Aufführungsbesprechung: "Der Gang nach dem Eisenhammer" von Bernhard Anselm Weber am 5. April 1812 in Berlin

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Conzert zum Besten des Pensionsfonds für die Witwen der Mitglieder des Königl. Orchesters, d. 5. April 1812 zu Berlin.

Unter dem unabsehbaren Strome von Conzerten, die Berlin in diesem Winter überschwemmte, gehört das oben benannte in vieler Rücksicht zu den interessantesten, und Ref. besonders sah ihm mit lebhafter Erwartung entgegen, weil es ein Tonstück enthielt, über dessen Werth er so manches widersprechende Urtheil gehört und gelesen hatte.

Der Eisenhammer, Ballade von Schiller, mit Musikbegleitung von dem Königl. Preuß. Kapellmeister Herrn B. A. Weber, war es, der gegeben wurde. Die Frage, ob und wie ein solches Gedicht in Musik gesetzt werden dürfe, hat schon viele Federn in Bewegung gesetzt. Ref. geht hier, indem er versuchen wird, eine Auseinandersetzung und Darstellung der musikalischen Behandlung zu liefern, von der Ansicht des Komponisten aus, der seine Töne als den Grund eines sich auf denselben erhebenden Gemäldes betrachtet, als den verstärkten dem Gefühle des Menschen näher | gebrachten Ausdruck, den die Worte aussprechen, indem er in den Tönen lebt.

Daß von diesem Gesichtspunkte aus die Behandlung des Herrn Kapellmeisters Weber höchst gelungen zu nennen sey, ist keinem Zweifel unterworfen. Mit der weisen Sparsamkeit des vielerfahrnen, effektkundigen Meisters hat er in dieser Musik, wo die Empfindungen des Kräftigen und Starken stets die vorherrschenden sind, doch höchst vortrefflich immer noch etwas zu Steigerung seiner Kräfte zurückbehalten, und gewisse Tonarten vermieden. Wahl, mächtig einherschreitender Rhythmus und vorzüglich schön berechnete Eintritte der Musik zur Deklamation, bezeichnen, wieviel Herr Kapellmeister Weber durch sein Talent und Erfahrung zu leisten im Stande ist.

Die Einleitung (C moll) ist unruhig, leidenschaftlich und aufbrausend; man hört in ihr gleichsam das schadenfrohe Zuflüstern des Jägers und das kräftige Auflodern des Grafen.

Nach einem Halbschlusse in G. zeigt der Komponist uns zum ersten Male wie im Spiegel der Zukunft den Eisenhammer (Es dur) durch einen allgewaltigen Rhythmus, den die Hörner und Fagotts fest und stark einhertreten lassen, wo nach dreizehn Takten wieder die erste schnelle Figur C moll ein|tritt, und sich in Massen fortbewegt, bis endlich Oboe solo in C dur erscheint, und mit herzlichen, auf den ewigen Sturm und Drang wohlthätigen, Accenten zu den Worten führt: "Ein frommer Knapp war Fridolin" – die der Komponist ohne Musik sprechen läßt, bis zu dem Verse: "Ihr klares Auge mit Vergnügen hing an den wohlgestalten Zügen" etc. Hier faßt die Oboe ihren Gesang wieder auf, und wird nach zwölf Takten von der ersten Figur C moll unterbrochen: "Darob entflammt in Roberts Brust, des Jägers, giftger Groll etc." Von großer Wirkung ist nach den Worten des Grafen: "Was red’st du mir, Gesell," das auf die vorher gehende Halb-Cadenz in G erfolgende Des unisono mit Violinen. Nun unterbricht die Musik in immer kürzern Absätzen die Reden, begleitet vortrefflich mit dem wiederkehrenden Anfangssatze, in D moll, schadenfroh murmelnd, des Jägers Wuth: "nun ja ich spreche von dem Blonden["] etc. bis nach den Versen:

"Die gute Gräfin sanft und weich,Aus Mitleid wohl verbarg sie’s Euch,Mich reuet jetzt, daß mir’s entfahren,Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren!", |

die mit klagendem, heuchelndem Klarinettsolo begleitet sind, – auf einmal der gräßliche Gedanke mit dem Eisenhammer die Seele des Grafen durchblitzt, und die Musik mit der schon in der Einleitung angedeuteten Phrase hervorbricht (Es dur). Ref. hält dies für eine der schönsten und wahrgedachtesten Stellen – die Musik malt nun ununterbrochen fort, und die Worte liefern die Deutung, z. B. "Der Funke sprüht, die Bälge blasen, als gält’ es, Berge zu verglasen" etc. Nur wie Fridolin sagt: "es soll geschehn," schweigt das Orchester, unterbricht nur kurz (in As dur Clarinett-Solo) die Rede, und schließt sich in haltenden Noten wieder an bey – "Und froh der viel willkommnen Pflicht." – Sehr überlegt bereitet nun der Komponist schon den folgenden Kirchengesang durch choralmäßige Begleitung der Violinen zum Dialoge vor. Der Zuhörer fühlt sich mit an die geweihte Stätte gezogen, und lieblich erfreut ihn der Eintritt des Sanctus (in dem heiligen, noch nicht da gewesenen E dur) von vier Singstimmen ohne Begleitung gesungen. Keiner wird dadurch sich gestört fühlen, es gehört zum Bilde, das Dichter und Musiker dem Gemüthe vorzaubern wollen, und fragt nicht nach den Vernünftlern, die alle Wirkungen nur dann genießen zu | können glauben, wenn sie sie anatomirt und als Geripp vor ihrem kalten Verstande stehen sehen. –
"Drauf, als der Priester fromm sich neigt"
ergreift die Violine wieder ihre haltende Begleitung etc. bis zu dem Amen, wo die Singstimmen schließen. Ohne Musik geht es dann bis zu den Worten: "Zwölf Paternoster noch im Stillen." – Nun führt die Musik wieder die Schrecken des Eisenhammers vor uns.

Fridolin vernimmt die räthselhafte Antwort, überbringt sie seinem Herrn, und entschuldigt sein Zögern:

"Die Messe, Herr, befahl sie mirZu hören, gern gehorcht ich ihr etc."

wozu die Violinen wieder (in F dur) an das vorige Kirchliche erinnern. In Des mit einem Rinforzando treten nun die Violinen ein, und schildern das Staunen und Schaudern über die That des Grafen, bis bei den Worten: "Nun ruft der Graf und steht vernichtet, Gott selbst im Himmel hat gerichtet," B mit dem Septimen-Accord, und zum ersten Male die Pauken Fortissimo einfallen.

Dieser Eintritt ist von der höchsten Wirkung. Schaaren von Komponisten hätten ihre Liebe zu | den Pauken nicht so lange an sich halten können, besonders da im Gedichte so viel Stoff da war, sie zu benutzen; schon der Eisenhammer selbst, wie den ohne Pauken malen? dann die mancherlei Schauder etc., aber diese heroische Entsagung um eines großen Effekts willen ist das, was den wahrhaft ausgezeichneten Komponisten karakterisirt.

Das Publikum ist ergriffen, zerschmettert von diesem Donner Gottes, der aber nur darum wirkt, weil er vorher, zu nichts Profanerem gebraucht wurde, und nun, nach zwei Takten, in denen dieser Donner leise verhallt, Es dur, tritt die Flöte Solo in C dur in ihren höchsten Regionen ein, und verbreitet eine Klarheit und Lieblichkeit, die ganz das göttliche Gefühl einer verhinderten Missethat und der geretteten Unschuld erweckt. Der Graf bringt Fridolin der Gräfin etc., und nach den Worten:

"Dies Kind, kein Engel ist so rein,Laßt’s Eurer Huld empfohlen seyn;Wenn schlimm wir auch berathen waren,Mit dem ist Gott und seine Schaaren" –

bricht der vollendete Jubel in C dur mit Trompeten und Pauken vereint los, in großen erhebenden Massen schließt das Ganze, und gewiß wird kein Zuhörer, ohne auf’s Innigste ergriffen zu | seyn, und mit dem lebhaftesten Danke für den herrlichen Genuß, den ihm der geistreiche Komponist bereitete, den Saal verlassen.

