Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Berlin, Freitag, 5. und Sonnabend, 6. August 1814 (Nr. 9)

Liebe theure Lina!

Ein bischen habe ich mich nun von meiner Reise erholt, obwohl ich die 2 Tage sehr früh schlafen gieng und sehr spät aufstand.      Morgen sind es 8 Tage daß ich keinen Brief von dir erhalten habe, und es dünkt mich schon eine Ewigkeit. ich rechne mir vor daß es eigentlich unmöglich ist schon einen zu haben und doch bin ich in großer Unruhe darüber. Was macht mein Mukkerl wohl jezt? denke ich wohl 1000mal des Tages. möchte so gern dich belauschen und sehen wie Dein Gemüth gestimmt ist, möchte so gerne beruhigt sein über die bittern Angenblikke die dir mein Brief No: 5 verursacht haben muß. – Du mein liebes Leben, wenn ich so in großer MenschenMenge bin, still dasizze und in Gedanken alle anwesenden weiblichen Geschöpfe mit dir vergleiche, – wie unendlich lieber wirst du mir da immer, – wie sehr fühle ich daß du mich recht glüklich und froh machen kannst, daß nur du das alles in dir vereinigst was ich wünsche, und wie sehnsuchtsvoll sehe ich dann nach Prag hinüber, und wie immer ängstlicher wird mir der Gedanke daß du einst verändert gegen mich sein könntest. Und doch bist du das erste Weib zu dem ich so viel unbedingtes Zutrauen gefaßt habe, der ich glaube daß es mich liebt, wo nur die schwärzeste Stimmung mich zuweilen einen Augenblik das Gegenteil fürchten läßt.

In deinem lezten Brief sind mancherley seltsame Andeutungen und Räthsel, die du mir mündlich lösen willst? auch foderst Du den Brief zurük den du mir mitgabst, und den ich bewahre. Es ist sonderbar daß eine innere Stimme mir zuruft ihn nicht zurükzugeben. ich kann keinen anderen Grund dafür anführen, als daß er doch eigentlich für mich bestimmt war, ich es in meiner Macht hatte, ihn zu lesen, und nur versprach ihn dir aufzuheben, oder einst mit dir zu lesen. Nach dem was du darüber äußertest sollte er eine Rechtfertigung für dich selbst enthalten. warum willst du ihn jezt zurük? und warum foderst du ihn in so mystischen beunruhigenden Ausdrükken zurük. Wird denn nie diese fremde Zwischenwand schwinden? soll ich dich immer noch uneins mit dir selbst glauben? wirst du immer geheimnißvoll ohne reine hingebende Offenheit vor mir stehen, oft mir etwas sagen wollen, und es im nächsten Augenblikke bereuen? Wenn ich dich nicht so unendlich liebte, müßte ich nicht ganz irre zuweilen an dir werden? Ich läugne nicht es kostet mich Ueberwindung dir diesen anvertrauten Brief zurükzuschikken, es ist mir als gäbe ich ein theures Pfand aus den Händen aber du willst es, und hier hast du ihn zum Beweis des unbegränzten Vertrauens das ich in deine Liebe sezze. – Wenn ich nur | bald Briefe von dir hätte, und zwar beruhigende.      Ich bin recht wohl und mein Kopf hat nur leise Anwandlungen, auch habe ich alle Ursache froh und zufrieden mit meiner Aufnahme hier zu sein.

Nachdem ich d: 2t No: 8 an dich abgesandt hatte, blieb ich zu Hause und ordnete etwas meine Sachen bis um 5 Uhr wo ich auf die SingAkademie gieng. beynah an 300 Mitglieder, und ein paar Hundert Zuhörer, unter andern Blücher, Prinz Georg pp waren zugegenT. Nach der ersten Pause trat ich hinein, und nun hättest du den Jubel und die Freude sehen sollen. Alles verließ seine Pläze und bekümerte sich nicht um die hohen Anwesenden, strömte im frohsten Lärm um mich her, und ich hätte dich herbeyzaubern mögen um zu sehen wie geehrt, ja wirklich Enthusiastisch, – dein Carl hier ist. Nachdem soupirte ich mit Lichtenstein und Wollank und legte mich ermüdet nieder, umarmte mein Mukkerl in Gedanken und schlief herrlich.

