Friedrich Wilhelm Jähns an Ernst Pasqué in Darmstadt
Berlin, Sonntag, 16. Oktober 1864

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Mein sehr geehrter Herr und Freund.

Erlauben Sie mir diese letztere Anrede nach dem „Herr“ zu gebrauchen! Es drängt innigst dazu! Sie bezeigen mir eine solche Theilnahme an meinen Bestrebungen und dies mit einer solchen Aufopferung an Zeit, in einer so höchst wirksamen und nach so vielen Seiten sich richtenden Weise, daß Sie mir schon erlauben müssen, das gute Wort „Freund“ dem „Herren“ in Zukunft zufügen zu dürfen. Solche Unterstützung ist eine seltene und selbst unter „Freunden“ nicht gar oft vorkommende, wenngleich mir es die größte Freude macht, bei solchen Arbeiten helfend beizuspringen. Hoffentlich wird mir einmal, auch Ihnen gegenüber Gelegenheit, dies zu bethätigen, wenigstens erwünsche ich dies herzlich. - Leider hab’ ich ein Beispiel, wie Freunde einen | weniger aufopfernd unterstützen als Sie, in neuester Zeit erfahren, da auf mein Bitte, um Eröffnung einer Quelle durch einen Brief an eine Persönlichkeit, kein Wort erfolgt ist. Da ist der Grund, weshalb ich wieder meine Zuflucht zu Ihnen nehme, da Sie zugleich mit der Angelegenheit in Verbindung stehen. Ihr reiches und treffliches Werk über Goethe’s Theaterleitung in Weimar bringt für mich eine hochwichtige Nachricht. Sie wirft nemlich ein scharfes Schlaglicht auf die in vollständiges Dunkel bisher versunkene Oper: „Das Waldmädchen“ von Weber. Wohl wüßte ich ihre Schicksale in Chemnitz u. andere Dinge über sie aus den Urquellen, den Chemnitzer Nachrichten, die auch Max v. W. in seinem Werke | benutzte. Ja sogar das älteste vorhandene Noten-Manuscript Webers ist ein Fragment aus einer Arie u. einem Terzett jener Oper; ich fand es bereits im Jahre 1833 im Weberschen Nachlaß, dessen ganzen Inhalt zu prüfen Frau v. W. mir damals gestattete u. den ich im Jahre 1836 ordnete. Das Manuskript ist eine Knabenhand, höchst wirr und vielfach mit Correcturen versehen. Die 3 das Terzett singenden Personen sind Mechthilde, Krips und Arbander. Krips u. Mechthilde ließen mich bei ersten Anblick auf einen Zusammenhang mit Silvana (u. dem Waldmädchen somit) schließen. Die Ächtheit des Manuscripts, die ich gleich Anfangs vermuthete, ist schon lange außer Zweifel gestzt, da Briefe aus jener Zeit zum Vorschein kamen, die genau jene Knaben-Handschrift wiederbringen. Die unbezweifelte Zugehörigkeit jenes ältesten Notenmanuscripts | zur Oper: das Waldmädchen ist freilich recht durch Ihre Mittheilungen in Göthes Theaterleitung festgestellt worden. Sie bringen jenen höchst wichtigen Theaterzettel mit den Namen: Mechthilde, Krips, Arbander und Hastor, welcher letztere Name im Text des Arienfragment vorkommt. Daß aber durch Ihre Mittheilungen an den Tag gekommen, daß der alte Weber den 1sten Act der Partitur des Waldmädchens am 21. Febr. 1801 nach Weimar an Kirms schickte, läßt die Hoffnung dämmern, daß dieser 1ste Act (und mit ihm vielleicht auch die Ouverture) der Vergessenheit von Weimar her entrissen werden könnte, obwohl der 2. Act wohl ganz aufgegeben werden muß.

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Meine neue Bitte an Sie, mein verehrter und hochgeschätzter Freund, geht nun dahin, daß Sie Ihre Güte so weit gegen mich ausdehnen möchten, mir vielleicht in Weimar eine Quelle zu bezeichnen, an die ich mich wegen Durchforschung des dortigen Theater-Archiv wenden könnte; d.h. eine solche Persönlichkeit, die vielleicht Kenntniß, Eifer und Einfluß genug hätte, diese Nachforschungen selber wahrnehmen zu können. Es würde der Sache ein hoher Dienst geleistet, dies Waldmädchen-Stück aufzufinden. Nach den gedruckten Fughetten, dem eigentlichen op. 1 Webers ist dies das älteste Webers, das noch vorhanden sein kann, weil alles frühere (Trios, Sonaten, Variationen, Lieder pp.) verbrannte.

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Werden Sie mir nicht böse, wegen meiner vielen Plagen, die ich über Sie verhänge; da meine Schritte, die ich an eine andere Person in dieser Sache gethan ganz ignorirt sind, so habe ich keinen anderen Weg einzuschlagen. Gebe Gott, daß ich nicht zu spät komme!- - -

Ihre Zusendung der Silvana hat mich sehr beglückt, denn mit ihr ist die alte Arie gefunden, von der nicht die geringste Spur mehr vorhanden war. Die Arie ist sehr interessant dabei, hat aber noch ein Problem gelöst. -

Weber hat in seinem op 10 u. seinem op. 33 ein Thema variiert, in ersterem für Clavier u. Violine, in | dem zweiten für Clavier u. Clarinette, das er selbst bezeichnet als: „Tema dell’opero: Silvana.“ Dies Thema fand sich in der ganzen gedruckten Silvana nicht, eben so nicht im Autograph. In dem Frankfurter Partitur-Exemplar hat es sich, mit Jubel von meiner Seite aufgefunden, - Muß ich nicht mit dem wärmsten Danke gegen Sie erfüllt sein, der mir die Hand bot, dieses neue wichtige Resultat zu haben und haben Sie es nicht unternommen, mir bei der Canons-Angelegenheit ein eben so treuer Helfer zu sein? - Also immer neuer und wärmster Dank ist es, den ich Ihnen schulde und der unvergessen bleibt. -

Jetzt aber will ich Sie nicht länger quälen. Ich drücke Ihnen von Herzen die Hand als Ihr
treu u. dankbar ergebenster F.W.Jähns.

Apparat

Zusammenfassung

bittet um Vermittlung einer Persönlichkeit in Weimar, an die er sich wegen eines noch dort vermuteten Autographs zum Waldmädchen wenden könnte. Dankt für Übersendung der Silvana, hat festgestellt, dass nicht nur die originale Arie Nr. 10 sich darin befindet, sondern dass die Silvana-Variationen nach einem Thema daraus geschöpft worden seien (vgl. Jähns (Werke), S. 121 u. 152)

Incipit

Erlauben Sie mir diese letztere Anrede

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Darmstadt (D), Universitäts- und Landesbibliothek, Musikabteilung (D-DS)
    Signatur: NL Pasqué 169,8 Br. / Jähns, F. W. 9

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (7 b. S. o. Adr.)

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