Die außerordentliche Wirkung dieses Schlusses liegt darin vorzüglich, daß erstens vorher, trotz mancher lieblichen Melodie, doch immer in denselben etwas Leidenschaftliches, Unruhiges lag, und nun jetzt vollendete Klarheit auch in der Tonart erscheint, da der Komponist sich wohl hütete, das C dur mehr zu berühren; und zweitens erscheinen hier zum ersten Male Trompeten und Pauken in ihrer eigentlichen Pracht, da vorher die Trompeten nur mit vier Hörnern vereint sich mit diesen so mischten und so behandelt waren, daß der Zuhörer nicht an die gewöhnlichen Trompeten-Effekte erinnert wurde, bis der vollendete Jubel es erlaubte.

Diese Arbeit wird ein bleibendes Denkmal des Genius des Hrn. K. Weber seyn. Gediegen und gedacht wird es überall seine Wirkung thun, und sich über kleinliche Ansichten erheben.

Vergönnt sey es mir nun auch, ein Wort über die vollendete Deklamation des Herrn General-Direktors Iffland zu sagen. Wie wohlthuend ist es, einen Deklamator zu hören, der ein so hohes Leben in seine Deklamation zu bringen weiß, und dabei so höchst richtig die feine Grenz-Linie, die | zwischen dieser und dem Theatralischen liegt, zu beobachten weiß. Möchten sich so viele Deklamationssüchtige an diesem herrlichen Vorbilde belehren, das mächtig und besonnen auf das Publikum wirkt.

Nächst diesem wurde vorher gegeben die Ouvertüre aus Tigranes von Righini und die Trauerkantate auf Haydns Tod von Cherubini. Mad. Müller und Mad. Schmidt sangen ein Duett aus Sargino mit gewohnter Vollkommenheit. Herr Schwarz blies ein Fagott-Adagio und Rondo von Winter mit schönem vollen Tone, und der Liebling des Berliner Publikums, Herr Möser, entzückte heute, wie immer, in einem Violinkonzerte von Kreutzer alle Freunde eines genialen, freien Spiels, welches ihm rein eigenthümlich ist.

Das Königl. Orchester exekutierte alles mit Kraft und Präzision, und mit Freuden ergreift Ref. die Gelegenheit, sämtlichen Mitgliedern desselben für ihre große Bereitwilligkeit und Liebe, mit der sie ihn und Hrn. Heinrich Bärmann in zwei Konzerten unterstützten*, öffentlich seinen besten Dank darzubringen.

Apparat

Zusammenfassung

lobt A. Webers Komposition hinsichtlich seines Gefühlsausdrucks; analysiert dann im Folgenden die Vertonung von Schillers Ballade anhand einzelner Abschnitte speziell hinsichtlich Tonarten und Instumentierung; hebt die effektvolle Verwendung der Pauken hervor

Generalvermerk

Rochlitz hatte Weber mitgeteilt, dass die Rezension in der eingesandten Fassung nicht gedruckt würde, Weber kündigte Umarbeitung an, vgl. Brief von Weber an Rochlitz vom 25. April 1812; evtl. lehnte Rochlitz ab, weil das Werk bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausführlich besprochen worden war; vgl. AmZ Nr. 4 (26. Oktober 1808), Sp. 62ff.

Entstehung

lt. TB 10. April 1812 (Niederschrift) und 14. April 1812 (Versand)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: HellS II (1828), S. 105

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 245–250 (Nr. 41)

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Bärmann in zwei Konzerten unterstützten“Weber und Baermann gaben am 15. und 25. März 1812 im Berliner Schauspielhaus zusammen Konzerte.

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