Johann Gänsbacher an Karl Maria Graf und Maria Anna Gräfin von Firmian
Wien, Donnerstag, 30. Januar 1812

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Parentes carissimi!

Obschon es so viele Hipothesen gibt, deren Auflösung wir erst in der andern Welt erfahren werden, so sind doch alle Gelehrten damit einverstanden, daß man beim Anfang anfangen muß. Allein ich, bekannt als WiderspruchsGeist behaupte dießmal wieder das Gegentheil und fange nicht beim Anfange, das ist mit der Reisebeschreibung, sondern in der Mitte an, das ist beim Centrum meines Projeckts an, worum sich meine Reise, wie der Bart als die Perücke des neuen Planeten um ihren Mittelpunkt, dräht. Allso, ohne Perücke zu sprechen, diesen Augenblik komme ich von der Unterredung mit dem Fürsten zurück. Er war sehr gütig, nahm meinen Vortrag, den ich früher wie ein Schulknabe auswendig lernte, sehr zufrieden auf, versicherte, daß er künftige Woche nach Eisenstadt fahren würde, daß es ihm lieb sey, wenn ich selbst dirigirte, und einige Tage dort verbleiben wollte, daß er Litaneyen sehr benöthige, fand aber den Termin meines ganzen Aufenthalts von 14 Tägen sehr kurz, sagte, daß ich früher nach Eißenstadt als er kommen möchte, um die gehörigen Proben zu halten, behielt sich aber vor den Tag vor meiner Abreise erst morgen zu bestimmen, zu deßen Ende ich meine Addreße zurüklaßen mußte; ich sagte ihm Vieles über die Vortrefflichkeit seiner Fugetten, über mein freudiges Vorgefühl, selbe wieder genießen, und meine Composition aufführen zu können, die ich in allen 10 Welttheilen nicht so gut hören würde, und schloß mit der Versicherung, bloß wegen diesem Genuß die Reise selbst unternohmen zu haben. Somit wäre ich bis zur völligen Ausführung beruhigt, und glaube auch meinen theuren Eltern eine angenehme Nachricht ertheilt zu haben, der ich schon seit 2 Tagen mit gespannter Ungeduld entgegen sah.

Vorgestern Dienstags, nachdem meine Mutter ihr Morgengebeth verrichtet, und der Papa seine Toilette vollendet, und den Befehl zum Frühstük die schöne Pepi ertheilt hatte, fuhr ich von Kälte erstarrt wie ein ungewäßerter Stockfisch, über die Schlagbrücke und hieß das geliebte Wien willkommen.

Im Conduiteur be[…] wir durch gutes Tracktament, und die Postillons durch gutes Trinkgeld die Reise nach Möglichkeit zu beschleinigen. Die Wege waren so schlimm nicht; nur von Zwikau bis Deutschbrod, und hin und wieder st[…]weiß gieng es etwas zäh; von Hallabrunn bis Malöh[…] war es am gefährlichsten; der Wagen sank zweimal, fiel aber nicht gänzlich, unsere mächtigen Schultern brachten die paar tausend L[…]ten bald wieder ins Geleise. Zum Glück hatten wir keinen Wind, aber stark war die Kälte der zwey letzten Nächte, wo wir uns immer nur nach den Stätten sehnten, um ein bischen aufzuthauen. Meine Brust nahm von allem dem keine Notitz, alles Reitzen und Husten verlohr sich, Reisen und Luftveränderung ist ihr zuträglicher, als eine Schmierball Grumpr[…]lth[…]e, indeßen wird es doch aus Oekonomie zum Frühstück genohmen, aber auch ein Tröpfl Oesterreicher als Patriot nicht verschmäht. Das ist unbegreiflich,! höre ich Papa ausrufen; Thee und Wein, wie räumt sich das? ich sage, cuique […], der Brust gehört der Thee, dem Tyroler a Weinl, und somit patroni!

Mein erstes Geschäft war also, […]ch und Fach zu finden; Ich wurde von den Junghschen sehr herzlich aufgenohmen, die mitgebrachten Präsente erfreuten sie nicht weniger, leid that es mir nur, daß ich die […] Herschaft […]ben mußte; die Gräfin war so gütig für das Poch mir ein Schlafkämmerlein auf J: Recommand […] anzuweisen. Uebrigens herrscht bey Dr J: Familie große Noth, und ohne die Gräfin und die Tant wär sie sehr zu bedauern.

