Carl Maria von Weber an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Prag, Sonntag, 26. November 1815

An die löbl:

Redaction der

Allgemeinen Musicalischen

Zeitung

zu

Leipzig

Wie wohltuend ist es mir mein theurer Freund, daß auch Sie unsre Trennung als eine Lükke in unserm Leben betrachten. unzähliche mal habe ich dieß schmerzlich gefühlt, und doch kann ich Sie in Ihrer Umgebung glüklich preisen, dahingegen die meinigen mich so verödet in jeder Hinsicht stehen laßen, daß zuweilen ein unglaublich bitterer Unmuth mich ergreifft, der daraus theils entspringt daß ich unzufrieden mit mir selbst bin nicht Kraft genug zu haben troz der tödtenden Kälte von außen meinen Geist gehörig zur Arbeit erheben zu können, – und anderntheils werde ich wieder recht weich und habe eine Art von Mitleiden mit mir selbst, so gestellt zu sein, und das herrlichste, und unwiederbringliche die Zeit, so ungenuzt dahin strömen zu sehen. Wenn ich so den ganzen Vormittag geschulmeistert habe in den Proben, und ganz abgespannt bin, so bin ich den übrigen Tag selbst wenn ihn keine Dienst Geschäfte mehr füllen, Todt für die Kunst, oder vielmehr für das Schaffen.      Meine Cantate geht einen wahren SchnekkenGang. Täglich peinigt mich mehr der Gedanke daß sie doch als eine Art von GelegenheitsSache, je eher je beßer in die Welt treten sollte, ja daß das nächste beste Ereigniß in unsrer bunten Zeit, sie ganz wirkungslos machen kann – aber das hilft alles nichts. der freye Genius will nichts von dem hofmeisternden Verstand in solchen Fällen wißen, und wird höchstens ärgerlich, peinlich, und krittlich, dadurch.      Mit Schmerzen sehe ich daher dem Ende meines Contractes hier entgegen, obwohl ich überzeugt bin daß es mich doch Mühe kosten wird meinen Plaz zu verlaßen. einem gewißen Schlendrian der ohne glüklich zu machen und zu großen Resultaten zu führen, doch wenigstens vor Unglük sichert, und die jedem Menschen natürliche Faulheit und Liebe zur Ruhe zum Alliirten hat, – ist es immer schwerer sich zu entreißen, und dem Gerathewohl im Weltgetümmel sich hinzugeben.      Aber es muß sein. Zum Schanz Arbeiter am Lustwalle eines einzelnen StadtPublikums fühle ich mich noch zu gut.      Noch ist der Muth und die Lust da in wenig Jahren könnte er einschlafen. –      Ja hätte ich Sie hier. Sie wären mir eine Welt, ich würde für Sie für Ihr Urtheil für unsre Freude arbeiten, und davon würde die übrige Welt auch etwas haben. aber ohne Anstoß ist doch wahrhaftig die beste Kugel ein fauler Kloz, und das ärgert mich eben – –

Antwort sind Sie mir wohl schuldig lieber Freund, ob gerade auf einen Brief das weis ich nicht, aber auf mancherley andere Dinge. Z: B: auf die Idee die ich in einem meiner früheren Briefe aussprach, und worüber ich gar zu gerne Ihre Meynung gehört hätte, von einem Klavier Concert in F moll, an einem dramatischen Faden gesponnen, den kurze bekannte Stellen aus irgend einem Dichter auf dem Programm anzeigten. –

Bey meiner Rükkunft hier, kreuzten sich unsre Briefe d: 11t September schrieb ich an Sie und schikte eine Ankündigung des Frankenhauser Musik Festes mit, für die Allg: M: Z: darauf habe ich keine Antwort, sondern d: 12t schon den Brief von Ihnen erhalten, deßen Sie im lezten erwähnen, und den ich dann d: 16t gleich wieder beantwortete.      Auch wollte ich | gerne von Ihnen ein bischen gelobt sein, über den, wie ich glaube neuen Versuch in der hiesigen Zeitung, auf das Publikum zu wirken.

Dann bat ich Sie gleichfalls um ein Verzeichniß für hier, von den GemäldenT. pp

Es ist kein Wunder wenn ich in meinem lezten Aufsaz tüchtig raisonirt habe. es ist gerade eine Zeit, wo die halbMenschen mir verdammt den Kopf warm machen.      Wenn ich aber der M: Z: einen Vorwurf gemacht habe, so habe ich mich schlecht ausgedrükt. übrigens habe ich ja auch gleich vornherein gesagt, daß ich in einer litterarischen Abgeschiedenheit lebe. ich bekomme gar keine Zeitschrift zu sehen, und werde mir die M: Z: vom neuen Jahr an halten und Post täglich schikken laßen.

