Carl Maria von Weber an Ernst Pastenaci in Lamgarben bei Schippenbeil in Ostpreußen
Hosterwitz, Donnerstag, 5. August 1819

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An H: E. Pastenaci. zu Lamgarben

bei Schippenbeil in OstPreußen.

Eine sehr Langwierige Krankheit hat mich seit Monaten von allen Geschäften entfernt. Sehen Sie darin die Uhrsach meiner Verzögerten Antwort auf Ihre geehrtes Zuschrift vom 1t Juni. Mit Theilnahme habe ich das mir übersendete durch gesehen, und Ihre vertrauensvolle Offenheit hat mich herzlich angesprochen. Ich gebe Ihnen dafür, was jeden Menschen das heiligste sein muß – Wahrheit – so weit meine Einsicht nehmlich sie mir zu geben erlaubt, und nach meiner Uiberzeugung. Ich würde Ihres Vertrauens nicht werth zu sein | glauben wenn ich es nicht thäte. Könnte ich doch Aug in Auge Ihnen gegenüber stehen und der herzliche Ton des treu meinenden Freundes meinen Worten die Wärme geben die Sie von der Reinheit meiner Absicht Ihnen nützlich zu sein überzeugen und villeicht manchen bittern Tropfen die scheinbare Schärfe nehmen könnte die von dem kalten Papier so starr und theilnahmlos den Leser anblikt.

Ihre Arbeiten* zeugen von fleisigen Studium, das Sie so weit gebracht als man ohne Rath und Erfahrung kommen kann. Sie wühlen in Harmonieen Fülle und finden sich wohl in aufsuchung der wohlklingensten Laagen. Dies beweist Sinn für das wahre Grundgebäude der Kunst aber meist geht darüber die Sorgfalt für das eigendlich Melodiöse verlohren, für die eigendliche Erfindung und für die Haltung des Ganzen. Fremde Eindrüke haben Sie aufgeregt; so etwas wollen Sie auch machen. Nun ja, das ist der erste Anstoß des Genius, der erst nach dem Ziele das er wirklich schauet, und erst viel später frey sich bewegten und nach dem Idealen hin streben lernt, was ihn dann aus sich selbst sprechen lehrt, und nicht mehr seinen Gedanken in die vorhandenen Formen preßt. Die Werke jedes Anfängers wimeln von Reminiszenzen. zu jedem Stük kann man das Vorbild finden nach dem es zugeschnitten. So auch bey Ihnen. Sie gestehen keinen Harmonie-Unterricht gehabt zu haben, und leider bestätigt sich dies auf jeder Zeile fast. Falsche, unrichtige Schreibart, des in sich Richtigen, findet man häufig, und zwar so gestellt, daß es nicht mit einen | Federstrich gut gemacht ist.

So wie die mir übersandten Arbeiten jetzt sind kann ich Ihnen nicht zur Herausgabe rathen. Es thut mir herzlich weh Ihnen das so offen sagen zu müßen denn Sie hoffen auch Erwerb davon, aber ich kann nicht anderst. Wollen Sie sich gedrukt das sagen laßen, was ich Ihnen jetzt allein, und mit Liebe sage? wollen Sie durch ein villeicht zu hartes Urtheil Sich selbst und für künftig jeden Verleger zurükschreken laßen? Ich glaube aus Ihren Briefe zu entnehmen daß Sie villeicht wünschen ich solle diese Arbeit reinigen und sie dann in die Welt fördern. Das kann ich nicht lieber Freund. Ja wären Sie bey mir könnte ich Sie selbst zur Verbeßerung anleiten mit Freuden würde ich es thun. Aber so ist es eine Arbeit die mir meine Zeit und Verhältniße nicht erlauben, und wo anderentheils die Werke noch nicht genug den Stempel der eigenen Schöpfung tragen, um durch das Vertilligen einiger Fleken zu etwas Selbstständigen oder Bedeutenten zu werden. Laßen Sie sich hierdurch nicht abschreken. Glauben Sie nicht das ich Ihnen Erfindung abspreche. Nein, Sie haben schon zuviel des Achtungswerthen eingesogen, und geleistet um es fahren zu laßen aber schlagen Sie künftig den Weg ein die Partituren Klassischer Meister ihren Plan und ihren Anlagen nach zu studieren. Beobachten Sie den Gang den Fluß der Rede. Sehen Sie wie die Hauptgedanken entwikelt sind nicht herumgeführt ist. Vor allem aber suchen Sie sich gründliche Harmonie Kentniße zu erwerben. |

