Johann Gänsbacher an Maria Anna Gräfin Firmian
Darmstadt, Mittwoch, 18. April 1810

Meinen Brief von Augsburg werden Eure Exzellenz noch zu Prag erhalten haben. Abends unsrer Abreise von da wurden wir von einem heftigen Donnerwetter überfallen, und eingeweicht. Den 8t hörten wir zu Donauwerth Meße; nicht weit von da sah ich noch zum letztenmale die Tyroler Gränzgebürge, ungefähr in einer Strecke von 45 Stunden; es war auch das letzte majestätische Specktakl, und lebewohl; das zu flache Schwabenland behagte mir gar nicht; die Menschen fand ich aber durchgehend sehr gutmüthig und zuvorkommend; die Neuburg:[er] sind ganz von unsrer Parthie, und halten die Gesinnung für das, was sie ist, und zu seyn verdient; unsere Reiße gieng dann über Haarburg, Medingen, Nördlingen, Dünklspiel*, Bergbrunn*, Kreilsheim, Bretefeld*, Rie[d]bach, Herbsthaußen nach Mergentheim, wo wir den 10t Abends eintrafen. Dise Stadt mit <...> ihrer schönen bergichten Lage und dem bey 4 Stunden langen Thale, gefiel mir sehr; es ist im großen ausgeführt ungefähr das was mein liebes, Dürrnbach bey Caaden im kleinen vorstellt; auf dem Gebürge wächst der sogenannte Tauben Wein. Der König von Würtemberg ließ gerade einige Tage zuvor das schöne Schloß ganz ausbrenen; kein Nagl an der Wand, nicht einmal der Boden blieb verschont. hier war es auch wo voriges Jahr eine Insurection ausbrach, die aber in 3 Stunden ganz gedämpft wurde; so war ganz Deutschland vorbereitet. Am 11t reißten wir weiter über Königshofen, Bischofsheim, Steinbach Tiefenthal Eichenbühl Milde[n]berg, wo wir zum erstenmale den sanften Main sahen, <...> Ober[n]burg, Stockstadt nach Seligenstadt, am 12t. Auf dieser Tour fand ich die erste Schloßruine Klingenberg, wo auch ein herrlicher Tropfen Wein wächst, und das schöne wohl conservirte Schloß Löwenstein Wertheim. Den 13. reißten wir in einem grundlosen Weg über Ofenbach nach Frankfurth. Ofenbach ist das niedlichste Städtchen, was ich noch sah; von da bis Frank:, eine Stunde weit, fährt man fast durchaus durch lauter Gärten, die der Wohlstand der Frankfurther anlegte; nur Schade, daß noch fast nichts grün war; auch fängt da die Chausée an, die uns auf die vorausgegangenen Wege sehr wohl that, wo wir oft Vorspann nehmen mußten, um nicht stecken zu bleiben. Am nämlichen Abend unsrer Ankunft gaben die in der Akademie angestellten Tonkünstler zu ihrem Besten ein Concert; der entrée kostete einen kleinen Thaler /: 1 st? 21 ? :/ Ich fand das Orchester sehr brav, präcis, und beßer als in Leipzig, nur gefiel mir die Wahl der Stücke nicht bis auf das Lied von der Glocke, von A: Romberg für das ganze Orchester mit Chören in Musik gesetzt; ein schönes, gut ausgeführtes und durchdachtes Werk, fast im Haydnschen Stil verfaßt; ich wünschte es nochmal zu hören, um ein Detail liefern zu können; dabey sang eine Altistin, wie ich noch keine so schöne Altstimme hörte; die übrigen Sänger tretten sehr in die Mittelmäßigkeit. am 14t nach Mittag fuhr ich mit einer Gelegenheit hieher; V: empfieng mich sehr freundschaftlich, und freute sich meiner Ankunft. Am andern Tag hielt ich meine Unterredung mit ihm, die den Zweck meiner Reise, und meines hiesigen Aufenthalts, nebst der Art deßelben enthielt.

Die Kösten der Reise habe ich mit Mörz gemeinschaftlich getheilt.

