Carl Maria von Weber an Familie Türke in Berlin
Prag, Donnerstag, 29. Juli 1813

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Liebes Türken Volk ! ! !

Den ersten nur einigermaßen freyen Augenblik ergreiffe ich um Euch zu sagen, daß ich lebe, ziemlich gesund bin, und Euch liebe wie immer und ewig. ich habe lange lange nichts von Berlin gehört. der erste Brief den ich mit großer Anstrengung nach meiner Krankheit schrieb war d: 19t Juni an Wollank den ich Beers mitgab. den 24t Juny erhielt ich Ihren lieben Brief gute Türkin, und seitdem keine Zeile mehr, was mich sehr beunruhigt. in Wollankes Brief war ich so ausführlich als meine Kräfte es zulaßen wollten und ich hoffe daß Er Ihnen alles erzählt hat. Seitdem ist ein Sturm von Geschäften über mich hereingebrochen wie ich ihn noch nie erlebt habe. Meine Krankheit hatte alles verzögert, alles angehäuft, und erst seit wenigen Wochen ist mir der ganz freye Gebrauch meiner Augen, Finger und Kopfes erlaubt. Lezterer beschäftigt sich zum Andenken an meine Krankheit noch immer mit einem fortwährenden Kopfwehe, und ich hätte eigentlich ein Baad brauchen sollen zur vollkommensten Herstellung, aber dieß ist unter den jezt obwaltenden Verhältnißen unmöglich.

Wenn Sie etwa glauben, daß ich als an einem Congress Ort lebender, Ihnen etwas Neues sagen kann, so irren Sie sich sehr. Wir alle sind in banger Erwartung der Dinge die da kommen werden. der Himmel schenk uns den Frieden so blüht mir doch die Hoffnung mein gutes Berlin in Jahr und Tag vielleicht wieder zu sehen. Selbst von mir kann ich Ihnen nichts Neues sagen, da ich den einen Tag wie den andern lebe und im Joche ochse. Daß Abu Hassan in Wien mit großem Beyfall gegeben ist*, werden Sie wohl wißen; und so viel ich höre, soll er ja auch in Berlin | jezt dran kommen; welches ich aber nicht eher glauben will als bis ich den Zettel gelesen habe, und dann kaum*. Neues componirt habe ich außer einigen Liedern nichts. was davon hier erscheint werde ich Ihnen zuschikken. Jordans aus Berlin sind hier. da Sie aber vor dem Thore wohnen, sehe ich sie höchstens alle 8 Tage einmal. wo dann sehr fleißig von den vergangenen Zeiten geschwazt wird. Robert wohnt mit mir in einem Hause, und auch Tiek ist hier. So jagt Mars die Dichter in unsere Stadt, in der es um kein Haar friedlicher aussieht als bey Ihnen. Künftigen Monat fangen meine Proben an, und wenn ein paar Monate vorbey sind hoffe ich mehr Ruhe und Zeit zu eignen Arbeiten zu gewinnen, da alsdann alles im Gange und gehörig organisirt ist. Es ist ein rechter Jammer daß alle Fächer schon besezt sind und ich Sie nicht als Gurli, und Riekchen nicht als Hekuba placiren kann.* aber Schwarz oder könnte ich eigentlich brauchen da mir ein erster Geiger fehlt. das höchste aber was wir geben könen sind – 800 ƒ. W: W: und dafür wird er wohl nicht seine Verhältniße und Familie pp verlaßen wollen. Sprechen Sie aber doch einmal mit ihm darüber, wenn er Lust hat, soll er mir umgehend schreiben. Grüßen Sie ihn auch recht schön dazu.

Mein liebes Riekchen hier haben Sie einen extra Gruß, damit Sie sich nicht beschweren können. Sein Sie hübsch fleißig damit ich recht erstaune wenn ich Sie einmal wieder höre. Meinen guten Justizmann umarme ich herzlichst. 1000 Grüße an alle die etwas von mir hören wollen. und von mir die Bitte mich nicht zu vergeßen und bald wieder zu schreiben. unveränderlich
Ihr Weber

Einlage bitte ich abzugeben. was macht Luge?
Schlesinger ist mir auch Antwort schuldig.

Apparat

Zusammenfassung

klagt über Kriegszeiten, Krankheit und Probleme an der Prager Oper; Engagements und Besetzungen betr.

Incipit

Den ersten nur einigermaßen freyen Augenblik ergreiffe

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N.Mus.ep.1533;

    Quellenbeschreibung

    • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)
    • Zusatz (von frd. Hand) am Briefkopf: Nro 5.

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Hirschberg77, S. 53–54

Textkonstitution

  • „sehr“durchgestrichen.
  • „oder“durchgestrichen.
  • das„aber“ überschrieben mit „das“.
  • beschwerenbeschwehren“ überschrieben mit „beschweren“.
  • „beschwehren“Unsichere Lesung.
  • Sie„s“ überschrieben mit „Sie“.

Einzelstellenerläuterung

  • „… mit großem Beyfall gegeben ist“Die Wiener Erstaufführung der Oper fand am 28. Mai 1813 statt; vgl. die Presseberichte.
  • „… gelesen habe, und dann kaum“Die Berliner Erstaufführung der Oper fand am 28. Juli 1813 statt; vgl. die Presseberichte.
  • „… nicht als Hekuba placiren kann.“Möglicherweise bezogen auf die Oper Hecuba von Granges Fontenelle, die in Berlin im Januar/Februar 1812 an den Königlichen Schauspielen aufgeführt wurde und bald darauf im Klavierauszug bei Schlesinger (VN: 28) erschienen war.

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