Wenn man nicht Herr über die Mittel sich auszusprechen ist, wie soll da nicht der Ideen Fluß jeden Augenblik gehemt werden? wer schon erst daran denken oder sich vornehmen muß – hier soll ein Uibergang komen – der geht über, aber wer wird es ihm Dank wißen? Er wird immer erscheinen, wie einer der zur Gesellschaft sagt „geben sie acht, jetzt werde ich wahrscheinlich einen guten Einfall haben“ –.

Ihre Walzer enthalten viel Lobliches. Es sind aber doch mehr Redensarten als eigendliche Gedanken. Im Rithmuß ist manches fehlerhaft. Z. B. No 1 Schluß des 2t Theils 5 Takte statt 4*. Weil Ihnen Ihr Gefühl den Haupt Akzent auf den Takt 1. Notenbeispiel fallen lies, und zwar ganz richtig, dann nimt aber* das Gefühl des Hörers den 1t Takt 2. Notenbeispiel stets für einen Art Auftakt wodurch das Ganze eigendlich die Haltung von 6/8 Takt bekömt daraus folgt daß die dem 3/4 Takt eigenthümlich rythmische Bewegung verfehlt ist. Der Harmonischen Unrichtigkeiten sind viele, wenn ich auch manches nur für Stichfehler und noch noch anderes für Härten pasieren laßen will. Auch muthen Sie der Spannung der Hände zu viel zu. Ein Fehler den man mir auch häufig vorwirft, obwohl ich es mir nur da erlaube wo es mir unausweichbar zur Wesenheit des Gedankens nöthig scheint vorkömt. Nun, es wird Ihnen auch überall nöthig vorgekomen sein.

Der Klavier Auszug scheint mir soviel ich mich ohne die Partitur zur Hand zu haben erinnere gut, vollständig, fast überfleisig verfaßt zu sein. Stellen, wie 3. Notenbeispiel muß man im Klavier Auszug nicht schreiben sie stöhren mehr in der Ausführung als das Gelingen deßelben Gewinn bringt.      Sie irren sich wenn Sie glauben die Tonart des | Themas der Variat: in Es verändert zu haben. Sie ist Ursprünglich also und zwar von Umlauf und nicht von Hiller aus der Oper der Irwisch und heist: zu Steffen sprach im Traume  auch Mozart hat es var[i]iert.* In dem Augenblik wo ich dies schreibe sehe ich, das ich mich irre, und daß, als ich auf meine Bleiche* eine solche Ähnlichkeit durch die Versetzung in Es mit dem Stephan bekomen hatt.      Das Scherzo gefällt mir im ganzen recht wohl, doch wendet und dreht sich alles gar zu harmonisierend. Das Trio ohne allen Unterschied fast wie das Erste. Nichts als Würze darüber schmekt man am Ende das eigendliche Fleisch gar nicht.      Der 2t Theil entfernd sich gar zu schnell weit von der Haupttonart, und verlöscht das Gefühl derselben. in dem Takt 5. 6. 7. 8 des 2t Theils sind die reinen 8 trotz der Vorhalte nicht zu vertilligen und die 8e der Bratsche mit dem Baß ganz unstatthaft. Dagegen hat das ganze Feuer und Leben.