Den zweyten Gang machte ich zu Nannette […], wegen Esterh: zu spioniren, und erfuhr, das seine Lage sehr schwindlicht stehe, und ebenfalls auf Einschränkung gedacht wird. beim dritten Gang ließ ich mich beim fürstl: Poeten zur Musik aufschreiben; gestern früh wurde mir bedeutet, daß der Fürst wegen einem schrecklichen Katarrh noch für diesen Tag nicht sprechen könne, und wurde auf heute beschieden; au weh! dachte ich; die großen Herrn sind oft wie die H: Doctores, mit der einzigen Umkehrung, nämlich diese bürden einem andern oft eine Krankheit auf, um sich etwas zu verdienen, jene dichten sich eine Krankheit an, um andern ihr Verdienst zu erschweren. Ich gestehe, ich wurde für meinen Plan schon etwas ängstlich, und hatte wenig Lust, viele Musik zu machen!

Der vierte Gang war zu Paradis, die sich sehr freute mich zu sehen; sie bedauerte sehr unsers Falks* Tod; hoho! rief ich, der ist wieder erstanden, man glaubte allgemein, der Schlag hätte ihn ganz erschlagen; Baroni ist hier, sah ihn aber nicht. Nachmittag besuchte ich Treitschke in seinem alten Quartier; er befand sich noch bei Tisch mit seiner Frau, und nebenbei lag ein Herr im Bette; Tr: kam mir gleich entgegen, mich zu bewillkommnen, und sieh da, er war es nicht, sondern lag leider im Bette, den ich anfangs nicht erkannte; er richtete sich gleich auf, reichte mir die Hand, die ich herzlich drückte und bedauerte sehr, ihn so zu finden, plötzlich fand ich eine große Nase auf seinem Gesicht, die von der des Tr: sehr abstach, und sieh dah, auch dieser hatte sich verwandelt, kurz ich stand höchst verlegen vor ganz fremden Menschen; der erste, der mir entgegen kam, war entweder Vulcani oder Vigani, die zwey […] wohl auch zu den Fußkünstlern gehören. Nach dieser Scene allgemeiner Verwunderung erfuhr ich endlich, daß Tr: auf der Wieden im Theater logire, und daß die Derection führe.

Ich machte daher rechts um, und gradaus auf die Wieden. Gewöhnliche Complimente etc. Mit meinem Operett ist auf keinem Theater was zu machen, also werd ich mein Heil in Mannheim versuchen. Seine Frau tanzt in Italien, gegenwärtig in Venedig, früher in Mailand, wo sie von dem Vicekönig ein Geschenk von einer prächtigen […], mit einem brilliantenen Krantz und von der Königin brilliantene Ohrengehänge erhielt, zugleich wurde ise mit einem neuen ganz eingerichteten Reisewagen und einem eigenen Bedienten regalirt, der sie bis Venedig begleiten mußte. In 4 Wochen kömt sie wieder hieher. Tr: hatte von der Esterhaz: Kapelle bereits mehrere sehr brave Subjeckte für sein Theater engagirt, und wird leider diese fürstliche Kapelle nach und nachbei der ohne dieß sehr bedenklichen Lage des Fürsten herabkommen. Abends sah ich die Oper Fingallo e Comala* von Pavesi; Veluti, die junge Anna Maria Sessi, Radicli, Saal, Mel: Kiki /: könnte eben so schön Koko wie der Paperl* von der Gr: Nostitz, oder Kuku, oder gar Kaka heißen :/ Verri, und Anders sangen. Veluti überraschte mich – gar nicht, weder seine Stimme, noch seine Manier, woran ich gar nichts neues fand, die sehr abgedroschen ist, und bloß deßwegen die Hände des Publikums zu rühren schien, weil er sie mit einem unglaublichen ef[…]or[…]e einem an den Hals zu werfen versteht. Sein Spiel und seine Stellungen sind beide sehr ungehobelt; fast plump; dieß geharnischte Weib […]hte auch bald selbst ein Ha[…]uch. Sessis Stimme hat einen großen Umfang, und viel Luft, doch fehlt ihr die Rundung, und Biegsamkeit; und […]th im Vortrage; bei ihrer Jugend läßt sich aber mit der Zeit großes erwarten. Radiclis Stimme fand ich stärker; mehr animirt, übrigens ziemlich […]al[…] Die Composit: ist ein ächt ilaienischer Schlendrian, wovon mir nichts als ein Duett von Veluti und Sessi mit schöner Einheit vorgetragen gefiel. Das Hauß war ziemlich besetzt, aber unmenschlich kalt. Nach der letzten Scene des Veluti eilte ich zu Hauß, um mich an Leib und Seele zu wärmen. Ich machte […] carissimi, ein herzliches m[…]ito in Ihre L[…]ge, worin Sie sich wahrschenilich bestimmt, und gewiß beßer unterhielt; mit einiger Wehmuth sah ich manchmal links auf die gesperrten Sitze, wo wir zusammen in herrlicher Harmonie die Vestalin verschlangen.