d: 3t machte ich Visiten. mein H: College Weber freute sich gar sehr über meine Ankunft. Bey den Eltern meines MeyerBeers wurden heute die Waisenkinder gespeist, und war außer dem große Tafel von 80 Couv: auch hier nahm man mich mit der größten Freude auf, und alles schrie, nun darf er nicht mehr fort pp Die Mutter Beer war so überrascht daß sie auf mich zu eilte und mich recht herzlich umarmte, worüber alle in laute* Beyfalls Zeichen ausbrachen.      Von da gieng ich ins Theater, wo Asträas Wiederkehr, ein würdiges Gegenstük zu Irenens Feyer,* und ein Ballett die Rükkehr der Krieger gegeben wurde. Dann giengs zum Geh: Staatsrath Jordan wo ich armes marodes Thier spielen mußte. um 2 Uhr endlich nach Hause. Von der Beleuchtung habe ich nichts gesehen, denn ich war froh in mein Nest zu kommen.

d: 4t hatte ich einen sehr traurigen Morgen. ich suchte Flemmings Freundin die gute Koch auf und fand Sie in neue Leiden versenkt, da ihr Vater seit 3 Monaten zwischen Leben und Tod ringt. Dieß und die Errinnerung an den theuren Verewigten machten mich sehr wehmüthig. Gegen Mittag machte ich Geschäfte mit meinem Verleger und bin ziemlich zufrieden. überhaupt habe ich einen guten Zeitpunkt getroffen, da bey den glüklichen Umständen viele Fremde hier sind, und die Rükkunft | des Königs alles zum Hofe gehörige herbey zieht. ich habe also auch Hoffnung ein gutes Concert zu machen. auch habe ich hier die beyden Rombergs, Rhode, und manchen alten Bekannten gefunden.

Mittags war großes Diner bey Dallach, dann Thee bey Weiß, und später bey Gern bis 1 Uhr.      Ich kann nicht läugnen daß diese Enthusiastische beynah übertriebene Verehrung meiner Arbeiten und diese herzliche Aufnahme von allen Seiten mich recht aufgeregt und meinem Geist einen neuen Anstoß und Schwung gegeben hat, und ich hoffe recht viel zu leisten, und neue Lust und Kraft zur Arbeit mitzunehmen. Der Gedanke ist mir innig wohlthuend wenn ich so manchmal hoffen kann daß mein Mukkerl meist stolz auf ihren Carl seyn könnte.

Nun habe ich Dir recht viel von mir vorgeschwazt, aber du hast es haben wollen nun mußt du es auch hören. –

So eben fährt der König den man erst in 3 – 4 Tagen erwartete unvermuthet bey meinem Fenster vorbey. Da werden die Festins Arrangirer recht in Verlegenheit sein.      Die Tante Bethmann grüßt dich bestens, und hat mich höllisch über dich examinirt, da habe ich denn natürlich sauberes Zeug von dir gesagt, das sie sehr freute. Nun muß ich für Heute schließen. Morgen geht die Post. alle Woche 2 mal.

Mukkerl kann recht ruhig sein, ich bin so brav, wie ich sein muß. – denn ich kann nicht anderst. Du hast mich dazu gezwungen, und ich freue mich dieses Zwangs. Lebe wohl mein Leben 100 000 000 000 000 Küße von deinem treuesten Carl.  

Guten Morgen Mlle: Brandt! gut geschlafen? und an Ihren Carl im Traum gedacht? ich habe es gethan, und du warst so brav, so gut, daß ich ganz fröhlich erwacht bin, und es dem Mukkerl erzählen muß; auch habe ich noch mancherley mit ihm zu plaudern und heute muß der Brief auf die Post.

Gestern Vormittag hatte ich noch einen curiosen Vorfall, es machten mir nehmlich ein paar angesehene Damen die ich früher nicht kannte, eine Visite, Frau v: Kleist* und v: Le Coq.* und zwar um mich zu sich auf den Abend in Gesellschaft zu bitten. Der bekannte Dichter La Motte Fouque und seine Frau, wären den Abend bey ihr, hätten Verlangen meine Bekanntschaft zu machen, und um nun gewiß zu sein, daß ich es nicht abschlüge hinzukommen, hätten Sie sich selbst aufgemacht mich einzuladen, und ein paar Damen könnte ich doch keinen Korb geben. Obwohl ich | auf den Abend schon versagt war, so mußte ich doch ein paar Stunden da zubringen, und habe es auch nicht bereut, denn Fouqué ist ein intereßanter Mensch mit dem ich mich in Correßpondenz sezzen werde.