Mein lieber junger Komponist, ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie was ich Ihnen hier zu sagen mich gedrungen fühlte auch richtig würdigen mögen daß es Sie weder abschreken noch Muthlos machen oder wohl gar erbittern möge.      Laßen Sie es sich Fingerzeige zum weiteren Fortschreiten auf einer wirklich ehrenvoll betretenen Bahn sein, und glauben Sie daß es viel lohnender und leichter ist mit ein paar nichtssagenden Phrasen einen Kunstjünger abzuspeisen als ihn auf die dornenvollen Schwierigkeiten des Kunstwegs aufmerksam | zu machen. Ich gab sie aus treuen Herzen meine Ansicht, nehmen Sie sie auch so auf, wohl uns beiden  wo nicht, so müste ich Sie zur Maße der Uebrichen rechnen, was ich nicht gern mögte. gewiß aber werde ich imer an jeden Empohrstrebenden wahren Theil nehmen, und also auch an Ihnen dem ich Heil Glük und Ausdauer und Geduld wünsche. zum ferneren Fortschreiten. Mit Freundschaftlicher Achtung Ihr ergebner
[gez.] Carl Maria v.
Weber
Hostervitz bey
Dresden

Apparat

Zusammenfassung

ins Detail gehende Besprechung von Arbeiten Pastenacis, die dieser Weber zur Beurteilung zugeschickt hatte; Weber rät von der Veröffentlichung der ihm vorgelegten Kompositionen ab

Incipit

Eine sehr langwierige Krankheit hat mich seit Monaten

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Entwurf: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin PK, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Mus ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, Mappe IX, Bl. 64 u. 65

Quellenbeschreibung

  • Hs.E. m.U., geschrieben von Caroline von Weber, die Adresse von C. M. von Weber
Weitere Textquellen
  • HellS III, S. 55–60
  • KS 137, S. 182–186
  • Laux, Carl: Kunstansichten. 1977, S. 243–246
  • TV: Groschke, Carl: "Carl Maria von Weber als Lehrer", in: Die Musik, Jg. 5, Heft 17 (Juni 1906), S. 337–340

Textkonstitution

  • "s": durchgestrichen.
  • "Juni.": "May" überschrieben.
  • "t": überschrieben.
  • "Bedeutenten": sic!
  • "sind": durchgestrichen.
  • "aber": überschrieben.
  • "vorkömt": durchgestrichen.
  • "deßelben": sic!

Einzelstellenerläuterung

  • "… Ihre Arbeiten": Pastenacy hatte mit seinem Brief vom 1. Juni 1819, den Weber laut Tagebuch am 17. Juni erhalten hatte, offensichtlich mehrere (nicht genauer nachweisbare) Werke geschickt, überwiegend unveröffentlichte Kompositionen in Manuskripten. Lediglich die angesprochene Walzersammlung legte er im Druck bei, da Weber ausdrücklich "Stichfehler" erwähnt. Es handelte sich dabei um die „Huit | GRANDES WALSES | pour le | Pianoforte | composées et dédiées | À Mademoiselle la Comtesse Fanny d’Egloffstein | par | E. PASTENACJ.“, erschienen als op. 1 bei A. Unzer in Königsberg. Die Sammlung erhielt auch in der AmZ, Jg. 21, Nr. 51 (22. Dezember 1819), Sp. 879f. eine eher ambivalente Beurteilung.
  • "… Theils 5 Takte statt 4": Huit Grandes Walses pour le Pianoforte op. 1, "Walse 1" Troppo moderato C-Dur, T. 37–41; die nachfolgenden Notenbeispiele stammen aus T. 38 (vereinfacht) bzw. T. 37 (oktaviert), jeweils rechte Hand.
  • "… ganz richtig, dann nimt aber": nicht eindeutig erkennbar, was unter dem korrigierten „aber“ gestanden hat
  • "… hat es var i iert.": Im 19. Jahrhundert galt Mozart als Komponist dieser Variationen (vgl. KV Anh. 288), die jedoch von Anton Eberl komponiert und als op. 5 veröffentlicht sind.
  • "… als ich auf meine Bleiche": Arie von Hannchen aus Johann Adam Hillers Oper „Die Jagd“.

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