Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
München, Montag, 26. Juni 1815 (Nr. 3)

Nach langer Zeit endlich wieder ein froher Augenblik durch deinen lieben Brief vom 20. huj:. Der vorlezte oder Erste hat mir freylich sehr wehe gethan, und meine Antwort mag auch das ganze Gefühl meines Schmerzes enthalten, aber nun bin ich Gott sey Dank viel beruhigter da ich sehe daß du gesund bist und dich bemühst ruhig zu werden.      Dank, innigen Dank für Deine Wünsche für mein Wohl – fromme Wünsche – ich bin ziemlich wohl. Die hiesige Luft thut mir gut, und alles was mich umgiebt kennt nur das Streben mich aufheitern zu wollen. Die guten Menschen. es thut mir manchmal ordentlich wehe das zu sehen.      ich bin Dir auch noch ganz Bericht schuldig wie es mir gegangen und was ich bis jetzt gethan; zu wem auf der Welt könnte ich den[n] von mir sprechen als zu dir; es gab eine Zeit wo Du das gerne hörtest, laß mich immer zurükträumen in diese schöne Zeit.

Vergeblich versuchte ich in Hradek etwas arbeiten zu können. Troz der schönen Natur, der Stille um mich, und der herzlichen Aufmerksamkeit und Schonung mit der man mich behandelte konnte ich es nicht über mich gewinnen meinen Geist zu sammeln. d: 17t früh um 3 Uhr reißte ich mit Herrschaftlichen Pferden ab, den graden Weg durchs Gebirge, fürchterliche unwegsame Straßen. Gegen Mittag erreichte ich die bayrsche Gränze, Zwisel. fuhr dann die Nacht durch und kam den 18t Abends um 6 Uhr in München an. Die Freude Bärmanns und Harlas war wirklich unbeschreiblich groß.      d: 19t fuhr ich sogleich nach Nymphenburg zu der Königin die ich nebst Sr: Majestät dem König sprach, und zwar lezteren auf seine herzliche frohe Weise. Nachtische strömten meine Bekannten zusamen und alles freute sich.

d: 20t machte ich die dring[en]dsten Visiten. Nachtische gieng ich zu Wiebekings die mich sehr herzlich empfingen, d: 21t aber auf 14 Tage zu ihrem und meinem Leidwesen verreißten. dann ins Theater.      d: 21t verging mit Visiten den ganzen Tag. Nachtische war Probe der Vestalin für Mad. Ther: Seßi von Wien*. Abends spielte ich mit Baron Poisl seine Oper Athalia durch, die viele herrliche Sachen enthält. d: 22t machte ich den ganzen Tag wegen des schändlichen Wetters Musik mit Bärmann. und ging nur Abends in die Vestalin, die aber nicht zu meiner Zufriedenheit gegeben wurde. d: 23t Visiten. es mußte etwas für den Vice König arrangirt werden das mir den ganzen Tag nahm. d: 24t machte die große Sieges Nachricht* alle Menschen wirbeln. Nachtische las mir H: Wohlbrük 2 vortreffliche Opern Gedichte vor, und versprach auch mir eines. Dann gieng ich zu Gretchen Carl, die dich herzlichst grüßen läßt, mich aber etwas geziert empfing, weil ich schon 8 Tage in München war ohne sich mich um sie zu bekümmern. dann ins Isarthor Theater, Die Bürger in Wien, H: Carl den Staberl, sehr brav. | Gestern d: 25t war Te Deum und 300 Kanonenschüsse wegen dem großen Siege. Nachtische spielte ich viel Klavier und sang von meinen neusten Arbeiten vor. Heute endlich begann freundlich der Tag durch deinen lieben Brief, und ich eile Dir noch mit der heutigen Post zu antworten. Der große Sieg ist sind einestheils sehr schlimm für mich. Wegen dem Tode des Herzogs von Braunschweig legt der Hof die Trauer an, und somit ist vor der Hand an kein Spielen bey Hofe zu denken.

Die Krankheit unseres guten Liebichs macht mir sehr bange, ich hoffe aber zu Gott, daß Dein nächster Brief mir beruhigende Nachrichten bringen wird. Der arme Zarda. Es thut mir recht leid um ihn. mit nächster      Post muß ich Vorkehrungen treffen wegen den Wechseln. Heute ist es zu spät denn die Post geht um 9 Uhr.      Alles was von Briefen oder Paketen – große Musikalien Päkke ausgenommen – an mich da ist bitte ich dich mir sogleich immer zu schikken. ich hätte so gern auch an Liebich geschrieben, aber es ist heute keine Zeit, und dann habe ich ihm auch nichts zu schreiben. Es ist mir immer als gienge mich gar Niemand auf der Welt mehr etwas an. ich zürne mir oft über die tödliche Kälte die ich gegen alle meine Freunde in mir fühle, und die so höchst undankhar ihre Liebe vergilt, aber es ist nun einmal so. Ein Gefühl hat alles übrige verschlungen, alle Wärme, alles Vertrauen, alle Innigkeit lebte nur in ihm – es hat mir nichts mehr übrig gelaßen für mich noch für meine Freunde. Wenn ich nur erst wieder arbeiten kann – aber nicht einmal zur Geistlosen Correspondenz führung kann ich mich bequemen. –

nun lebe wohl, gesund und zufrieden meine theure geliebte Lina, nur in deiner Zufriedenheit werde ich noch ein Glük sehen, und hast du mich je nur ein wenig geliebt, so strebe mir dieses Glük zu verschaffen. Schreibe bald wieder Deinem, nur deinem Carl.

Grüße an alle Bekannten. Grünbaums, Allrams, pp

Apparat

Zusammenfassung

Reisebericht; berichtet über die ersten Tage seines Münchener Aufenthaltes (Opernbesuche); erwähnt Operntexte von Wohlbrück.

Incipit

Nach langer Zeit endlich wieder ein froher

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: WFN - Mus.ep.C.M.v.Weber 53

    Quellenbeschreibung

    • Urspr. 1 DBl. (2. b. S. o. Adr.), Bl. 2 bis auf 2 cm Rand abgeschnitten
    • Auf Bl. 1r oben links Ergänzung von Jähns: No 3. (1815)
    • Rötelmarkierungen von MMW

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Bartlitz (Muks), S. 132–135 (Nr. 20)

Textkonstitution

  • g„d“ überschrieben mit „g“.
  • „sich“durchgestrichen.
  • „sind“durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • „… Mad. Ther: Seßi von Wien“Sie sang die Hauptpartie (Julia).
  • „… machte die große Sieges Nachricht“Sieg der alliierten Truppen gegen das napoleonische Heer in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815.

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