Der gestrige Tag war mir vorzüglich intreßant, wiel ich meinen lieben Freund und Landsmann Giovanelli*, den ich hier gar nicht mehr vermuthet, fand von ungefähr auf dem Graben begegenete, auch H v. Röggla*, einem […]Landsmann, dem auch die […] den Abschied gaben, weil er für sie gut; und rechtlich war, besuchte. Abends führte mich Giovanelli zum Hof[…] Müller seinem Schwager in die Gesellschaft, wo ganz hübsch musicirt wurde, ich auch aufgefordert einige Canzonetten sang. Es gefiel mir ganz gut; doch nahm ich nicht so ganz freien Antheil, weil mir der heutige Besuch zum Fürsten sehr am Herzen lag. Die Mad: Speilmann und Mad: […]l, Schwestern […] befanden sich gleichfalls da, deto General […] etc: bei der nächsten Gesellschaft soll ich mit einer Comtesse ein Duett singen, wills Gott aber traktire ich da in Eißenstadt, und wenn der himmel günstig ist, freue ich mich wieder […] an der Seite meiner lieben hochverehrten Eltern die erste Woche nach dem […] zu seyn. Wien ist zwar die […], doch nur mit Ihnen; überall vermiße ich was; natürliche Anhänglichkeit, innige durch die Gegenwart immer belebte Theilnahme, und jahrelange Gewohnheit hat Sie unentbehrlich gemacht, und ich kann den Gedanken kaum faßen, wenn ich mich einstens, wirklich ganz von meinen Lieben Alten diesem Herzen guten Menschen trennen müßte.

Apparat

Zusammenfassung

hat mit Esterhazy wegen des Aufenthalts in Eisenstadt gesprochen u. hofft dort seine Komp. aufzuführen; Bericht über die Ankunft in Wien u. seine ersten Besuche, u.a. bei der Paradis u. Treitschke; über Opernbesuche u. Besuch bei einem Landsmann

Incipit

Obschon es so viele Hipothesen gibt, deren Auflösung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Innsbruck (A), Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Musiksammlung (A-Imf)
    Signatur: Nachlass Gänsbacher F 6

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (8 b.S. o.Adr.)

Textkonstitution

  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „Reitzen“Unsichere Lesung.
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „Junghschen“Unsichere Lesung.
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „Poch“Unsichere Lesung.
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „Einschränkung“Unsichere Lesung.
  • „aufschreiben“Unsichere Lesung.
  • Unleserliche Stelle
  • „daß“Unsichere Lesung.
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „fand“durchgestrichen.
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • Unleserliche Stelle
  • „Menschen“Unsichere Lesung.

Einzelstellenerläuterung

  • J:Abk. von „Junghs“.
  • „… sie bedauerte sehr unsers Falks“vgl. Gänsbachers Brief an die Gräfin Firmian (Jan. 1810).
  • „… die Oper Fingallo e Comala“Das Dramma Serio per Musica in due Atti „Fingallo e Comala“ wurde in Wien zum ersten Mal am 28. Januar 1812 gegeben (Wiederholung am 29. Januar und 4. Februar). Neben Radicchi (Morval), Velluti (Fingallo) und Sessi-Neumann (Comala) wirkten Ignaz Saal als Sarno, Katharina Kiker als Morna, August Anders als Idarto und Lodovico Verri als Lamor mit; vgl. Michael Jahn, Die Wiener Hofoper von 1810 bis 1836. Das Kärtnerthortheater als Hofoper, Wien 2007, S. 273.
  • „… schön Koko wie der Paperl“Wienerisch für: Papagei.
  • „… lieben Freund und Landsmann Giovanelli“Joseph Frh. von Giovanelli zu Gerstburg und Hörtenberg (1784–1845), Jurist und Politiker, 1810–1814 in Wien, später in Bozen, 1816 Mitglied des Ständischen Kongresses in Innsbruck (vgl. Denkwürdigkeiten, S. 168 Anm. 943).
  • „… begegenete, auch H v. Röggla“Gottfried Röggla (Reggla), 1798–1836, musikalischer Dilettant (Bass), Buchhalter einer Großhandlung in Wien, Auftritte in den Veranstaltungen der Gesellschaft der Musikfreunde (vgl. Denkwürdigkeiten, S. 156 Anm. 672).

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