mit Kugeln besät. und von Einwohnern ganz verlaßen. Gegen 500 Sachsen wurden ungefähr um die nemliche Zeit von den Bauern davor belagert, und am Ende von 60 Bauernburschen gestürmt und gefangen. ... so bleßirte fand man darin. Dieß kühne Unternehmen begünstigte zum Theil die Unwißenheit der Bauern in betreff der Anzahl der Belagerten, zum Theil ein in der Geschwindigkeit verfertigter Verhau wodurch sie alle S...s abzusch... Kürzlich reißte mein Freund Mörz nach München, und traf zufälligerweise den Abbé V: von dem ich nun ein Schreiben vom 17t hier erhielt; darin heißt es unter anderem: Ich wiederhole itzt im Drang der Geschäfte nur die paar Worte, daß es mich sehr freuen würde, Sie bei mir zu haben, und meine Orglbau- und Spielkunde ihnen mitzutheilen. Wenn Sie, wie sie melden, auch etwas zu ihrer Unterstützung beitragen könnten, so würde es mir in gewißer Hinsicht; angenehm seyn. Ich muß aber schließen, denn ich laße eine sehr große Orgl für die große Hofkirche bauen, und die Transportpferde warten wirklich meiner. In 8 Täg reiße ich nach Darmstadt, von da aus kann unsere Korrespondenz weiter angeknüpft werden, In jedem Fall reißen sie mit ihrem Freund Mörz auf die Frankfurter Meße, und nach Darmstadt zu ihm etc.

Vorgestern Abends kam ich hier an. bis auf den Brenner gieng ich zu Fuß mit meiner /: vermuthlichen :/ Stainergeige unter dem Arm, und meinem ordinairen Wanderstab in der Hand. Da fand ich einen alten ami mit einem Schlitten und einem hübschen jungen Mädchen. Die schöne Gelegenheit wurde benützt, und mit gefahren. Weil aber nicht weit im gefrorenen Weg in einer engen Passage umgeworfen hatte, so schlurfte das lame Pferd und w... noch kümmerlich vorbei, und wir mußten den Schlitten über die Schneewände von 4 Bauern tragen laßen. Die Schneemaße ist außerordentlich. Auf dem ganzen Brenner fährt man zwischen mehr als ein Stock hohen Schneespallieren. Es ist aber eine wahre Pracht, aber eine gefährliche bei Tauwetter. Die Kälte fand ich in Störzing und auf dem Brenner nicht so stark wie hier, und hier nicht so stark wie in Prag. Gleich bei meiner Ankunft warteten 4 Mittagseinladungen auf mich, bei G: Ta...berg, G: Taxis, Gräfin S...theim, und ... T... die eine ... hat. Gestern musicirten wir den ganzen Nachmittag bey ersteren. Auf V: Brief ersehen Euer Exzellenz, daß es mir meiner ...erung nicht sehr preßirte,und da dieß eine für mich wohlfeile Gelegenheit ist, wobei ich zugleich alle meine Bagage mitbringen kann, so will ich, wenn Sie es für gut befinden, bis dahin abwarten; mein Aufenthalt kostet mich hier wenig, und die nothwendigen Auslagen hoffe ich durch einen musikalischen Compositionsplan*, den mir Falk* ausführen helfen wird, zu bestreitten. Ich bin gerne hier, und werde überall sehr gerne gesehen, und hoffe die Zeit nützlich zuzubringen. Wäre nur Prag näher!! – Nach Salzburg schrieb ich meiner lieben G: Pepi mit ... bey Brixen und Trient, Störzing hatte kürzlich mehrere Tage 2200 Franzosen zu verpflegen, ein Städchen von 177 Häußern; Klausen 1600 und Brixen bei 2000. ... sind sie mit der ganzen Division B...ßire abmarschirt, und wie es heißt, nach Schanz. Unser Loos ist noch unbeschieden, und hier die Einquartirung die nemliche. Falk mußte auch öfters 4 – 8 Soldaten verpflegen; seit langer Zeit hat er aber nur einen; er ...tet seine schönsten Empfehlungen und wünscht nichts so sehnlich, als die liebe gute Herrschaft wieder einmal zu sehen. wie oft und viel wird ... geplaudert! – An mein theures ...st: Hauß meinen herzlichsten Gruß; F: und seiner Frau viel Schönes, ...to G: Dä... und C: Minna;

Sempre sarò costante Hans.

Apparat

Incipit

Meine Freude über den jedesmaligen Empfang Ihrer Briefe

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Innsbruck (A), Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Musiksammlung (A-Imf)
    Signatur: F 1

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)

    Einzelstellenerläuterung

    • „… dem Papier zusamm en zutreffen“ Diese Form des „f“ wurde in allen Briefen in „ff“ aufgelöst – sollte sich herausstellen, daß es sich doch nicht um ein Kürzel für den Doppelbuchstaben handelt, müßten alle „ff“ zu „f“ korrigiert werden. Im folgenden ist dafür auch keine Korrekturkennung eingesetzt!
    • „… vom 8 t und 10t“Oder heißt es: vom 8t 10br?
    • „… hier ein. Meine gute Mutter“Maria Elisabeth, geb. Mayr (1741–1815).
    • „… [?] meinem Freund, den Niederwinzer“Evtl. Joseph Andreas Niederwieser (1776–1855), Sohn des Johann „Umgeldeinlanger“, u.a. Steuerbeamter in Brixen, ältester Freund Gänsbachers (vgl. Denkwürdigkeiten, S. 138 Anm. 268.
    • „… die bekannte Apasion mit Lefebre“François Joseph Lefebvre (1755–1820), Marschall von Frankreich, als Befehlshaber des bayerischen Heeres versuchte er 1809 den Aufstand in Tirol zu unterdrücken (vgl. Denkwürdigkeiten, S. 136 Anm. 221).
    • „… ich durch einen musikalischen Compositionsplan“Oder: einige musikalische Compositionspläne?
    • „… Compositionsplan , den mir Falk“Pianist und Pfarrorganist Abbé Joseph Benedikt Falk (1757–1828) in Innsbruck, Freund und Gönner Gänsbachers (vgl. Denkwürdigkeiten, S. 131 Anm. 144).

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