Ich habe die Sache so eingeleitet, daß nicht ich zu V: Absicht, aber wohl V: zu meiner Absicht verrenkt wird; diese war ein Studium des Orglbaues, und seines Orglspiels, denn dafür bin ich schon zu alt; sondern Studium des reinsten 4stimmigen Satzes, und seiner eigenen harmonischen Verwebungen; worinne er beiderseits eigen ist; daby werden alle seine Compositionen durchstudirt, nicht etwa um ihn nachzuahmen, sondern seine Denkweiße und Erfahrungen nach meiner eigenen Einsicht und Talent zu verarbeiten. Ich hatte freilich mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, daß ich mein und nicht V: sein Projeckt durchsetze; allein man muß sich manches gefallen laßen, um frey handeln zu können. Ich wohne und speiße bey einer alten Wachtmeisters Witwe. Von Frühstük und Wein bin ich dispensirt, befinde mich aber doch sehr wohl dabey. Darmstadt /: auch Armstadt :/ soll nicht das beste Klima haben, indem es von allen Seiten zu ofen, zu flach liegt, und Mangel an fließendem und stehendem Waßer hat, erst 3 Stunden von hier fließt der Rhein; da Manheim nur 12 Stunden und Maynz 8 Stunden von hier liegt, so werde ich gelegenheitlich davon zu profitiren suchen. Außer den 2 Hofgärten ist hier wenig rares zu sehen; mein Aufenthalt ist ganz Euterpen geweiht; sobald mich diese Muse hier absolvirt hat, trette ich wieder meine Wanderung an, und zi[ehe]* über Würzburg und Eger nach – Sie glauben wohl gar nach Böhmen <nach> zu einem gewißen Graf Firmian im Sautzerkreiß? – Wir werden wenigstens versuchen, ob man dem KomponirersGesellen da Eintrit gestattet – Wie dieses alles ausgeführt wird, laße ich wieder die guten Götter sorgen, die mir nicht unhold zu seyn scheinen; übrigens fühle ich mich hier sehr allein. Uebermorgen wird hier das berühmte Oratorium von Graun "der Tod Jesu" aufgeführt; der Großherzog dirigirt immer selbst bey den Proben. V: hat erst kürzlich wieder einen Schüller aus Berlin erhalten, einen vortrefflichen Klavierspieler Namens Peer; auch mein ehemaliger Condiscipl bey V: H: v. Weber wird nächstens hier eintreffen. Künftigen Samstag gehe ich nach Frankfurth, um ein paar Tage mit Mörz zu seyn. Dort treffe* ich in der Musikhandlung Gayl et Hedler einige meiner jüngsten Compositionen von Leipzig an, nemlich die Var: a 4 mains, Wiedersehn und die 6 Arietten mit Guitarre, ersteres Eurer Exzellenz, und letztere der Comtesse dedicirt; ich hoffe, Sie haben es erhalten; meinem lieben Freund Karl sind die 2 Sonaten für Violin et Guit. dedicirt. Nun ist wohl das ganze Bandl in S: beysammen? wann werd ich doch einmal S: sehen? ich freute mich schon so lange darauf; unausgeführt bleibt diese schöne Idee gewiß nicht; ich werde <...> deßfalls wieder einen Wink der Götter abwarten. dieß wird auch ein Wiedersehen gewesen seyn?

Meine harmonische Empfehlung. Gruß et Kuß und Respekt /: cuique h..m: :/ bitte ich nicht zu vergeßen von dem alten treuen Hans. Bey meiner Rückkunft erhalten Eure Exzellenz ein Andenken von Tyrol, deßen sich wenige zu erfreuen haben. ich hoffe vieles von Salzburg zu hören und zu lesen; hier habe ich ohnediß außer der Harmonie keinen wahrhaft theilnehmenden und mitheilenden Freund. Wie sich wohl mein alte Mutter* benehmen mag; der Himmel wird sorgen, daß die Absicht nicht verfehlt ist. addio der alte Hans.

Apparat

Zusammenfassung

Incipit

Meinen Brief von Augsburg werden Eure Exzellenz noch zu Prag

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Innsbruck (A), Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Musiksammlung (A-Imf)
Signatur: F 2

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… Medingen , Nördlingen , Dünklspiel": Dinkelsbühl
    • "… , Dünklspiel Dinkelsbühl , Bergbrunn": Bergbronn
    • "… Bergbronn , Kreilsheim , Bretefeld": Brettenfeld
    • "… Wanderung an, und zi ehe": Textverlust
    • "… Mörz zu seyn. Dort treffe": unklar, oder: traf?
    • "… sich wohl mein alte Mutter": Maria Elisabeth, geb. Mayr (1741–1815)

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