Wie würde wohl einer Prager Dame zu Muthe sein, wenn sie bey einem Künstler vorfahren müßte um ihn zu sich zu bitten?

von 9 bis 1 Uhr waren wir dann bey Wollank zusamen, wo beynah nichts als Musik von mir gemacht wurde. und da habe ich dann auch Mukkerls Gesundheit getrunken, und es sehnlichst mit in den frohen Kreiß braver Menschen gewünscht. und vielleicht war meine Lina gerade den Abend recht traurig. Dieser Gedanke machte mich ein paarmal ganz still, und ich nahm es mir beynahe übel, fröhlich zu sein.      Es beunruhigt mich daß ich noch keinen Brief von dir hier erhalten habe, nun müßte er doch da seyn. Wenn mein gutes Leben nur nicht etwa krank ist. Du magst in der lezten Zeit der Anwesenheit von L: und V: noch manchen Sturm zu leiden, manche Aufopferung zu bringen gehabt haben, und hast dafür gar keinen Ersaz der dich ein wenig aufheitern könnte. All Deine Umgebungen nehmen die düstere Farbe an die du ihnen mittheilst, wo soll da Heiterkeit herkommen zumal da der Stoff dazu nicht in dir liegt. Die gute Bach ist selbst zu sehr beschäftigt um sich dir so ganz widmen zu können, und besizt auch nicht das Glük dich zerstreuen zu können. Vielleicht bringt die Rükkunft der Allram auch ein bischen einen muntereren Ton.

Sobald die Festlichkeiten hier vorüber sind, werde ich den Tag meines Concertes bestimmen. Die TheaterAngelegenheiten sind noch auf sehr schwankenden Füßen, da Iffland noch nicht todt, und das Ganze durch eine Art von Ausschuß geleitet wird, der nur gerade so viel thut daß man wenigstens das Haus nicht zuschließen darf. Auch wohl nicht mehr thun kann. Diese Woche sind die Bajaderen und die Vestalin auf die ich mich freue, sonst lauter alter Schund.      Auch wäre ich recht froh, wenn ich erst alle nothwendigen Visiten, die man vor dem Concert nicht außer Augen laßen darf, vom Halse hätte, und die Einzugs Geschichten, Beleuchtungen pp vorbey wären. Eher kann man nichts ordentliches thun und einleiten, denn die Menschen gehen alle wie toll im Kopfe herum, und halten keinen Augenblik stand.

Noch will ich den Brief nicht schließen, und andre expediren, bis auf den lezten Augenblik. vielleicht kömt noch einer von dir.      Liebichs werden noch nicht zurük sein deßhalb schreibe ich ihm erst nächsten Posttag. alle Bekannten grüße mir bestens, und sey ja so gütig dich nach ankommenden Briefen für mich zu erkundigen und sie mir hieher zu schikken.      Könnte ich dich doch nur eine Stunde zu mir zaubern, was gäbe ich darum. Gestern Abend waren es 4 Wochen daß wir uns trennten, wie langsam die Zeit für das Gefühl schleicht, und für die Geschäfte und Arbeit vorüber raßt. Denkst Du auch recht oft an den Augenblik wo wir uns wiedersehen werden. wo ich dich innigst an meine Brust drükken, und fest, fest halten werde? Gott wird sie ja auch bald herbey führen diese schöne Zeit. Sey froh, Mukkerl, ruhig,* du kannst es sein* denn gewiß über alles, liebt Dich treu und unwandelbar dein C:

Apparat

Zusammenfassung

Privates (wartet dringend auf Brief); Bericht über Besuch der Singakademie u. bei Beers, Theater u.a. Berliner Ereignisse; 2.Teil: über Einladung bei Fouqué u. Musikabend bei Wollank; über sein geplantes Konzert

Incipit

Ein bischen habe ich mich nun von meiner Reise

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana, Cl. II A a.1.3

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b.S. o.Adr.)
  • auf Bl. 1r oben links von Jähns Hand: Carl Maria von Weber an seine Braut. – Eigenhändig. F. W. Jähns.
  • Rötel- und Blaustiftmarkierungen von MMW
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 64–71.

Textkonstitution

  • "nicht": Hinzufügung.
  • "ihn": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… umarmte, worüber alle in laute": danach: unleserl. durchstr. Wortfragment
  • "… Gegenstük zu Irenens Feyer ,": Das Festspiel, das Weber hier erwähnt, wurde am 6. und 7. Juli 1814 aus Anlass der Rückkehr des Kaisers Franz I. nach dem Sieg über Napoleon in den Regierungssitz Wien im Ständetheater aufgeführt, vgl. die Besprechung
  • "… Visite , Frau v: Kleist": Möglicherweise identisch mit Marie von Kleist
  • "… und v: Le Coq .": Möglicherweise identisch mit Juliane Henriette Le Coq
  • "L:": Abk. von "Louis"
  • "V:": Abk. von "Vater"
  • "… Sey froh, Mukkerl, ruhig ,": dreifach unterstrichen
  • "… unterstrichen du kannst es sein": dreifach unterstrichen

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