Giacomo Meyerbeer an Amalie Beer in Berlin
München, Samstag, 22. August 1812

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Liebe Mutter! Aus meinem letzten Briefe an Vater wirst Du ersehen haben warum ich nicht schon vor 8 Tagen Dir für Deinen freundlichen Brief zu meinem Geburtstage danken konnte. Ich thue es nun heute, und desto herzlicher, da ich es fühle wie schwer es dir werden mußte mir Worte der Freude und der Hoffnung in einer Zeit zuzurufen, wo Schmerz und Hoffnungslosigkeit sich Deiner bemächtiget haben. – Gewiß, ich erkenne Deine zarte Schonung und Liebe, Dir die Erleichterung zu versagen, welche Mittheilung des Schmerzes gewährt, um mich nicht mit der Fülle desselben bekannt zu machen. Allein aus Deinen Briefen an den Herrn Professor weiß ich wie sehr Dein armes Herz blutet, und meines tiefes Bedauern über das Leiden des armen guten Großvaters, wird durch den Gedanken an den Eindruck vermehrt, den sie auf Dich hervorbringen müssen; auf Dich, deren weich reitzbares Gemüth und hohe Kindesliebe, verbunden mit dem steten Anschauen des Leidens, den Stahl Stachel des Schmerzes zum Wiederhaken schärfen müssen – Gewiß, ich theile (wenn auch nicht in so hohem Grade wie Du, doch gewiß recht schmerzlich tief und innig) Deinen Gram um diese unglückliche Krank[…] Krankheit; fern sei es daher von mir den gerechten Ausbrüchen Deines Kummer’s den schwachen Damm der Trostgründe entgegensetzen zu wollen; allein erlaube mir zu bemerken, daß Deine Gesundheit zwar Gottlob seit einiger Zeit wieder hergestellt, aber noch nicht durch die Länge der Zeit sancionirt ist, und daß um sie zu erhalten, Du sie schonen mußt. Wie wichtig aber, wie unentbehrlich ist sie für uns zu erhalten, damit Du uns Deine Liebe, deren wohlthätige Kraft sich heilsam über unsren ganzen Lebensweg verbreitet, noch lange schenken kannst Sollte dieser Gedanke, und die noch übrig bleibende Hoffnung nicht mit Recht Deinen Schmerz ein wenig mäßigen können? Denn Großvaters Natur ist bekanntlich kräftig. Diese Hoffnung läßt mich ahnden, daß alles noch gut werden wird. Du weißt wie gefährlich der Anfall war, den er vor 4 Jahren hatte, und er überwand ihn. Mit Gottes Hülfe wird er ihn auch diesesmal überwinden. –

Vorigen Posttag kam mit der fahrenden Post die Börse welche Du mir zu meinem Geburtstag bestimmtest. Sie hat mir unendliche Freude gewährt. Die Idee ihrer Constructur ist so zart und sinnig, daß man sie ehr von einem Mädchen an ihren Geliebten, als von einer Mutter an ihren Sohn wähnen sollte. Wäre sie nicht so schmeichelhaft für mich, so würde ich mich noch weit mehr zu ihrem Lobe verbreiten. Sie erregt übrigens in München allgemeine Bewunderung, und da ich jedem der sie sieht immer gleich nachher Dein Portrait zeige, so wirst Du so bekannt hier, daß wenn Du einmal nach München kömmst, der Thorschreiber Deinen Namen ungefragt wissen wird. Noch einmal meinen herzlichen Dank dafür. Was aber die 30 Ldor betrifft die Du dem Geschenke noch zufügen wolltest, so erlaube daß ich sie refusiren darf. Geldgeschenke haben mir nur dann einen Werth wenn sie als Zeichen der Zufriedenheit gegeben werden. Daß dieses aber bei Dir gegen mich seit einigen Monaten gar (ungefähr seit der Zeit daß H. v. Weber in Berlin ist) nicht der Fall ist habe ich aus Deinen Briefen an mich und H. Professor, so aus mehreren andern Dingen Gelegenheit genug zu bemerken. Ich weiß daß in diesen traurigen Momenten der Zeitpunkt nicht ist zu untersuchen in wie fern Du Recht oder nicht dazu hattest, ja daß nicht einmal davon zu sprechen jetzt die Zeit ist, auch erwähne ich es nur um Dir den Grund meiner Weigerung mitzutheilen. Den lieben Vater danke her[r]zlich in meinem Namen für seinen Brief, und sage ihm daß ich ihn aus denselben Gründen bäte daß mir gütigst zugedachte Präsent zurück zu nehmen. Als ein Beweis eurer Zufriedenheit, würde es mir zu jeder andern Zeit sehr willkommen sein. –

Meine Dankbarkeit bleibt dieselbe als hätte ich es empfangen. Dein treuer Sohn
Meyerbeer

Du erhälst diesen Brief einen Tag vor seinem Abgang datirt denn ich gehe morgen auf 5 oder 6 Tage nach Salzburg, wo jetzt der ganze Hof ist. –

Apparat

Zusammenfassung

u.a.: nimmt ein Geldgeschenk von ihr nicht an, weil es nicht ein Zeichen der Zufriedenheit mit ihm sei, die seit einigen Monaten (ungefähr seit der Zeit, da H. v. Weber in Berlin ist) nicht der Fall sei

Incipit

Liebe Mutter! Aus meinem letzten Briefe an Vater

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N. Mus. Nachl. 97, A/34

    Quellenbeschreibung

    • 1 Dbl. (4 b. S.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 202–204

Textkonstitution

  • der„des“ überschrieben mit „der“.
  • Hoffnung„Trostes“ durchgestrichen und ersetzt mit „Hoffnung“.
  • „weich“durchgestrichen.
  • „Stahl“durchgestrichen.
  • „Krank[…]“durchgestrichen.
  • Sollte„Könn“ durchgestrichen und ersetzt mit „Sollte“.
  • „gar“Unsichere Lesung.

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