Carl Maria von Weber an Friederike Koch in Berlin(?)
Prag, Samstag, 19. Februar 1814

Meine theure liebe Freundin!

Noch immer ergreiffe ich mit einer gewißen heiligen Wehmuth die Feder wenn ich an Sie schreibe. der Gedanke an Sie und Flemming sind zu innig verschwistert in meiner Seele als daß ich sie trennen könnte, noch trennen wollte. die Anhänglichkeit an den Freund ist nun auch ganz auf Sie übergegangen, und spreche ich mit Ihnen, so ist mirs immer als müste er es auch hören. Unser Briefwechsel ist recht ins Stokken gerathen. Zeit und Umstände haben uns beyde gebeugt und mehr in uns zurükgescheucht als gut ist. Wenn auch Ihr Schmerz größer ist als ich das Recht habe den meinigen zu nennen, so bleibt Ihnen doch noch der schöne Trost manches brave Wesen um sich zu haben das mitfühlt, mitträgt. diese Beruhigung ist mir versagt. Ich lebe so vereinzelt als gäbe es außer mir keinen Menschen mehr, und es gehört gewiß zu den unglaublichen Dingen wenn ich sage daß ich in der Jahresfrist die ich nun hier verlebt habe keine Seele gefunden habe mit der ich nur von gleichgültigen LebensEreignißen sprechen könnte, geschweige denn eine die ich tiefer in mein Inneres blikken laßen möchte. War ich je verschloßen, so bin ich es nun erst recht, und es wird viel Mühe kosten durch diese Eisrinde zu dringen.

Die Nachricht von der Wiederheyrath der Schrökh und Jettchens hat mich seltsam bewegt, möge der Himmel mehr Einsehen haben als die Menschen und es zum Guten lenken.

Innig hat mich die wiederhohlte Feyer des 19t Aug: gerührt. So viel Liebe verdiene ich nicht, und kann sie auch durch nichts vergelten, als durch die reinste Anerkennung und herzlichste wahrste Erwiederung. Ich habe diesen und meinen Geburtstag sehr trübe verlebt, ich dachte mich zwar nach Berlin, aber selbst diese Errinnerung diente nur dazu mich wehmüthiger zu stimmen da jene frohe herrliche Zeit in zu grellem Kontraste mit meinem jezigen Pflanzenleben steht. Auch ist mein Geist so niedergedrükt daß ich gar keine Lust und Kraft zum Arbeiten habe. Ich schikke Ihnen durch Türks oder Wollank die Hymne. Sie gehört Ihnen und soll bey Ihnen gesungen werden. ich werde mich dazu träumen und im Geiste euren Fleiß, euren Eifer bewundern, und mich herzlich ergözzen wenn diese Arbeit wieder eine kleine Blume mehr in den Kranz euerer geselligen Freuden windet.

Lebt des theuren Flemmings Schwester noch bey Ihnen, so grüßen Sie Sie von mir mit der Liebe die auf jedes Wesen übergeht das ihm angehörte und theuer war. Was ich sonst treibe und wirke werden Sie durch Wollanks und Türks Briefe des breiteren erfahren. Ich arbeite wie ein Mann der seine Kunst liebt, und das ist noch mein einziger Trost. Schreiben Sie mir doch bald wieder, und ausführlich. Wie geht es Jordans und allen Bekannten? haben Jord: meine Briefe erhalten? was machen Lecoqs, Ulrike, Merzdorf p p p p p – Ich habe leider nicht so viel Stoff Ihnen zu schreiben, denn ich muß immer nur von mir sprechen, und da ich immer derselbe bleibe so ist es auch immer die alte Leyer. Aber das ist nicht anders noch 1000 und 1000 mal werde ich Ihnen sagen wie sehr ich Sie liebe und achte, und wie unveränderlich ich ewig bleiben werde Ihr treuer Freund Weber

Apparat

Zusammenfassung

klagt über fehlende Kontakte und trübe Stimmung; Berlin-Erinnerungen; übersendet durch Türke oder Wollank Hymne

Incipit

Noch immer ergreiffe ich mit einer gewißen heiligen Wehmuth

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana, Cl. II A e, 7 (neu: 6)

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S. einschl. Adr.)
  • Siegelspur und -loch
  • Brief war dem an Wollank vom 18. Februar 1814 beigeschlossen (TB 18. Februar: geschrieben an Wollank. Amalie. Koch.)
Weitere Textquellen
  • Virneisel/Hausswald, S. 69–70.

Textkonstitution

  • "keine": Hinzufügung.

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