Carl Maria von Weber an Gottfried Weber in Mannheim
Darmstadt, Dienstag 10. April und Amorbach, Sonntag, 15. April 1810

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S: Wohlgebohren

dem Herrn G: Weber

Licentiat pp

zu

Mannheim.

Liebster Freund und Bruder!

Längst schon hätte ich dir geschrieben; wenn nicht zwey kleine Ursachen mich bis jezt davon abgehalten hätten. Erstens — wuste ich nichts zu schreiben, denn der ganze Stoff wäre auf das Thema — ich ennuyiere mich — reducirt gewesen, und 2t war ich zu verstimmt, und drittens sind mir, und ergo auch dir verstimmte Saiten und Briefe zuwieder. Damit du aber nicht etwa denkst daß ich auch zu der Raçe gehöre die „aus den Augen aus dem Sinn“ im Schilde als Motto führt, so greiffe ich nach einem langweiligen Gänsekiel, um dir in dem langweiligen Darmstadt langweilig zu erzählen — daß ich Langeweile habe.      Mit Fug und Recht könnte ich nun meinen Brief schließen, denn ich habe mein Thema rein erschöpft, aber ich denke zu gern an mein liebes Manheim, oder vielmehr an deßen liebe Bewohner, als daß ich nicht noch ein wenig mit dir kosen sollte., Vermög der mir angebohrnen Gott ähnlichen Faulheit erzähle ich dir meine hier erlebten ledernen Schiksale nicht, sondern bitte dich einen an Berger geschriebnen Brief durchzusehen, um daraus | meinen vergnügten Aufenthalt zu beneiden.      Mit Vogler habe ich sehr seelige Abende* verlebt, Er hat ein Requiem* für sich geschrieben, was alles übertrifft was ich bisher von Kontrapunktischen Künsten die zugleich Herz und Gefühl ansprechen, kenne.

Da ich in Darmstadt verhindert wurde meinen Brief zu vollenden, so schreibe ich hier noch ein Wörtchen dazu und laß ihn dann in Gottes Nahmen laufen. ich gebe heute hier Concert und bin sehr neugierig wie es ausfallen wird, Morgen gehe ich nach Amorbach zum Fürsten von Leinigen*, und von da über Frankfurt wieder nach Darmstadt wo ich den 30t ohnfehlbar Concert* gebe. Es wäre gar schön wenn du und Dusch und Berger dahin kommen könnten. sage Berger daß ich seine Briefe erhalten habe, und daß der eine mir geschikte von André war, der meine Variationen nach Stuttgart* geschikt hatt, und die jezt wahrscheinlich in Mannheim sind, er soll sie aufmachen und mir einige Exemplare nach Darmstadt bringen. Es gieng mir hier so konfus wie überall, Hatzfeld* ist nicht hier, drey bis 4 von denen an die ich Briefe hatte* sind krank, kurz es war eine Teufels Wirthschaft ehe ich das heutige Konzert zustande bringen konnte.      Ich hätte Berger gern geschrieben, aber ich stehle mir die Zeit vom edlen Eßen ab um diesen Wisch vollenden zu können, denn du kannst denken was ich die paar Tage zu rennen und | zu laufen hatte. alle Briefe an mich müßen wieder nach Darmstadt geschikt werden.

jezt leb wohl auf dem Tischtuch schreibt sichs nicht gut, und ein freundlicher Kalbsbraten winkt mir. ich muß seinem Lokken folgen und daher für jezt Adieu, behalte mich lieb, grüße dein liebes Weibchen herzlichst, /: Hertlings besonders auch ich bin den ganzen Tag bey den hiesigen :/ und bald hofft dich wieder zu sehen Dein dich innigst liebender Freund
und Bruder
Weber.

Apparat

Zusammenfassung

klagt über Langeweile in Darmstadt; berichtet über Zusammenkünfte mit Vogler; erwähnt Konzertpläne in Aschaffenburg und Amorbach

Incipit

Längst schon hätte ich Dir geschrieben, wenn nicht zwey kleine Ursachen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: New Haven (US), Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library (US-NHub), Frederick R. Koch Foundation

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • PSt: R 2 ASCHAFFENBURG
    • Siegel u. Siegeleinriss
    • am oberen Rand Bl. 1r Vermerk Gottfried Webers: „10 Apr 15“
    • mehrere redigierende Eintragungen, Korrekturen und Streichungen (von Gottfried Weber, für den ED)

    Provenienz

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Caecilia Bd. 15 (1833), S. 34–37
    • Bollert/Lemke 1972, S. 10
    • Worbs 1982, S. 25–26
    • tV: MMW I, S. 197–198 (nur Auszug)

Textkonstitution

  • „und“durchgestrichen
  • „„aus den Augen aus dem Sinn““das Motto steht in Gänsefüßchen; wahrscheinlich von fremder Hand
  • „ich“i von fremder Hand zu I geändert?
  • „grüße dein liebes Weibchen herzlichst,“ von fremder Hand durchgestrichen, durch Unterpunktierung wieder aufgehoben

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