Clement war nicht sehr von seiner Reise erbaut. Er kam aber auch zu einer bösen Zeit nach Leipzig. welches ist denn die beste da? ich gedenke künftiges Jahr meinen Reise Anfang mit Gotha, Weimar, Leipzig, zu machen. Michaeli ist meine Zeit um. Sie lachen wohl daß ich jezt schon daran denke?      So eine große Reise ist kein Spaß und will wohl überlegt sein wenn man nicht planlos hin und herziehen, und blos wie die Kaufleute zur Meße, überall um des Concerts willen hingehen will.

Ich freue mich herzlich auf Ihre neuen Erzählungen: könnte man die Liedleins nicht früher bekommen? und, wenn es Ihnen angenehm ist, einen oder 2 mit der Musik dem Werke beyzudrukken?*

Haben Sie nicht auch ein Trauerspiel geschrieben?* und wollen Sie mir es nicht schikken, um es hier auf die Bühne zu bringen? Vor einigen Tagen gab [man] ein neues im Msc: von Reinbek. Schöne Versifikation, und Charakter Zeichnung, aber ohne reine Eigenthümlichkeit. die Leute wollen manches entlehnte aus Schillers Stükken gefunden haben pp. es heißt Kampf der Gefühle, und spielt zur Zeit der Stuarte in Schottland*.

Na, heute habe ich mirs wohl sein laßen, es war ein freyer SonntagsMorgen wie sie mir selten zu theil werden, und den ich nicht erfreulicher hinbringen konnte als mit dem Freunde so recht rein von Herzen weg zu plaudern die Kreuz und die Quere wie wenn ich mich an seine Seite versezt fühlte.      Aufrichtig gesagt fühle ich eine gute Portion Neid in mir gegen Sie, wenn Sie so glüklich und froh von Ihren Theuren sprechen, nicht als ob ich es Ihnen nicht gönnte, sondern weil ich es nicht auch so gut habe. Wenn ich so einen Brief von Ihnen bekomme, freut sich kein Mensch mit mir, und ich kann mir ihn höchstens laut lesen, wobey mir immer ist als müste mir jemand zuhören.      Nun, Gott erhalte es Ihnen und reichlich belohnt bin ich wenn ich weis daß in diesem trefflichen Kreise, auch des armen Webers freundlich und theilnehmend gedacht wird, und das weis ich ja, und also genug, und nicht immer unzufrieden und unersättlich.

     Ich umarme Sie von Herzen. Ihr Weber

Apparat

Zusammenfassung

klagt über seine Situation in Prag, die ihm Zeit und Lust zu kompositorischer Produktivität raube; bittet Rochlitz erneut um seine Meinung zu dem Plan eines Klavierkonzerts mit literarischem "Programm"; betr. einige Aufsätze Webers; klagt über seine literarische Abgeschiedenheit; betr. Reisepläne; betr. Vertonungen zu Erzählungen von Rochlitz; erwähnt ein Theaterstück von Reinbeck.

Incipit

Wie wohlthuend ist es mir mein theurer Freund

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatliches Institut für Musikforschung, Bibliothek (D-Bim)

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (3 b. S. einschl. Adr.)
  • Siegelrest

Überlieferung

  • L’Art Ancien Zürich, Auktion 34 (21. März 1962), Nr. 320
  • Karl & Faber, Auktion 51 u. 52 (12./13. Mai 1955), Nr. 741
  • ebd., Auktion 47 (1./2. Juni 1954), Nr. 1337
  • Henrici Kat. 43 (14.-16. März 1918), Nr. 446
  • List & Francke (10. Mai 1880), Nr. 677
Weitere Textquellen
  • Karl von Holtei: Dreihundert Briefe aus zwei Jahrhunderten. 2. Bd. (3. u. 4. Teil), Hannover: K. Rümpler, 1872, S. 130–133
  • TV: MMW I, S. 486

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… der Musik dem Werke beyzudrukken?": Friedrich Rochlitz’ Neue Erzählungen (2 Bd. Leipzig und Züllichau 1816) enthalten unter „II. Reime“ drei Gedichte: Der König und sein Roß, Salomo, Die Nixen. Rochlitz ging auf das Angebot zur Vertonung nicht ein, vgl. Webers Brief an ihn vom 4. Februar 1816.
    • "… nicht auch ein Trauerspiel geschrieben?": Antigone, Tragödie in 3 Akten, nach Sophokles, uraufgeführt am 30. Januar 1809 in Weimar
    • "… Zeit der Stuarte in Schottland": Weber komponierte als Einlage zu Szene III/2 die Ballade „Was stürmt die Haide herauf?“.

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