Carl Maria von Weber an Friederike Türke in Berlin
Prag, Donnerstag, 11. März 1813

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An

Madame Friederike Türke.

Wohlgebohren.

Ihr lieben guten Türken!

Ich dächte ihr müßtet es dem Papier ansehen wie glühend roth ich im Gesicht vor Schaam bin, Eure lieben Briefe die ich d: 15 Xber 1812 in Gotha erhielt noch nicht beantwortet zu haben. Aber so geht es, wenig wollte ich nicht schreiben, zu vielem fand ich die Zeit nicht, und so wurde es noch weniger, nehmlich Nichts.      Zu meiner Entschuldigung muß ich aber doch anführen, daß ich erstlich, d: 20t Xber von Gotha abreiste, in Weimar 5 Tage war dann in Leipzig in dem Großen NeujahrsConcerte* spielte und meine neue Hymne aufführte, dann über Dresden hieher reiste, hier in einen solchen Strudel von Geschäften kam, daß ich mit Mühe und Noth jenen Baschkiren Brief schrieb, der als Antwort auf circa 20 Briefe anzusehen war, und von dem ich mit Gewißheit glaubte daß Sie sogleich auch seinen Inthalt erfahren würden. Nun habe ich es klüger gemacht, und Wollank dem ich heute auch schrieb, aufgetragen Ihnen vorzulesen was von meinem hiesigen Treiben in seinem Briefe steht, da ich unmöglich das langweilige Zeug wiederholen kann.      Diese Zeilen sind also ein wahrer bloser Bettelbrief um Nachsicht und Vergebung. Nein! liebe Freundin, das könnten Sie gewiß nicht glauben daß ich ihr Haus vergeßen hätte. ich glaube dazu haben sie doch den troknen Weber zu gut kennen gelernt, als daß Sie von ihm glauben könnten daß er eine Familie die ihn mit so herzlicher Freundschaft aufnahm und liebte, und denen Freund er auch seine Freundschaft in vollstem Maße widmete, so leicht vergeßen könnte, oder so leichtsinnig in Verschwendung seiner Freundschaft wäre.      Ich freue mich unendlich auf meine sogenannte Strafe, auf das Tagebuch*, und man möchte wirklich immer fort sündigen wenn man sicher wäre stets so bestraft zu werden.      Ja!, liebe Freunde es ist wahr, ich habe mich hier festhalten laßen, auf das dringende Verlangen der Stände und bin also nun wohlbestallter KapellMeister und Direktor der Oper der königl:-böhmischen-Ständischen Theater zu Prag.T Daß mich dieser Entschluß keine geringe Ueberwindung gekostet hat, können sie glauben, aber der Gedanke daß in dieser stürmischen Zeit mit dem Reisen wenig zu machen, und ich hier in einen Wirkungskreis trete der ganz mein Element ist, hat mich auf 3 Jahre bestimmt. Zudem ist ein 3 monatlicher Urlaub jährlich auch nicht zu verachten, und an Gelegenheit zum weiteren Studium und Arbeit fehlt es da nicht. Auch ist es etwas werth, regierender Herr der Oper zu sein. ich habe so viele Vollmacht, daß ich glaub ich hängen und rädern laßen kann, und ist das ist so recht für mein blutdürstiges Naturell. Bey der Abfütterung wo Riekchen das Quartett spielte hätte ich wohl sein mögen, gratulire von Herzen gutes Kindelchen. und auch die Variat. aus C:* gehn gut?, bravo. Nun sollte ich wohl wieder einmal kommen und nachsehen? nicht wahr? ja, dieses Jahr ists nichts. vielleicht übers Jahr, wie Gott will.      Möser hat also die Longhie geheirathet? na! das gönne ich ihm lieber als mir.      Riekelchen küße ich in Gedanken, und habe ich ihr auch bis jezt auf Ihren Brief der mir sehr viel Freude [machte nicht] geantwortet, so habe ich doch Ihrem Verlangen gemäß um die Zeit des Möserschen Concerts eine Anzahl Gebete für Sie zum Himmel geschikt. Sie soll auch Marianne und Mlle Kölbe aufs Beste von mir grüßen, sich aber vor allem.     Wie oft denke ich in dieser krausen Zeit an euch alle.      Seit dem Xbr habe ich nichts von der Koch gehört*. ich könnte ordentlich froh sein daß ich Stoff zum Zanken einmal habe, aber es ist mir gar nicht recht.

     An alle Bekannten, an den guten Baron Moser, an Schwarzens, an Kysting, Tolls ppp alles Erdenkliche. Euch aber mein lieber guter Türk Türkin und Kind bitte ich Eure Liebe zu erhalten, Euren gewiß ewig euch unveränderlich liebenden Freund
Weber.

Apparat

Zusammenfassung

hat Erlebnisbericht an Wollank geschickt; bittet um Nachsicht für Schreibfaulheit; teilt Prager Anstellung mit; Berliner Privates

Incipit

Ich dächte ihr müßtet es dem Papier ansehen wie glühend

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N. Mus. ep. 1531

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (1 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelspur und -loch
    • Vermerk am oberen Rand der Rectoseite von fremder Hand (Tinte): „Nro 3.“
    • Brief war einem Brief an Wollank beigeschlossen

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Hirschberg77, S. 50–51

Textkonstitution

  • „erstlich“durchgestrichen
  • „Inthalt“sic!
  • s„ß“ überschrieben mit „s
  • Sie„mir“ überschrieben mit „Sie
  • „Freund“durchgestrichen
  • „ist“durchgestrichen

Einzelstellenerläuterung

  • „Großen Neujahrs Concerte“Vgl. Brief Webers vom 20. Januar 1813 an die Berliner Freunde.
  • „… sogenannte Strafe, auf das Tagebuch“Möglicherweise benutzt Weber – wie häufiger in seinen Briefen – den Begriff Tagebuch hier für einen tageweise referierenden Bericht; die angedrohte „Strafe“ wären demnach sehr umfangreiche Briefe der Familie Türke.
  • „… auch die Variat. aus C:“Wohl eher die neu erschienenen Josephs-Variationen gemeint als jene über „Vien quà, Dorina bella“ oder gar die frühen op. 2.
  • „… nichts von der Koch gehört“Den letzten Brief von F. Koch hatte Weber am 28. Dezember 1812 erhalten.

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